Foto: Giulia Montanari, Patrick Zielke, Christian Miedl, Claudia Rohrbach und Chor der Oper Köln. © Matthias Jung
Text:Joachim Lange, am 28. September 2026
Marie-Ève Signeyrole inszeniert Richard Strauss‘ „Der Rosenkavalier“ für die Oper Köln. Dabei verlegt sie die Handlung von Wien nach Köln und stülpt der Geschichte ein Preisverleihungs-Kostüm über.
Gleich zu Beginn des zweiten Aktes schnappt die Falle zu. Nicht, dass man etwas von den technischen Startschwierigkeiten gemerkt hätte, von denen der Kölner Opernintendant Hein Mulders bei seinem Begrüßungsstatement gesprochen hatte. Da funktionierte alles so, wie es Marie-Ève Signeyrole (Regie) und Fabien Teigné (Bühne) sich vorgenommen bzw. an kleine Startschwierigkeiten des Hauses, die nach fast anderthalb Jahrzehnten ruhendem Spielbetrieb verzeihlich sind, angepasst hatten. Nichts gegen das Haus also. Arg teuer ist es geworden, aber einfach schön im alten Glanz.
Genderfluides Drama
Es lag nicht an der Haustechnik, es war die Genderfalle, die krachend zuschnappte in diesem Eröffnungs-„Rosenkavalier“. Statt im Palais des frischgeadelten Edlen von Faninal im kongenial von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss erdachten Pseudo-Wien findet man sich in Köln bei der 48. Filmpreisverleihung „Silberne Rose“ wieder. Mit eingeblendeter Silberrose im Video und der Ankündigung, dass (Achtung) als Preisverleiherin (!) Octavian Rofrano auftreten werde. Die/der Angekündigte kommt dann auch. Frei nach Jan Böhmermanns „dazwischen und außerhalb“ mit männlich kurzer Frisur im silberhellen Unisex-Hosenanzug mit Damenabsatzschuhen. In Köln ist Bianca Andrew die Frau, die den jungen Liebhaber der (eigentlich) doppelt so alten, attraktiven Fürstin spielt, die/der dann ein junges Mädchen spielt, das dem Ochs den Kopf verdreht, um sich am Ende mit der jungen, hübschen (und dank Giulia Montanari auch betörend singenden) Sophie in ein Happyend zu träumen.
Der französischen Regisseurin reicht diese exemplarische Dosis an Genderfluidem nicht. Sie lässt den langsam nervenden Zeitgeist mit inszenieren und macht aus der Frau, die auf der Bühne den Mann spielt, eine Frau, die eine Frau spielt, die einen Mann spielt, dann aber auch als Frau bei der Marschallin ankommt. Die – so scheint es jedenfalls – selbst gerne Sophie näherkäme. Und die sich in der schillernden oder (Grau-)Zone zwischen den Geschlechterzuschreibungen auskennt. Der BH, den der Polizeikommissar unter seinem Mantel trägt, erinnert sie offenbar auf sehr eigene Weise daran, was ihr Ehemann seinerzeit an der Ordonanz gehabt haben könnte, als den sie ihn erkennt.
Regisseurin auf der Bühne
Magdalena Hinterdobler macht in der Rolle der Feldmarschallin zunächst beinahe das, was sie normalerweise in der Oper macht. Auch in dem Film, der hier offensichtlich gedreht wird. Sie ist umgeben von einem übereifrigen Filmteam, so dass der szenische Tumult hinter jeder Ecke lauert. Sie spielt mitten in einem Personalgewusel die Szene nach der Liebesnacht, die sie mit ihrem Liebhaber verbracht hat. Da der von einer Frau gespielt wird, ist Octavian die Hosenrolle par excellence. Dann aber vertieft sich die Marschallin in das Drehbuch und in ihre Rolle. Schließlich übernimmt sie beherzt die Regie. Vielleicht gehörte aber schon dieser Einstieg zu ihrem Konzept als Regisseurin. Das weiß man nicht so genau. Kann gut sein, dass überhaupt alles ein von ihr inszenierter Arbeitsdurchlauf war, bei dem sie sich selbst als Regisseurin inszeniert, die die Marschallin dann aber auch immer wieder selbst spielt. Um am Ende nach deren Verzicht auf den jungen Liebhaber allein in ihrem Bett mit einem Skript zu landen, bei dem sie den Arbeitstitel „Der Rosenkavalier“ ergänzt.

Statisterie der Oper Köln, Bianca Andrew und KS Dalia Schaechter. Foto: Matthias Jung
Großes Verwirrspiel
Alles klar? Natürlich nicht. Denn das Verwirrspiel mit den Geschlechterrollen geht so krachend schief, wie es klingt, wenn man es zu beschreiben versucht. Dass man dem Ochs keine Chance auf einen Rest von Würde und Charisma gibt und ihn als übergriffig-fiesen Weinstein-Typen denunziert – na gut. Wie sich Patrick Zielke mit vokaler und rein körperlicher Wucht hier ins Zeug legt und im wahrsten Wortsinn als Fiesling entblößt, ist umso imponierender. Aber dass von der Aura und Lebens- und Liebesklugheit der Marschallin so gut wie nichts übrig bleibt, ist für „Rosenkavalier“-Liebhaber unverzeihlich.
Dafür fädelt sie im zweiten Aufzug selbst und für uns sichtbar die Intrige ein, die den Ochs matt setzt bzw. hier den Produzenten auffliegen lässt. Auch die metaphorische Brechstange, mit der aus der Überreichung der Silberrose eine (gekaufte) Preisverleihung wird, ist hanebüchen. Dass der Beisl-Szene jede komödiantische Leichtigkeit fehlt, ist da noch das Wenigste. Immerhin fallen die drei Frauen ein paar Mal aus der Rolle dieser missratenen Verfilmung in die der Oper – zum Glück auch beim Zeitmonolog der Marschallin und beim Terzett im dritten Akt. Da leuchtet dann doch mal das Rosenkavalierglück auf, um das man in Köln ansonsten über weite Strecken gebracht wird. Andres Orozco-Estrada brauchte eine Weile, um die Balance zwischen Graben und Bühne zu finden, navigierte das Gürzenich-Orchester aber mehr mit dem Blick aufs Filmset als auf den Wiener Glanz durch den Abend.
Der Beifall des Kölner Publikums galt wohl zu einem Gutteil auch seinem endlich wieder nutzbaren Opernhaus. Die Buhs muss das Regieteam allein auf seine Kappe nehmen.