Veranstaltung: Das Finale der Mülheimer Stücke

Von Detlev Baur am 27.05.2022 • Bild: Daniela Motzkus
Das Bild zeigt: Öffentlicher Diskurs der Jury

Ein pandemiebedingt quantitativ starker Jahrgang neuer Stücke lag der Auswahl zu den 47. Mülheimer Theatertagen zugrunde, so Wolfgang Kralicek, Sprecher des Auswahlgremiums sowie Mitglied der fünfköpfigen Preisjury. Auch qualitativ seien die sieben schließlich nach Mülheim eingeladenen neuen Dramen ein „starker Jahrgang“, meinte er zu Beginn der traditionell öffentlich abgehaltenen Jury-Diskussion die am vorgerückten Himmelfahrtstag in zweistündiger Diskussion das Gewinnerstück aussiebte.

Zuvor war am Abschlusstag Sarah Kilters „White Passing“ in der Stadthalle zu sehen, in der eigenwilligen Inszenierung Thirza Brunckens vom Schauspiel Leipzig. Auf mehreren Ebenen verhandelt das Stück Einsamkeit und Verlorenheit der Autorin zwischen unterschiedlichen Berliner Stadtbezirken, letztlich wie Dramaturgin und Jurorin Felicitas Zürcher später in der Jurysitzung sagte, ein Stück über Klassismus. Doch erst nach einer  langen Stunde vermittelte die stilisierte Darstellung dreier Puppen-Gestalten mit Fieps-Stimmen in der für die Inszenierung zu weiten Stadthalle eine Ahnung davon, dass die Autorin mit ihrer autofiktionalen Figur im Rückblick auf ihre Schulzeit voll Mobbing und ignorantes Lehrpersonal ein echtes Anliegen beschreibt und dabei über schriftstellerisches Talent verfügt.

 

Fachmesse für neue Dramatik

An diesem letzten Abend des Festivals – dem „Forum deutschsprachiger Gegenwartsdramatik“ – wurde wieder einmal deutlich, dass es sich viel mehr um ein Branchentreffen als um ein Publikumsfestival handelt. Dabei war die Vorstellung sehr gut besucht, das Interesse an der anschließenden Jurysitzung hingegen übersichtlich. Ganz anders als der Heidelberger Stückemarkt, der von einem Stadttheater ausgerichtet wird, das offensichtlich stark in der Stadt verwurzelt ist, wirken die Veranstaltungen des Stückemarkts, vor allem bei Aufführungen in der Stadthalle, wie eine Insel der deutschlandweiten Theaterszene in der Stadt. Bezeichnend dürfte sein, dass es in Heidelberg am letzten Abend des bestens verkauften Festivals Sekt für alle gab, während in Mülheim zwischenzeitlich der Getränkeverkauf ganz eingeschlafen war.

Nun ist die Diskussion der Jury – neben Wolfgang Kralicek, saßen auf dem Podium im Kammermusiksaal Dorte Lena Eilers, die langjährige Chefredakteurin von Theater der Zeit und frisch bestallte Professorin für Kulturjournalismus in München, der Regisseur Robert Borgmann und die Schauspielerin Leila Abdullah – naturgemäß ein Fachgespräch, dass ein intensives Interesse an neuer Dramatik per se voraussetzt. Sven Ricklefs moderierte die zweistündige Entscheidungsfindung nüchtern und pragmatisch; früh war herauszuhören, dass Sivan Ben Yishais „Wounds are forever (Selbstportrait als Nationaldichterin)“ der Favorit sein dürfte. Auch die Inszenierung von Marie Bues am Natioanltheater Mannheim erfuhr Lob.

 

Trend zu autofiktionalem Drama

Auffällig und von Wolfgang Kralicek als empathischem Paten des Tableaus eingangs erwähnt ist der Umstand, dass in vier der sieben Stücke die Autorinnen sich selbst in den Text einschreiben – eingerechnet der einzige Mann im Wettbewerb, Akın Emanuel Şipal. Das bedeutet nicht, dass die Stücke selbstgefällige Nabelschau bieten, vielmehr verweben sie die Situation der Autorin mit Konflikten in Deutschland bzw. Berlin oder bei der Preisträgerin gar zwischen Israel, Osteuropa und Deutschland, zwischen Holocaust und Ernennung der israelischen Autorin zur Hausautorin am Nationaltheater Mannheim. Das Stück ist ein furioser und geistreicher Parforceritt durch Familiengeschichte, Geschichte und Gegenwart. „Unsere Heldin“ heißt es vieldeutig im Text. Nur Dorte Lena Eilers votierte in der entscheidenden Schlussabstimmung für Teresa Doplers Bergsteigerparabel „Monte Rosa“  – zusammen mit der ebenfalls weit gelobten Farce „Jeeps“ von Nora Abdel-Maksoud das einzige Stück ohne Selbsteinschreibung der Autorin, dafür aber mit treffenden Sprachbildern über eine Gesellschaft aus Einzelkämpfern.

Relativ früh ausgeschieden wurde Elfriede Jelineks Corona-Drama „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“. Dabei profitierte das Werk vermutlich nicht von Karin Beiers nach Mülheim eingeladener Uraufführungsinszenierung. Frank Castorfs Wiener Zweitinszenierung betonte übrigens mit ihren Textänderungen dramaturgisch virtuos die Bezüge zur Kirke-Episode in der „Odyssee“ und reparierte damit die Schwächen in Jelineks stark an den Aufregungen der Gegenwart haftender Komposition.

Zurück zum Publikum: Nur Abdel-Maksouds und Jelineks Stück wurden auf den großen Bühnen der Uraufführungstheater aufgeführt. Die anderen waren auf kleineren bzw. Studiobühnen zu sehen, auch das Gewinnerstück. Dort heißt es im vorgeschalteten Chat mit dem Papa:  „Aber sie geben dir schon die große Bühne, oder?“

Die Frage nach der Wieder-Gewinnung des Publikums nach der Pandemie spielte bei der in sich sehr schlüssigen Jurydiskussion keine Rolle; nur einmal wurde die Frage gestreift, ob das Münchner Auftragswerk „Jeeps“ für Zweitinszenierungen in Frage käme. (Das ist auch bei der siebten Inszenierung zweifelhaft, Helgard Haugs HAU-Inszenierung ohne Schauspieler über das Versinken ihres Vaters in der Demenz und das gleichzeitige Verschwinden eines malaysischen Flugzeugs vom Radar). Große Autoren-Talente waren Gegenstand des Wettbewerbs, insofern mag  für die Gegenwartsdramatik auch Hoffnung für große Bühnen mit großem Publikum bestehen. Dennoch wäre zu überlegen, ob Publikum nicht eine stärkere Stimme bei den Stücken bekommen könnte. Der Publikumspreis, nach Abgabe von Stimmzetteln nach dem jeweiligen Gastspiel in Mülheim, ging übrigens an Akın Emanuel Şipals „Mutter Vater Land“, uraufgeführt am Theater Bremen.