Aufführungsfoto von „Das Prinzip Hoffnung“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Fünf Personen steht dicht hintereinander aufgereiht, alle tragen grüne Hosenträger. Ihre Arme berühren sie mit ihren Händen.

Hoffnung lernen

nach Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung

Theater:Badisches Staatstheater Karlsruhe, Premiere:03.10.2026 (UA)Regie:Stephan KimmigKomponist(in):PC Nackt

Die Uraufführung „Das Prinzip Hoffnung“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe nimmt sich das Hauptwerk des Philosophen Ernst Bloch vor. Dieser utopische Kosmos ist zwar hoffnungsvoll, bleibt aber abstrakt und schafft in Stephan Kimmigs Inszenierung keine Übersetzung ins Szenische.

Wie sehr tun doch gerade seine Gedanken heute Not! Während eine globale Krise nach der nächsten unsere Zuversicht auf eine bessere Zukunft erschüttert, lesen sich die Worte Ernst Blochs als ein großes Trotzdem. Sie setzen alles auf eine Karte, nämlich die Utopie. Ein philosophischer Kosmos also, den man dringend auf der Bühne entfalten muss, dachte sich das Staatstheater Karlsruhe, das mit dem Stück „Das Prinzip Hoffnung“ sogleich das dreibändige Hauptwerk des 1977 verstorbenen Intellektuellen ins Zentrum rückte. Frühere Denker wie Thomas Morus oder Tommaso Campanella entwickelten ideale Welten als Reißbrettgesellschaften auf Inseln oder in fernen Galaxien. Im Gegensatz dazu basiert die Theorie des Hochschullehrers auf dem Verständnis, dass alles, was zum Guten drängt, stets im Prozess gehalten wird.

Suchbewegung

Und so passt es dann auch, dass Regisseur Stephan Kimmig eine recht spartanische, graue Kulisse zeigt, in die sein Ensemble, darunter Lucie Emons und Gunnar Schmidt, die wenigen Requisiten erst hereintragen. Über den Abend hinweg wird einer Setzlingstöpfe mit Erde füllen, eine andere wichtige Begriffe Blochs an eine Tafel schreiben. Derweil beklebt eine Figur einen Kriegshelm mit Glitzerpailletten, ganz so, als ließe sich das Übel damit umformen – ein fabelhafter Einfall für Blochs Verwandlungsphilosophie, die während der gesamten Inszenierung mit markanten, projizierten Sätzen seiner Texte wie „Es kommt darauf an, Hoffnung zu lernen“ oder „Träumt einer, bleibt er niemals auf der Stelle stehen“ unterlegt wird. Zudem werden sie von den Darsteller:innen gesungen.

Da der Autor der Kunst eine hohe Bedeutung für die Entstehung utopischen Bewusstseins zuschrieb, ja sie dazu in der Lage sah, das Zukünftige zu materialisieren, ist sie somit von Anfang auf der Bühne präsent. Mit zwei miteinander verbundenen Klavieren begleitet PC Nackt daher die Premiere. Mal wird es leise und intensiv, mal treibt er die Gruppen mit Crescendi an. Mitunter rennt das Ensemble dann von der einen zur anderen Wand, um irgendwie auszubrechen.

Aufführungsfoto von „Das Prinzip Hoffnung“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Ein Mann kniet vorne in Erde. Im Hintergrund läuft eine Frau auf einem Schwebebalken, ein Mann sitzt mit einem Mikrofon an einem Tisch, eine andere Frau schaut sich ein kleines Foto hockend an.

„Das Prinzip Hoffnung“ mit vorne: M. Amin Zariouh, hinten: v.l.n.r. Swana Rode, Gunnar Schmidt, Emma Suthe. Foto: Thorsten Wulff

Überhaupt erweist sich der Abend als eine einzige Suchbewegung, was Blochs Ansatz natürlich nahekommt. Denn ist die Utopie erst einmal vollendet, ist es ihr Tod. Der Mensch muss streben, sich als einen permanenten Übergang wähnen. Stringenz darf man dafür nicht erwarten. Oft tastet man zu Beginn noch im Nebel, weswegen auch die Spieler:innen häufig ein wenig Zeit benötigen, um aus der Polyphonie heraus den gemeinsamen Ton oder für wenige Augenblicke in denselben Schritt zu finden.

Illustration statt Transformation

Das meiste fügt sich in dieser Premiere zusammen, zweifelsohne. Gleichzeitig wirkt sie über Strecken zäh, bemüht und akademisch. Zunächst weil die auratischen und für Unkundige komplexen Sätze Blochs an keiner Stelle sprachlich oder bildlich unmittelbar ausgedeutet werden. Hinzu kommt, dass die Regie sichtlich Schwierigkeiten hat, die abstrakte Philosophie wirklich formstark in Szene zu setzen.

Jene Metaphern, die Kimmig erprobt, werden bisweilen so oft wiederholt und gestreckt, dass es einen ermüdet. Die erwähnten Versuche, sich aus dem Raum zu befreien, muten beispielsweise endlos an. Andere Akzente sind wiederum völlig kryptisch. Warum zum Beispiel die Darsteller:innen auf einmal alle Tüll-Kleider anziehen, erschließt sich nicht. Oder ist das nur die recht billige Überlegung, ob bei Bloch nicht schon eine Anlage zum freien Geschlecht zu entdecken ist? Am schwersten wiegt aber, dass die Regie zwar die Philosophie immer wieder illustrieren, sie aber nicht transzendieren kann. Wie lässt sich Bloch weiterdenken? Worin besteht gerade die innovative Leistung des Theaters, wenn es auf den Klassiker zugreift? Sicher nimmt man einiges mit an diesem Abend. Wir sollen und dürfen wieder hoffen, so die schöne Botschaft. Das Utopische bleibt aber im buchstäblichen Sinne eher dahinplätschernde Wunschmusik.