Foto: Joshua Spink, I-Chiao Shih, Gaëtan Chailly, Dae-Hee Shin, Maryna Zubko und Markus Francke. © Kerstin Schomburg
Text:Manfred Jahnke, am 5. Juni 2026
Kay Metzger inszeniert am Theater Ulm Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“. Dabei bindet er die Handlung zeitlich wie örtlich an das Ulmer Publikum.
Zum Ende seiner Intendanz am Theater Ulm (2018–2026) inszeniert Kay Metzger „Die Meistersinger von Nürnberg“ von Richard Wagner. Nach Meiningen 1994, noch als Assistent unter August Everding, und 2016 in Detmold ist die Ulmer Inszenierung sein dritter Versuch, sich dieser Oper anzunähern. In der Aufführung ist zu spüren, wie souverän er mit dem Stoff umgeht. In einem Vorbericht hat er angemerkt, dass „Die Meistersinger von Nürnberg“ viele Shakespearemotive enthalten. So inszeniert er Beckmesser als eine tragikomische Figur wie den Malvolio aus „Was Ihr wollt“. Joachim Goltz entwickelt in dieser Rolle ein starkes komisches Potential, ohne die Tragik seines Scheiterns zu unterschlagen. Zudem führt ein Kobold stumm durch die Szenen, in denen er sich einmischt oder zuschauend mimisch kommentiert. Eine Paraderolle für Gaëtan Chailly.
Vielschichtige Darstellung
Bei dem Sängerstreit, für den der reiche Goldschmied Veit Pogner (Guido Jentjens) seine Tochter Eva für einen Meistersänger als Preis auslobt, wird ein altes Commedia-Motiv wie auch deren Figuration genutzt. Alte Männer tänzeln um ein junges Mädchen, das sich schon in einen anderen, einen jungen Mann verliebt hat. Das lässt eine Figur wie Beckmesser in seiner Verblendung von vornherein erbärmlich-komisch aussehen. Anders verhält es sich bei Hans Sachs, dem Nachbarn von Eva, der das Mädchen hat aufwachsen sehen. Unproblematisch verläuft die Liebe auf einer sozial tieferen Stufe: Evas Amme (I-Chiao Shih) und der Lehrling David (Joshua Spink), den Hans Sachs zum Gesellen macht, finden sich abseits von der Welt der Kunst.
Dae-Hee Shin als Hans Sachs spielt durchaus mit dem Gedanken, Eva zu gewinnen. Es fällt ihm schwer, sich vom Traum von Frau und Kind zu verabschieden. Maryna Zubko als Eva macht es ihm schwer, aber als er sieht, wie verbandelt sie schon mit dem jungen Ritter Walther von Stolzing ist, gibt er nach. Er setzt sich für den jungen Mann ein, hilft ihm bei der Komposition seines Meisterliedes und setzt die Intrige gegen Beckmesser in Gang. Wobei der Ritter des Markus Francke nicht nur verliebt ist, sondern auch zwischen Euphorie und Depression schwankt, sich manchmal geradezu widerspenstig verhält. Er, der als Neubürger nach Nürnberg gekommen ist, kann sich nicht als Adliger in die bürgerlichen Rituale einfinden.
Bezüge zur Gegenwart
Wie jede Oper von Wagner tragen auch „Die Meistersinger von Nürnberg“ den Ballast der antisemitischen und nationalistischen Haltung des Autors und Komponisten mit sich, wie auch die belastete Geschichte durch die Rezeption im Nationalsozialismus. Metzger umgeht diese Auseinandersetzung geschickt, indem er die Handlung in die Gegenwart des Theaters verlegt. Die Szenerie von Petra Mollérus zeigt eine Verlängerung des Zuschauerraums auf der Bühne, perspektivisch in eine große Treppe eingebunden, auf der bei den großen Chornummern der Theaterchor (Einstudierung: Nikolaus Henseler) und der Motettenchor der Münsterkantorei Ulm (Leitung: Friedemann Johannes Wieland) agieren. Den Hintergrund bildet ein Umriss des Theaters Ulm, über den im ersten Akt Wolken hinwegfegen, im zweiten Akt ein goldener Mond am Sternenhimmel strahlt.

Lehrlingschor: Ensemble, Chor, Motettenchor, im Vordergrund Maryna Zubko (Eva) und Markus Francke als Stolzing. Foto: Kerstin Schomburg
Zudem weisen direkte Anspielungen wie Licht im Zuschauerraum darauf hin, dass in dieser Inszenierung nichts Historisches verhandelt wird, sondern klare Bezüge zur Gegenwart bestehen. Im dritten Akt wird dies überdeutlich. Auf die Hinterwand werden Bilder projiziert, die, wenn auch im Gesang von Nürnberg erzählt wird, Filme aus der Ulmer Lokalgeschichte vorführen: die NS-Aufmärsche auf dem Münsterplatz, das zerstörte Ulm, das Leben danach. Bei der Festwiese, auf der dann der große Sängerkrieg stattfindet, werden Bilder eingeblendet von den Trachtenumzügen bei Fischerstechen und Küfertänzen: alles Traditionen, die nach wie vor in Ulm zelebriert werden. Das lässt gruseln.
Eine Frage der Kunst
Die Kostüme von Eva-Maria Weber sind modisch, Businessanzüge, Arbeitskleidung etc. Stolzing trägt zu seiner leicht hippiehaften Kleidung Turnschuhe. Szenisch aktualisiert Metzger beispielsweise die Prügelfuge im zweiten Akt als Demonstration, in der Pegida und Linke einander gegenüberstehen. Er entzieht sich am Ende auch nicht der Debatte über Kunst, wenn Hans Sachs sein Plädoyer für die deutsche Kunst anhebt: „Verachtet mir die Meister nicht …“. Dazu erscheinen im Hintergrund Bilder von der Walhalla bei Regensburg, in der alle Größen der Kulturgeschichte ausgestellt werden (sollten), einmal auch ein Foto mit Hitler. Am Ende ist nur das Äußere der Walhalla zu sehen.
Deutlich arbeitet Metzger heraus, dass es um die Auseinandersetzung zwischen einer Kunst, die nach starren Regeln funktioniert, geht – wie es Beckmesser handhabt. Oder einer solchen, die sich nicht um Regeln schert, sondern aus der unmittelbar-emotionalen Situation heraus agiert – wie die Naturlyrik. Wenn der Chor Schilder hochhebt, auf denen zu lesen ist: „Schland über alles in der Welt“, und anschließend dieser Slogan umgewandelt wird in „Kunst über alles in der Welt“, wird Schillers Traum einer „ästhetischen Erziehung“ wahr.
Metzger ist zum Abschied eine leichte und durchdachte Inszenierung gelungen, die nicht die relevanten Themen wegdrückt, sondern sie nahe an das Publikum heranrückt. „Die Meistersinger von Nürnberg“ in Ulm beeindrucken zudem musikalisch. GMD Felix Bender holt aus dem Philharmonischen Orchester der Stadt Ulm alle Klangfarben und Nuancen der Wagnerschen Komposition heraus. Überzeugend ist der Wechsel von sinfonischen Passagen und solchen, die eher lyrisch strukturiert oder von der Fugentechnik Bachs beeinflusst sind. Der Wechsel von leitmotivischen Themen, Chorälen, volkstümlichen Kadenzen oder Fugen reißt mit. Das gilt auch für das Sängerensemble, das ungemein homogen agiert. Ein gelungener Kraftakt.