Linda Hwa versteckt sich unter einem Tisch auf der linken Seite. Antje Bornemeier steht rechts in die Ecke gedrängt. Beide starren auf eine Tür, durch die sich ein Arm durchschlägt.

Anders als Stephen King!

Paul Moravec, Mark Campbell: The Shining

Theater:Theater Vorpommern, Premiere:29.05.2026Vorlage:The ShiningAutor(in) der Vorlage:Stephen KingRegie:Aurelia EggersMusikalische Leitung:Alexander MayerKomponist(in):Paul Moravec

Am Theater Vorpommern inszeniert Aurelia Eggers „The Shining“. Die Oper von Paul Moravec entfaltet ihren Horror auf der Bühne mit beklemmender Zuversicht.

Es ist nicht er, sondern das Hotel.“ Dieser Satz über den zu Gewalt und Alkoholismus rückfälligen Schriftsteller Jack Torrance reibt sich an der Meinung des Textdichters Mark Campbell über die Geistererscheinungen in Stephen Kings längst klassischem Horrorroman „The Shining“. Jacks Gedanken entspringen für Campbell keiner anderen Wirklichkeit, sondern Jacks durch eine schlechte Kindheit attackiertem Hirn. Dieses Spannungsfeld machte sich Operndirektorin Aurelia Eggers für die zweite Inszenierung von „The Shining“ an einem deutschen Theater zunutze. Paul Moravecs 2016 in Minnesota uraufgeführte Oper erlebte vor drei Wochen am Staatstheater Regensburg ihre europäische Erstaufführung – auch dort in Anwesenheit des Komponisten. Moravec zeigte sich im Theater Vorpommern begeistert wie das Publikum, das die Premiere mit orkanartigem Jubel feierte.

The Shining“ ist nach Detlev GlanertsOceane“ der zweite Erfolg des neuen künstlerischen Leiters Rolf C. Hemke mit einer Oper des 21. Jahrhunderts innerhalb weniger Monate. Eggers‘ Inszenierung löst sich von einem naheliegenden Realismus. Sie erzielt mit genuinen Theatermitteln packende Wirkungen und macht hintergründige Schichten sichtbar. Den suggestiven Gesamteindruck von Moravecs Fassung für mittelgroßes Orchester steigern im akustisch idealen Theater Stralsund Alexander Mayer am Pult und das Philharmonische Orchester Vorpommern. Hier trägt die Musik auch, wenn man deren sämig breiten Fluss bremst und vom Ensemble expressiven Gesang fordert.

Fragile Familie

Schon in der ersten Szene ist die Harmonie von Jack Torrance, seiner Frau Wendy und deren Sohn Danny, der Fähigkeiten zur Telepathie und Wahrnehmung übersinnlicher Phänomene besitzt, porös. Kurz nach Beginn des Winteraufenthalts im leeren Hotel Overlook verschwindet das Panorama mit der malerischen Herbstlandschaft von Colorado. Marion Andrea Menziger zeigt nur die für den Ablauf unverzichtbaren Elemente: Den durch Überdruck gefährlichen Heizkessel im Keller des Luxushotels, schlichte Wohnräume und einen Flur mit vielen Türen zur bedrohlichen Zimmernummer 217. Später drücken die Wände, werden die engen Räume weißer und klammer. Die Erscheinungen der krass verstorbenen Hotelgäste geraten mit ihren bizarren Neigungen zu Karikaturen. Sotiris Charalampous und Semjon Bulinsky ragen aus dieser ‚danse macabre‘ als Jack zum Mord an Frau und Sohn treibende Erscheinungen heraus.

Eggers interessiert sich – merkbar an den verschrobenen Kostümsetzungen von Ariane Salzbrunn – mehr für die Psychostory der Hauptfigur Jack als für Kings Hotellerie-Horrorladen. Ihre Regie entschuldigt an der brutalen Figur nichts. Gerade so bewirkt sie, dass man über Jacks Abdriften Schrecken und auch Mitleid empfindet. Der junge Bariton Maciej Kozłowski ist die ideale Besetzung für diese Parforce-Tour mit Sprüngen zwischen tiefer Zartheit und jäher Brutalität. Die Brüche werden deutlicher, wenn Jack früher als im Textbuch wieder zum Alkohol greift. Die Hölle ist nicht das horrible Spukgespinste ausspuckende Hotel Overlook, sondern der durch den Persönlichkeitsverlust und die sadomasochistische Beziehung zu seinem Vater (Thomas Rettensteiner) zerstörte Jack. Kozłowski durchdringt alle Kantilenen mit Biss und dramatischer Wahrhaftigkeit.

Unwohl im Ungewissen

Eggers‘ Inszenierung fasziniert auch, weil sie kein pauschales Hirnkino für das Publikumskollektiv auslöst, sondern jeden Zuschauenden an der eigenen empfindlichen Stelle packt. Im Programmheft gibt es keine Inhaltsangabe. Dramaturgin Katja Pfeifer verweigert also die zu wohlfeile Absicherung durch der Wirkung abträgliche Überinfomation. Weil zu Beginn nichts harmonisch und alles windschief ist, sitzt man auf noch viel heißeren Kohlen. Eine gelbe mechanische Schreibmaschine ist neben der mörderischen Axt Jacks wichtigstes Arbeitsmittel: Die deutschen Übertitel rattern mit der Schrifttype dieses vormodernen Büroinstruments vorbei.

Maciej Kozlowski sitzt an einem Schreibtisch. Darauf eine gelbe Schreibmaschine.

Maciej Kozłowski sitzt an der gelben Schreibmaschine. Foto: Peter van Heesen

Wendy singt zwar viele getragene Spitzentöne, hat aber den wachsenden Terror überhaupt nicht im Griff. Antje Bornemeier zeigt nach ihrer beeindruckenden Borderline-„Oceane“ eine Frau, die Konflikte erst mit geschlechtsspezifischen Attitüden meistern will und das im rabiaten Krisenmodus nicht mehr hinbekommt. Danny ist neben hellseherischen Fähigkeiten ein problematisches Kind. Es schafft eine immense Verdichtung, wenn die Chorsopranistin Linda Hwa diese Knabenpartie übernimmt. So erhält Danny neben ebenbürtigem Gegengewicht zu den Erwachsenen auch eine aufregend doppelbödige Intensität. In der Schlussszene befindet sich Vater Jack in klinischem Gewahrsam und da wirkt Danny zum allerersten Mal entspannt.

Die über Kings Roman und Moravecs zu mildem Epilog hinausweisende Botschaft der bis zur letzten Sekunde spannenden Inszenierung ist klar. Kinder bekommen von ihren Eltern nicht nur Gutes. Bedauerlich ist durch die Besetzung mit dem sensiblen Bassbariton Jovan Koščica, dass Moravec dem ebenfalls mit Hellsichtigkeit begabten Koch Hollorann nur zwei Auftritte gab. Der Opernchor (einstudiert von Jörg Pitschmann) und der Dannys Visionen verdichtende Kinderchor waren den ganzen Abend stark gefordert. Auch durch die sekundengenau agierende Bühnentechnik glänzte dieser prachtvolle Psychothriller. Die intelligente Idealbesetzung liefert Gedankenstoff, der über die berühmte Vorlage hinaus einiges zu sagen hat.