Elizabeth Reiter (Agnès) steht links inmitten von Miniatur-Hochhäusern. Rechts steht Bo Skovhus (The Protector) und zeigt aus dem Schatten anklagend auf sie.

Unter die Haut

George Benjamin: Written on Skin

Theater:Oper Frankfurt, Premiere:01.03.2026Vorlage:Guillem de Cabestanh – Le cœur mangéRegie:Tatjana GürbacaMusikalische Leitung:Erik Nielsen

An der Oper Frankfurt inszeniert Tatjana Gürbaca „Written on Skin“ als Zeitreise durch die Menschheitsgeschichte, auf der große Themen ungemein sinnlich verhandelt werden. Erik Nielsen dirigiert George Benjamins farbenreiches Stück präzise und flirrend.

Die drei Engel wirken verloren auf der Erde. Warum sie den Himmel verlassen haben? Jedenfalls nicht, um hier unten für Ordnung zu sorgen. Dem einen scheinen die Flügel mit Gewalt ausgerissen worden zu sein. Vielleicht als Strafe? Zuerst beobachten Sie nur. Dann schlüpfen sie in verschiedene Rollen, werden Teil der Handlung, lenken sie, verstricken sich in das Geschehen, ohne aber darin umzukommen. Auch wenn einem von ihnen das Herz herausgeschnitten wird. Am Ende ziehen sie weiter in neue Welten. Vielleicht finden sie ja dort, was sie suchen. Aber was eigentlich?

Die Geschichte vom gegessenen Herzen

George Benjamins dreiteilige Oper „Written on Skin“ ist eines der erfolgreichsten Stücke des 21. Jahrhunderts: 2012 beim Festival in Aix-en-Provence uraufgeführt und seither vielfach nachgespielt. Der englische Dramatiker Martin Crimp hat den Text dazu nach einer mittelalterlichen provenzalischen Legende geschrieben, die sich um den Troubadour Guillem de Cabestanh dreht. Das Motiv des gegessenen Herzens ist in der europäischen Literatur in zwei Varianten vielfach behandelt.

Crimp wählt diejenige, in der der eifersüchtige Ehemann den Liebhaber seiner Frau tötet und ihr dann dessen Herz, lecker zubereitet, vorsetzt. Doch erweitert er die Handlung um den Protector und Agnès um drei Engelsfiguren. Eine von ihnen schlüpft in die Rolle des Boy, der den Protector in Form einer Buchmalerei porträtieren soll. Während der Arbeit verschwimmen die Trennungslinien zwischen Kunst und Leben, Bildern und Taten immer mehr miteinander. Die Frau bittet den Maler, das Porträt einer liebenden Frau zu malen. Sie erkennt sich selbst in dem Porträt und beginnt eine Affäre mit dem Maler, die der Ehemann entdeckt.

Konkrete Abstraktheit

Tatjana Gürbacas Frankfurter Neuinszenierung schafft einen wunderbaren Schwebezustand, in dem das Geschehen dauerhaft gehalten wird. Konkret wird ein nachvollziehbares Eifersuchtsdrama als Dreiecksgeschichte zwischen zwei Männern und einer Frau erzählt. Verwiesen wird dabei aber auch auf die großen Fragen der Menschheitsgeschichte, die Ungleichheit der Geschlechter, Emanzipationsbestrebungen, Zivilisation und Ausbeutung wie auf Fragen der Kunst, die schöpferisch und zerstörerisch sein kann. Gürbaca liest die Geschichte um Agnès und den Protector als eine der Menschwerdung, aber gleichzeitig als eine der Entfremdung, in die alle Figuren einbezogen sind.

