Barbara Dobrzanska steht links hinter ihrer Tochter Bess McNeill (Martha Eason), die an einem Tisch sitzt und versucht sich zu sammeln. Neben Bess steht abgewand Dodo McNeill (Marie-Sophie Janke), die betroffen die Hand vor den Mund hält.

Love of my life, you’ve hurt me

Missy Mazzoli: Breaking the Waves

Theater:Badisches Staatstheater Karlsruhe, Premiere:18.01.2026Regie:Christoph von BernuthMusikalische Leitung:Giuseppe Barile / Ulrich WagnerKomponist(in):Missy Mazzoli

Christoph von Bernuth inszeniert am Badischen Staatstheater die Karlsruher Erstaufführung von Missy Mazzolis „Breaking the Waves“. Das Stück ist eine Adaption des gleichnamigen Films von Lars von Trier, die aber an die Unbedingtheit der Vorlage nicht herankommt, auch wenn es gut gemacht ist.

Das Ende ist ganz großes Opernkino: Jan fährt mit der toten Bess, die er in einem weißen Leinensack auf seinen Armen trägt, in den Bühnenhimmel. Glocken erklingen, das volle Orchester spielt und unten sind noch einmal alle auf der Bühne versammelt: der Chor, die Solisten und die Statisten. Die Komponistin Missy Mazzoli weiß, was die Oper kann, lässt das Kraftwerk der Gefühle auf Hochtouren laufen, denkt am Schluss an Wagners „Fliegenden Holländer“. Denn es handelt sich um einen veritablen Liebestod. Auch wenn nicht klar ist, wer hier wem nachgestorben ist, weil Jan eigentlich auch schon tot ist – irgendwie. Und auch der Regisseur Christoph von Bernuth weiß um die Macht der Bilder, wenn er biblische Motive zitiert und kombiniert, die an Maria und den toten Christus, Ecce-homo-Darstellungen und die Himmelfahrt erinnern. Musikalisch und szenisch ist das dick aufgetragen.

Film und Oper

Vorlage für das dreiaktige Opernlibretto von Royce Vavrek war der 1996 zum ersten Mal gezeigte umstritten-umjubelte Film „Breaking the Waves“ von Lars von Trier. 2016 hatte die Opernversion von Missy Mazzoli in Philadelphia Premiere und gerade wird das Stück an einigen deutschen Opernhäusern nachgespielt: jetzt in Karlsruhe und im April in Mainz. Das Stück erzählt die Geschichte der jungen Bess, die in einer tiefreligiösen calvinistischen Gemeinde an der schottischen Küste lebt, sich in einen Fremden verliebt, der auf einer Bohrinsel arbeitet, und diesen gegen Widerstände auch heiratet.

Als Jan wieder zur Arbeit fährt, bittet sie Gott, ihn früher zurückzubringen. Das geschieht dann auch: Jan hat einen schrecklichen Unfall und ist irreversibel querschnittsgelähmt. Um ihr weiterhin nahe zu sein, ja, um weiterleben zu können, solle Bess – so sein Wunsch – mit anderen Männern schlafen und ihm anschließend davon erzählen. Da sich Bess schuldig fühlt, entscheidet sie sich dazu, Jans Wunsch zu erfüllen. Gut geht das natürlich nicht aus. Der Librettist und die Komponistin fokussieren sich ganz auf die Protagonistin, zeigen eine moderne Frau, die sich den Unterdrückungsmechanismen einer patriarchal geprägten Welt entgegenstellt, privates Glück einfordert und schließlich innerlich und äußerlich zerbricht.

Bühnenrealismus

Christoph von Bernuth erzählt die Geschichte meist realistisch in einem Bühnenbild von Oliver Helf, das die verschiedenen Handlungsorte des Films nebeneinander anordnet. In fünf Boxen sind Räume installiert, die sich gleichzeitig bespielen lassen. Wobei der Fokus durch die Beleuchtung (Licht: Maximilian Decker) meist auf einem Raum liegt. Über diese Räume führt ein Eisensteg, der die Außenwelt repräsentiert, die Freiheit, aber auch Gefahr bedeutet. Viel zu selten aber wird dieser szenische Realismus gebrochen. Viel zu oft wird bebildert, was Musik und Text sowieso schon sagen. Zwar sind die Personen gut geführt, die Räume abweisend gestaltet, die Kostüme (Tatjana Ivschina), von wenigen roten Farbtupfern abgesehen, trist gehalten und Bess wirbelt wie ein Fremdkörper durch diese Welt, doch wird eben dreimal auf dieselbe Art erzählt, was einmal geschieht.

Kompositorisches Handwerk

Im Graben des kleinen Hauses sitzt die übersichtlich besetzte, von Giuseppe Barile souverän geleitete Badische Staatskapelle mit einfachen Streichern, ein paar Holzbläsern, ein wenig Blech, einem Schlagwerker, einer Harfe, einem Tasteninstrumentalisten und einem E-Gitarristen. Man hört Mazzolis Musik an, wo sie herkommt. Man weiß, was sie will, und ist doch enttäuscht, weil so gar nichts Überraschendes passiert. Die Harfe begleitet die himmlischen Visionen von Bess. Die Streicher untermalen die Liebesszenen zwischen Bess und Jan. Das Schlagzeug ist für Charakteristisches zuständig, das Blech für die Massenszenen. Mazzoli schafft Atmosphäre, vermittelt Stimmungen, sauber grundiert mit Untermalungen. Sie weiß, was die Oper braucht, geht aber nie darüber hinaus, wagt nichts. Lars von Trier thematisiert in seinen Filmen auch immer das Filmemachen, Mazzolis Musik stellt keine Fragen. Die alten Formen – Arien, Duette, Ensembles – scheinen durch, sind als solche erkennbar und erwartbar.

Sängerisches Glück

Die Partie der Bess scheint der Sopranistin Martha Eason in die Kehle und auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung verlangt ihr einiges ab an Liebes- und Sexszenen, an Unterdrückung und Selbstquälerei, an mutigen und extremen Entscheidungen. Eason wirft sich darstellerisch in die Partie, ohne je die sängerische Kontrolle zu verlieren. Sie hat sichere Höhen, singt mit lyrischer Emphase und leidet expressiv. Und auch der Rest des Ensembles ist exzellent: Tomohiro Takada als kerniger Jan, Marie-Sophie Janke als leidende Schwägerin Dodo, Barbara Dobrzanska als streng autoritäre Mutter und Matthias Wohlbrecht als rational verständiger Arzt.

Missy Mazzolis „Breaking the Waves“ ist gut gemachte zeitgenössische Oper, gezeigt in einer ebenso gut gemachten Inszenierung von Christoph von Bernuth. Aufsehen erregend aber sind in Karlsruhe die sängerischen Leistungen, allen voran diejenige von Martha Eason.