Foto: „crypt_“ bei der Münchener Biennale. © Frol Podlesnyi
Text:Roland H. Dippel, am 18. Mai 2026
Bei der Münchener Biennale bringt Ivar Furre Aam „crypt_“ von Yuri Umemoto zur Uraufführung. Im Stück begibt sich ein Künstler auf die Suche nach Ruhm und Überfluss. Seine Überzeugungen zu Kunst, Kultur und seiner eigenen Identität werden auf die Probe gestellt. Musikalisch fordert das Werk auch sein Münchner Publikum heraus.
Der Titel „crypt_“ verspricht die Auseinandersetzung mit Wissens- und Erinnerungsspeichern. Aber das ist nur der kleinere Teil der thematischen Wahrheit dieser Uraufführung. Ein britischer non-binärer Librettist und ein in Europa durchstartender Komponist aus Japan taten sich mit zahlreichen Verwerfungen und Neuansätzen für ein Musiktheater der kargen Art zusammen.
38 Jahre nach der ersten Münchener Biennale für neues Musiktheater, deren Gründer Hans Werner Henze man zu seinem hundertsten Geburtstag mit der Produktion „V01CES//B0D1EZ“ feierte, und im ersten Biennale-Leitungsjahr des Duos Katrin Beck und Manuela Kerer ist „crypt_“ eine von 11 Uraufführungen. Anknüpfungspunkte zu früheren Biennale-Schöpfungen sind vorhanden, allerdings wenig greifbar. Man muss also nicht gleich das überstrapazierte Wort Tradition in die Runde werfen.
Der 24-jährige Yuri Umemoto verbindet physische Tonproduktion aus Notationen mit Aufnahmen und „Bearbeitungen“. Hier greift er mit Gareth Mattey die japanische Geistergeschichte „Hoichi the Earless“ auf. Aber der begnadete Hoichi, der seine Ohren verliert und dafür seine sängerische Potenz steigert, wird zum nüchternen wie ambivalenten Zentrum einer Künstler-, Liebes-, Abnabelungs-, Karriere-, Kreativitäts- und Cash-Krise. Themen also für viel Musik, keine Musik, Substitute von Musik oder Metamusik. Das erlebte man in der von Henze als Spielort freier Formen initiierten Muffathalle mit drastischer Konsequenz. Satzfragmente folgen in enger Schleife von Mikrovariationen und Endlosrepetitionen. Pausen sind der wichtigste Kunstgriff. Die Inszenierung von Ivar Furre Aam wird zur rituellen Pantomime.
Fünf namenlose Figuren in Perücken
Alle Musizierenden und der Dirigent Christian Eggen tragen in dieser Koproduktion der Biennale mit Oslo und Kopenhagen schwarze Langhaarperücken (Kostüme: Ingrid Torvund). Sie wirken äußerst engagiert. Ein nostalgisch klingendes Cembalo durchbricht die fragmentierten Streicherbänder. Themen und Variationen reihen sich mit Mut zur Lücke. Umemoto fordert die vier Gesangspartien mit stammelndem Sprechgesang. Dazu kommt die elektronische Stimme der fernen Geliebten. Es agieren also fünf namenlose Figuren. Der Künstler repetiert über Isolation, Entfremdung und Ratlosigkeit, was im Flow der Setzungen paradoxerweise an Spannung gewinnt. Er schält sich aus einem rotsamtenen Habit mit Spitzen. Umemoto sind die Trends und Topoi der europäischen Kunstmusik hörbar schnuppe. So darf der Countertenor Sean Bell, Vertreter einer der derzeit begehrtesten Stimmgattungen, nie gesanglich glänzen. Die Figur artikuliert Mangelerscheinungen und Minderwertigkeitsgefühle.
Der Künstler hat eine bremsende Ich-Schwäche, klebt an den Zurechtweisungen des ihn attackierenden Vaters und an dessen Kreditkarte. Er liebt die auf drei fahrbaren Projektionswänden erscheinende Trickfigur mit zwei Haarsträngen, langen Feinstrümpfen und dem von ihr vieldeutig geschwungenen Liebespfeil (Design: Kanji Okai). Er habe „a little dick“ und keine Eier in der Hose. So lamentiert der Künstler, nachdem ihm die drei Geistwesen (Peyee Chen, Mathias Monrad Møller, Halvor Festervoll Melien) mit roten Gesichtern und Hüten wie aus „Wicked“ zusetzen.
Doch der Künstler bleibt trotz bohrender Fragen psychisch taub. Er lamentiert vielfach seine Sehnsucht nach dem großen, tollen, mächtigen Kunstprodukt. Erst bemalt er sich, dann machen ihn die Geister mit Akupunkturnadeln blutig und er sich selbst fast ganz nackig. Auch die Anime-Figur des umschwärmten Mädchens setzt ihm schließlich nurmehr durch Abwehr zu. Ein Tattoo will sie, als sich der Künstler selbst schwarze Linien auf die Haut zieht. Diese Schlusspointe ist vieldeutig, lässt das positive Bekenntnis zu Schöpfung, Ambition und Identität schwerlich zu. Aber der Gesamteindruck stimmte, wie der nachdrückliche Premierenapplaus bestätigte.
Ökonomische Komposition
Das Publikum war still und nicht durchgängig aufmerksam. Die vielen Pausen zwischen den knappen Sätzen und das musikalische Stammeln begünstigen gedankliches Abschweifen. Erst verstörte die Kargheit, später überzeugte sie durch ihre Konsequenz. Weder dem von seinen LGBTQ+-Schwerpunkten zu einer heteronormativen Setzung vorstoßenden Mattey noch Umemoto geht es um Provokation, Protest, Passion oder Empathie. Beide zeigen Zwänge aus Patriarchat und Erwerbsleben, vor allem auch in etwas späteren Lebensjahren beeinträchtigende Positionierungs- und Freischwimmprobleme. Wie gelähmt ist der Künstler in seinen eigentlich besten Jahren!

Das Ensemble in schwarzen Langhaarperücken. Foto: Frol Podlesnyi
Dabei gehört Umemotos äußerst ökonomische Komposition zu einer neuen Epoche nach den Künstleraffronts der Décadence, der Darmstädter Dissonanzenrevolution, den Collagen und Akkumulationen der Postmoderne. Umemoto will ein bisschen Sounddesign (Asle Karstad), eine Philip Glass überbietende Dekonstruktion und sabotiert die Hoffnung, dass es etwas Besseres geben könne.
Das ist radikales Slimline und deshalb der nur zu ergiebige Anlass für jede Spekulation. Neben dem Wühlen in Neoritualen und alten Speichern beweist sich Becks und Kerers erste Biennale-Runde nicht nur hier als Forum für die schrumpfende Präsenz von Musik. Aber dieser Eindruck kann täuschen.