Sophie von Grudzinski steht links auf der Bühne, blickt nach vorn. Hinter ihr sitzen zwei Darstellende auf Stühlen, ihre Taschen eng an den Körper gezogen. Rechts steht jemand und zeigt mit ausgestrecktem Arm und Kreide in der Hand auf Sophie von Grudzinski.

Eine jüdische Kindheit in Deutschland

Lisa Sommerfeldt: familienalbum.karlsruhe

Theater:Badisches Staatstheater Karlsruhe, Premiere:24.09.2026 (UA)Regie:Kevin BarzMusikalische Leitung:Paul BrodyKomponist(in):Richard Fuchs, Paul Brody

Badisches Staatstheater Karlsruhe – Lisa Sommerfeldts Auftragsstück „familienalbum.karlsruhe“ bringt Stadtgeschichte auf die Bühne. Darin erzählt sie aufgrund von Biografien und Archivfunden die Lebensgeschichte der Karlsruherin Soni Fuchs. Regisseur Kevin Barz holt diese Recherchearbeit mit Archivbildern, Musik und überzeugendem Ensemble in die Gegenwart.

Nach der Bruchsaler Aufführung von „Das Mädchen mit der Hutschachtel“ erkundet Lisa Sommerfeldt im Auftrag des Badischen Staatstheater Karlsruhe ein weiteres Mal Geschichten badischer Juden unter den Nazis. In „familienalbum.karlsruhe“ berichtet die Autorin die Geschichte der Familie Fuchs aus der Kriegsstraße 120 von 1934 bis in die 70er Jahre. Geschickt werden die verschiedenen Biografien und Ereignisse aus der Perspektive eines Familienalbums berichtet. Während die ersten Kindheitsjahre mit Fotos, die auf einer kleinen Leinwand – digital bearbeitet – zu sehen sind, dokumentiert werden, bleiben die Seiten ab 1938 leer. Sie werden mit einführenden Erzählungen und kleinen Spielszenen auf der Bühne lebendig.

Persönliche Stadtgeschichte

Lisa Sommerfeldt wechselt dabei zwischen einer Er-Perspektive, die die Biografien in den geschichtlichen Kontext des barbarischen Zivilisationsbruchs der Nazis einbindet, und Ich-Perspektiven. Vor allen Dingen dominiert die von Soni Fuchs, die als reale Person von 1928 bis 2020 lebte. Auf Grundlage von Recherchearbeiten bei der Familie Sonis und in Archiven wird die Zeit ab 1934 gegenwärtig. Szenisch wird es mit der Denunziation der Familie eröffnet, nachdem die sechsjährige Soni in der Straßenbahn ausgeplaudert hat, dass daheim nicht mit „Heil Hitler!“ gegrüßt wird.

Brennende Synagogen und zerstörte jüdische Geschäfte. Soni muss als jüdisches Mädchen die Volksschule verlassen und auf eine Judenschule gehen. Der Vater, ein erfolgreicher Architekt mit einer großen Liebe zur Musik, darf nicht arbeiten und kommt in „Schutzhaft“ nach Dachau, während Dora, die Mutter, hektisch um eine Ausreisegenehmigung nach Neuseeland kämpft. Endlich gelingt die gemeinsame Fahrt, die mit einer großen Enttäuschung über das dörflich wirkende Wellington in Neuseeland endet. Mit dem Kriegseintritt des Gastlandes verliert der Vater wieder die Arbeit. Die Schwester kann sich vor Heimweh nicht in das neue Land einleben, während Soni ihren Weg findet.

Zwischen Aufnahmen und Bühnenspiel

All das erzählt Sommerfeldt unaufgeregt – ohne moralische Schuldzuweisungen. Die Distanz, die in den Text eingeschrieben ist, ermöglicht es dem Publikum, selbst zu den vorgeführten Handlungen Emotionen zu entwickeln. Leitmotivisch ist der Appell an die Fantasie der Zuschauer:innen gesetzt: „Stell Dir vor …“ Die Inszenierung von Kevin Barz, dem Leiter der digitalen Sparte am Badischen Staatstheater, unterstützt diese Intention, indem er das Faktische des Stücks unterstreicht.

Sophie von Grudzinski und Rebecca Seidel stehen rechts auf der Bühne, starren erschrocken nach vorn. Hinter ihnen ist eine Szene mit Bild projiziert, ein historisches Karlsruhe.

Hinten: Antonia Mohr, Heisam Abbas. Vorne: Sophie von Grudzinski, Rebecca Seidel. Foto: Arno Kohlem

Zusammen mit Frieder Gätjen, der auch für die Video- und Medientechnik zuständig ist, entwickelt er eine Bühne, die durch einen durchsichtig werdenden Vorhang geteilt wird. Auf diesen werden Videos und Bilder projiziert – von der Überfahrt beispielsweise. Gätjen benutzt gerne Fotos und alte Postkarten, die er koloriert, die Farben verwischt und das Gezeigte in Bewegung setzt. Der Vorhang lässt schemenhaft das auf einem Podest aufgebaute bürgerliche Wohnstubenambiente erkennen. Hier spielen Szenen, die vor Soni verborgen bleiben sollen – wie der Auftritt der Gestapo. Vor dem Vorhang ist auf dem Bühnenboden der Stadtplan von Karlsruhe ausgelegt. Diese Vorbühne wird als Interaktionsraum des Erzählens genutzt oder mit der Ankunft in Neuseeland zum unbehausten Raum.

Stark emotional

Wenn schon der Raum starke atmosphärische Stimmungen widerspiegelt, so verstärkt die Musik von Paul Brody diese. In seine kristallinen Klänge und Akkorde setzt er Fragmente aus den Kompositionen von Richard Fuchs. So sehr Raum, Ton und Lichtdesign auch eine ganz eigene Dimension gewinnen, sie erschlagen nicht das Spiel des Ensembles. Wie Sophie von Grudzinski mit wenigen Gesten die sechsjährige Soni spielt, mit ungekünstelter Naivität, ist sehenswert. Wie sie mit jedem Ereignis, das die Familie trifft, ernster wird, das Lachen verliert und es erst am Ende wieder gewinnt, gelingt mit starker Präsenz. Rebecca Seidel kommt als Sonis Schwester mit der familiären und politischen Situation nicht klar. Seidel spielt das nicht verdruckst und auch nicht voller Leidenspathetik, sondern beeindruckend leicht. Antonia Mohr lässt sich als Mutter nur wenig aus der Ruhe bringen, während Heisam Abbas als Vater sich immer mehr zu einem gebrochenen Mann entwickelt.

Ein tolles Ensemble. Standing Ovations.