Die Räuberbande steht nach links gerichtet als Gruppe und schreit um Abzuschrecken.

Wozu erzählen, wenn man handeln kann?

Friedrich Schiller, Thomas Melle: Die Räuber

Theater:Schauspiel Stuttgart, Premiere:04.07.2026Regie:Stefan Pucher

Stefan Pucher inszeniert am Schauspiel StuttgartDie Räuber“ von Friedrich Schiller. Dabei wird Amalia zur Zeitzeugin, die das Verhalten ihrer Brüder kommentiert.

Jetzt sind „Die Räuber“ wieder einmal in Stuttgart. Eine Familienfehde endet in Raserei und Wut, eine Revolte, die sich als blutiges Strohfeuer erweist, endet mit Vernichtung. Während Schiller die Intrigen der „Canaille“ Franz, der seinen Bruder Karl um das Erbe und die Braut zu bringen versucht, in reflexiven Monologen Selbstrechtfertigung sucht, baut sich Karl ein Bild als Robin Hood, der sich für die Geschundenen der mächtigen Herrschenden einsetzt und sie rächt. Am Ende aber trifft es vor allen Dingen die Unschuldigen: Frauen, Kinder, Kranke.

Kämpferisch emotional

In seiner Inszenierung am Schauspiel Stuttgart stellt Stefan Pucher in seiner verschlankten Textfassung – vor allen Dingen die überlangen Monologe von Franz sind stark eingekürzt – die Familienintrige in einen gesellschaftlichen Rahmen, der deutliche Bezüge zur Gegenwart aufbaut: Für Pucher hat Thomas Melle neue Texte geschrieben: für Amalia. Bei Schiller bleibt sie in ihrer Karlfixiertheit Objekt, nun aber entwickelt sich Amalia zu einer Zeitzeugin, die ihre Erinnerungen „für eine bessere, spätere Erzählung. Irgendwann.“ nutzen möchte. Am Ende, nachdem sich ihre Brüder in ihrem nihilistischen Denken erkannt und gegenseitig getötet haben, lehnt sie mit der Losung „Tod oder Freiheit“ alles Dystopische ab und setzt stattdessen „Leben gestalten“: „Wozu erzählen, wenn man handeln kann?“

Gegen Ende hin wirkt diese Inszenierung gegenwärtig und zugleich kämpferisch emotional. Nicht nur Amalia, der Celina Rongen die nüchternen Töne einer Beobachterin gibt, ohne sich in das Emotionale der Männerwelt einzumischen, fordert ein „neues Zeitalter“ ein. Auch im Monolog des alten Moor, dem Michael Stiller konzentriert leise Töne gibt, finden sich Selbstzweifel. Manchmal wird auch das Schiller’sche Pathos unfreiwillig komisch. Dabei arbeitet Stefan Pucher mit spannenden Kniffen. Während Felix Jordan als heroisch gekränkter Karl im roten Anzug mit kurzer Hose das klassische Rollenprofil erfüllt, besetzt er Franz mit einer Frau. Die großartige Therese Dörr spielt diese Rolle in barockem, dunkelglänzendem Rock (Kostüme: Annebelle Witt). Im sprachlichen Ausdruck ist sie gefährlich präzise. Die zweischneidige Rhetorik des Franz wird in dieser Gestaltung greifbar.

Das Ensemble steht auf der Bühne. Felix Jordan liegt als Karl vor den anderen auf dem Boden, krümmt sich.

Sven Prietz (Schufterle), Karl Leven Schroeder (Roller), Silvia Schwinger (Schweizer), Mina Pecik (Schwarz), Simon Löcker (Razmann), Tim Bülow (Spiegelberg) und davor liegend: Felix Jordan (Karl). Foto: Thomas Aurin

Räuber auf allen Ebenen

Pucher arbeitet mit Live-Video (Tobias Dusche). Hauptsächlich aus dem goldvertäfelten Raum heraus, in dem der alte Moor und Franz agieren, werden die Szenen auf Leinwände projiziert. Dieser Raum sitzt auf der Zinne einer alten Burgruine, wie überhaupt das gesamte Ambiente von Nina Peller an die Reste von Burgmauern erinnert. Dieser Turm ist auf einer Drehbühne montiert, die, wenn sie sich bewegt, den Turm verschwinden lässt. Es erscheint dann ein bärtiger Riese, ein Koloss, der hockt und manchmal blutige Tränen weint (Videos: Ute Schall und Hannes Francke). Nach hinten wird der Raum durch einen großen Kreis in der Horizontalen abgeschlossen, dessen Ränder sich ausfransen: ein Sinnbild der Welt.

Während Amalia meist in der Höhe agiert, der alte Moor und Franz eher aus dem Turm heraus, nutzen die Räuber den ganzen Raum. Tim Bülow gibt einen aalglatten Spiegelberg, der Bündnispartner für sich sucht, aber in der Bande ungeliebt ist. Silvia Schwinger als treuherziger Schweizer, Simon Löcker als Razmann, Mina Pecik als behänder Schwarz, Karl Leven Schroeder als treuherziger Rollen oder Sven Prietz als aasiger Schufterle mischen auch als Rockband am Beginn des zweiten Teils auf, wenn sie „Müde“ von Betterov (Musikauswahl: Christopher Uhe) spielen.

Stefan Pucher gelingen in seiner Inszenierung starke sinnliche Bilder, die sich einprägen, aber die Ambivalenz zwischen dystopischer Gegenwart und utopischer Hoffnung nicht unterschlagen.