Nun hat es in den letzten Jahren eine große Anzahl von Inszenierungen gegeben, denen der Einsatz von Video nicht unbedingt gut getan hat. Und wo Videos beinahe schon inflationär eingesetzt werden (und nicht selten zum überflüssigen Dekor verkommen) – andererseits aber eben kaum noch aus dem Theater wegzudenken sind, erstaunt es umso mehr, wenn die Arbeit mit filmischen Mitteln noch neue, ungeahnte Effekte erzielt (wie es zuletzt zum Beispiel Kay Voges in Dortmund mit „Das Fest“ gelungen ist). Und obwohl Bastian Kraft den Videoeinsatz nicht in diesem Sinne neu erfindet, entsteht im Zusammenspiel der gezeigten Ebenen ein äußerst einnehmendes Ganzes. Natürlich hat er damit außerdem auch ein praktisches Problem gelöst, denn die riesige Halle des Depot 1 ist ein akustisch wie auch inszenatorisch herausfordernder Raum. Seit Stefan Bachmann seine Intendanz im vorigen Jahr antrat und das Schauspiel in diese Interimsspielstätte wanderte, gab es im Depot 1 in mehreren Inszenierungen Videoprojektionen und den Versuch, den Zuschauer damit in der Weite der großen Halle näher ans Bühnengeschehen heranzuholen – selten sind sie im Ergebnis so gut gelungen wie hier.
Zugegeben: Ein etwas gezielterer Videoeinsatz (anstatt des beinahe dauerhaften) wäre womöglich eindrucksvoller gewesen, zumal die verschiedenen visuellen Ebenen dem Zuschauer eine hohe Konzentration abverlangen und auch ein erhebliches Ablenkungspotenzial mit sich bringen. Doch der Aha-Effekt überwiegt. Die Inszenierung zwingt den Zuschauer permanent zu dem Perspektivwechsel, den die Geschichte im Kern ja verlangt: Wer gehört hier zu den Hunden? Die immer gieriger werdenden Bewohner? Oder die im wahrsten Sinne des Wortes an der immer kürzeren Leine gehende Grace? Und wer ist eigentlich böse? Sind es wirklich nur die Dorfbewohner oder tut es ihnen Grace mit ihrer blutrünstigen Rache am Ende nicht gleich? Getragen wird die Inszenierung überdies von einem großartig zusammenagierenden Ensemble, und einer zugespitzten, aber zielgenauen Figurenführung.
Zuletzt eröffnet Bastian Kraft noch eine weitere Perspektive. Der Spiegel, den das Theater der Gesellschaft ja im übertragenden Sinne immer vorhalten will, wird zu einem echten, indem die Wand langsam herunterschwebt und das Publikum sich selbst ins Gesicht schauen muss. Halb die Zuschauer spiegelnd, halb die hinter der Wand stehenden Schauspieler zeigend, verschwimmen auf der bebenden Spiegelfront Darstellung, Fiktion und Realität. Mit ihr pulsieren die Zuschauer, die, wie mit einer imaginären 3D-Brille ausgestattet, plötzlich mitten in der Brecht’schen Parabel sitzen. Am Ende überlebt in Dogville nur der „echte“ Hund Moses, und die Stadt hat ihrem Namen wieder alle Ehre gemacht.