Selbst die Engel, die vom menschlichen Handeln angezogen werden, aber auch irritiert sind. Und derjenige, der sich am stärksten darauf einlässt, der Boy nämlich, kommt als Mensch darin um. Agnès entwickelt sich außerhalb der ehelichen Grenzen zur großen Liebenden, befreit sich, erlebt ihren Tod aber eher als Entrückung. Der Biss ins Herz des Geliebten macht sie welthellsichtig wie Parsifal der Kuss Kundrys, doch ist das Paradies damit auch verloren. Aus dem Himmel, in den Agnès aufzufahren scheint, sind die Engel ja abgehauen oder vertrieben worden. Was ist dann dort oben noch?

Vergangenheit und Gegenwart

Die Uneigentlichkeit des Geschehens, der Rollentausch, das Spiel, das die Identifikation mit den Figuren verhindert, die Verweise werden im Bühnenbild und den Kostümen aufgenommen. Klaus Grünbergs Szene wirkt wie eine Hügellandschaft, die sich aus identischen Dreiecken zusammensetzt, an den Rändern ausufert. Wie aus Klötzchen ist eine Stadt verkleinert im Hintergrund aufgebaut. Viel zu klein ist das Bett des Protectors. Reale Größe haben die Stühle, übergroß sind die Bücher. Die Kostüme von Silke Willrett sind ebenfalls wenig konkret, simulieren Mittelalter und Gegenwart, Enge und Befreiung, gehen aber nie ganz darin auf, enthüllen und verdecken, zeigen Verletzlichkeiten und Wünsche.

Große Ernsthaftigkeit

Gürbaca nimmt die Figuren fast alle ernst, nicht nur die der Agnès. Komisch in Handlung und Kostüm bleiben der zweite und dritte Engel. Herrlich gesungen von Cecelia Hall und Michael McCown, mal irritiert, mal böse, mal überdreht. Der erste Engel, der die Rolle des Malers einnimmt, ist fasziniert vom Leben und der Kunst, von einer Kunst, die Einfluss auf das Leben hat, diese verändert, Denkprozesse anstößt, Leidenschaften weckt. Der zierlich-knabenhafte Countertenor Iurii Iushkevich singt diesen mit unglaublicher Zartheit, engelhafter Weltentrücktheit und großem Staunen darüber, was Kunst und Liebe anrichten können.

Iurii Iushkevich (The Boy) und Elizabeth Reiter (Agnès) sitzen alleine auf der Bühne. Iushkevich im Schneidersitz mit einem aufgeschlagenen Buch auf dem Schoß, Reiter daneben, ihm zugewandt.

Iurii Iushkevich (The Boy) und Elizabeth Reiter (Agnès) verbringen Zeit miteinander. Foto: Barbara Aumüller

Auch den Protector desavouiert Gürbaca nicht, zeigt ihn zwar als Gewaltmenschen, aber auch als Liebenden, dessen Sehnsüchte sich in der Kunst ausdrücken sollen, der im Leben aber kein Gegenüber findet. Bo Skovhus ist nur äußerlich gewaltig, sängerisch gibt er den Verunsicherten, Verwundeten und Verzweifelten. Elizabeth Reiter ist eine Agnès, die es schafft, den Emanzipationsprozess der Figur stimmlich nachzuzeichnen. Die brav und zahm, aber auch wild und ausgelassen sein kann.

Orchestrales Wunderwerk

George Benjamins Partitur ist ein flirrendes Wunderwerk, das abwechslungsreich orchestriert ist, der Handlung aber immer nachhörbar folgt. Dadurch, dass die Figuren ihre eigenen Erzähler sind und immer wieder aus den Rollen fallen, bieten sich dem Komponisten ganz neue erzählerische Perspektiven, die der Dirigent Erik Nielsen und das Frankfurter Orchester bis ins kleinste Detail lustvoll, intensiv und präzise nachverfolgen.

Die neue Frankfurter Inszenierung von George Benjamins „Written on Skin“ ist aufgrund der theatralisch gedachten und klug gearbeiteten Regie sowie der musikalischen Umsetzung zeitgenössisches Theater der Extraklasse.