Therese Dörr sitzt in einer Vertiefung als Hannah Arendt in der Mitte der Bühne und schaut nach oben. Hinter ihr sitzen vier Statist:innen im Hintergrund.

Widerstand leisten

Hannah Arendt, Elfriede Jelinek: Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt

Theater:Schauspiel Stuttgart, Premiere:26.09.2026Vorlage:Texte, TotenaubergAutor(in) der Vorlage:Hannah Arendt, Elfriede JelinekRegie:Burkhard C. KosminskiKomponist(in):Hans Platzgumer

Burkhard C. Kosminski inszeniert am Schauspiel Stuttgart eine theatrale Erkundung. In „Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt“ bringt er die Beziehung von Hannah Arendt und Martin Heidegger auf die Bühne und lässt sie dabei durch ihre Texte selbst zu Wort kommen. 

Wenn zwei Menschen sich liebend begegnen, kann eine Welt entstehen. Davon erzählt Elfriede Jelinek in ihrem Stück „Totenauberg“ (1991 erschienen, 1992 am Burgtheater Wien uraufgeführt). In der Begegnung zwischen dem „alten Mann“ und der „Frau“ spiegelt sich die komplizierte Beziehung von Martin Heidegger (1889–1976) und seiner Schülerin Hannah Arendt (1906–1975). Jelinek interessiert sich mit ihren Textflächen weniger für die Biografien, sondern setzt Grundbegriffe des Philosophen und der Politikwissenschaftlerin wie die „seiende Natur“ und „gesellschaftliche Verantwortung“ szenisch um. Die Handlung setzt sie in ein alpines Ambiente. Im historischen Kontext der Auflösung des Eisernen Vorhangs 1989 zwischen Ost und West werden zudem zentral die Themen „Heimat“ und „Fremde“ verhandelt, gipfelnd im Fremdenhass. Themen, die heute noch mehr an Brisanz gewonnen haben.

Eine theatrale Erkundung

Am Schauspiel Stuttgart wird Heidegger nicht zufällig zu Beginn von „Totenauberg“ als monsterhafte Pappfigur, als Über-Ich eingeführt. Denn das Team um Burkhard C. Kosminski interessiert sich in „Zwischen zwei Menschen entsteht manchmal, wie selten, eine Welt“ weniger für Heidegger, um so mehr für Hannah Arendt: „Eine theatrale Erkundung zu Hannah Arendt und ‚Totenauberg‘ von Elfriede Jelinek“, heißt es in der Ankündigung. So wird das berühmte Interview, das Günter Gaus (von Felix Strobel eher zurückhaltend dargestellt) 1964 mit Arendt führte, von Katharina Hauter mit beeindruckender Überlegenheit nachgespielt.

Es folgen Auszüge aus „Eichmann in Jerusalem“ (1964), dem wohl bekanntesten Text von Arendt. Rainer Galke wird zur Verkörperung der „Banalität des Bösen“, argwöhnisch beobachtet von Katharina Hauter und Sylvana Krappatsch. Ergänzt wird diese Abteilung mit einem Film, der sich mit den Machenschaften des BND rund um den Prozess auseinandersetzt, um Adenauers Staatssekretär Globke mit seiner Nazi-Vergangenheit zu schützen. Die Lecture-Performances setzen sich mit Auszügen aus dem Briefwechsel zwischen Arendt und Heidegger fort. Leider spricht Sylvana Krappatsch ohne Punkt und Komma so schnell, dass es mir als Zuschauer nicht gelingt, den Gedanken zu folgen. Umso mehr folgt man Matthias Leja, der glasklar die Gedanken von Martin Heidegger seziert und zum Ausdruck bringt.

Ein leidenschaftlicher Auftritt

Wunderbar genau performt Therese Dörr den Brief von Hannah Arendt zum 80. Geburtstag von Martin Heidegger in der ersten Pause mit Kürbissuppe. Es folgt der Höhepunkt des Abends, den auch Therese Dörr einleitet: der Auftritt von Daniel Cohn-Bendit, der mit seinen 81 Jahren vor Energie wie ein Vulkan sprüht. Er erzählt nicht nur von seinen Begegnungen mit Hannah Arendt und von der Situation der Juden Ende der dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts, sondern auch viel über sich. Sein flammender Einsatz für Europa überzeugt ebenso wie seine Differenzierung zwischen Zionismus und Jüdisch-Sein. Da explodiert einer auf der Bühne vor politischer Leidenschaft, hat auch schon einmal Tränen in den Augen, wenn er von seiner Familie berichtet. Und fordert etwas, was auch Arendt einforderte: Widerstehen können. Kurz: ein großer Ausbruch, der die Wirklichkeit in das Theater holt.

Vorne rechts steht Sylvana Krappatsch. Hinten bei einem Glaskasten befinden sich Matthias Leja und Rainer Galke.

Matthias Leja (Der alte Mann), Rainer Galke (Ein alter Bauer) und Sylvana Krappatsch (Die Frau). Foto: Toni Suter

Mittlerweile sind dreieinhalb Stunden vergangen, aber die „theatrale Erkundung“ ist noch nicht zu Ende: Es muss schließlich auch noch Platz für „Totenauberg“ von Elfriede Jelinek geschaffen werden. Kosminski setzt auf Tempo und alpine Folklore, unterstützt durch das Bühnenbild von Florian Etti, sowie im Video (Video: Sebastian Pircher) auf sportive Elemente, wobei plötzlich Masken von Trump und Putin eingespielt werden. Zwar werden im Spiel von Sylvana Krappatsch und Matthias Leja die Grundzüge des Textes – Arendt als die immer Fremde und Heidegger mit seinem bodenständigen Naturkult – deutlich herausgearbeitet. Aber die Bewegung, die Jelinek in vier Szenenblöcken abhandelt – Vergangenheit, Euthanasie, Erfahrung des Fremdseins, die Dialektik von Erinnerung und Vergessen –, verschwindet. Am Ende steht die „Welt“ auf dem Kopf, wie Tannenbäume mit ihren Spitzen zu Boden weisen – und viel Videokunst. Am Ende erschöpfte Aufnahme und die Erinnerung an den furiosen Auftritt von Daniel Cohn-Bendit.