Foto: Camille Sherman und Lena Geiger in „Così fan tutte“ am Staatstheater Wiesbaden. © Max Borchardt
Text:Bernd Zegowitz, am 18. Juni 2026
Am Hessischen Staatstheater Wiesbaden verlegt die Regisseurin Marie-Ève Signeyrole Mozarts „Cosi fan tutte“ in einen Hörsaal, der mit jungen Paaren aus dem Publikum gefüllt ist. Prof. Dr. Alfonso führt mithilfe eines Experimentes in einem fünftägigen Schnellkurs in die Schule der Liebenden ein. Vielleicht ist das ja der pädagogische Königsweg, doch auch der kann ganz schön lang sein.
20 (Liebes-)Paare dürfen auf die Bühne, werden vorher eingekleidet, eingeführt, bekommen Rollen zugewiesen. Sie sind die Kommilitoninnen und Kommilitonen der sechs Protagonisten in Mozarts „Così fan tutte“, sitzen im Hörsaal einer Kunsthochschule, nehmen teil, greifen ein und beobachten den Verlauf eines Experimentes, das ihr Professor Don Alfonso initiiert hat. Anhand zweier herausgehobener Paare will der mit einer Liebesprobe beweisen, dass Treue ein reines Ideal ist, das in der Realität keinen Bestand hat.
Angewandte Theaterwissenschaft
Die Studierenden sind aber gleichzeitig Beobachter und Beobachtete, die ja vom Theaterpublikum ebenfalls betrachtet werden. Und das Publikum selbst wird wiederum von den Kunststudierenden betrachtet, gemalt, als Objekt genutzt und vom Professor miteinbezogen, wenn es aufgefordert wird, das gemeinsam formulierte Lernziel mitzusprechen oder mitzusingen: Così fan tutte. Die französische Regisseurin Marie-Ève Signeyrole scheint eine Verfechterin des integrierten Lernens zu sein. Sie kombiniert nämlich die Präsenzlehre mit digitalen Formen, lässt das Geschehen auf der Bühne von einem Studierenden filmen und dieses gleichzeitig auf eine Leinwand projizieren. Eine zweite Ebene bilden vorproduzierte Videos, mit denen wir tief ins Innere der Protagonisten vordringen, Einblicke in deren Gedankenwelt, Fantasien und Sehnsüchte erlangen. Für Studierende der angewandten Theaterwissenschaft mag das Regiekonzept superinteressant sein, dem Zuschauer bringt es die Figuren kaum näher und auch der Charme des laienhaften Spiels der jungen Paare nutzt sich mit der Zeit ein wenig ab.
Aufgebrochene Dramaturgie
Fabien Teigné hat eine Bühne gebaut, die an einen schlichten Hörsaal erinnert, der in der Mitte geteilt werden kann und Platz für Szenen lässt, die im Studierendenwohnheim spielen, in den Duschräumen, den Werkstätten. Die geschlossene Dramaturgie des Stückes – die Einhaltung der drei Einheiten, das reduzierte Personal –, die an die Strenge der Opera seria erinnert, bricht die Regie auf, um der Unwahrscheinlichkeit der Handlung entgegenzuarbeiten. Doch gerade die hat der Librettist Lorenzo Da Ponte kalkuliert, also dass die beiden Schwestern Fiordiligi und Dorabella innerhalb des berühmten aristotelischen Sonnenumlaufs von ihren Liebhabern abfallen.
Darüber wundert sich erstere ja selbst: Dass sich ein Herz an einem einzigen Tag derart ändern kann? Mit ihrem Schuss Realistik kommt die Regisseurin dem Stück eher nicht näher. Eher schon mit dem Experimentcharakter der Inszenierung, der der Handlung eingeschrieben ist, auch wenn Mozart die philosophischen Implikationen des erotischen Experiments in seiner Musik überhört. Signeyrole bricht aber noch mehr auf, auch den Titel der Oper. Alfonso modifiziert bzw. konkretisiert nämlich am Schluss der Vorlesungen das Lernziel: Nicht nur die Frauen machen es so, sondern auch die Männer: Cosi fan tutti! So ist es halt realistischer.

v.l.n.r. Josefine Mindus, Jack Lee, Camille Sherman, Lena Geiger und Katleho Mokhoabane. Foto: Max Borchardt
Wissenschaftliches und studentisches Personal
Alfonsos reizende Assistentin Despina wird als karrierebewusste wissenschaftliche Nachwuchskraft präsentiert, die ihre Reize nutzt, am Ende aber von Wissenschaft und Kunst irgendwie desillusioniert ist, denn auch sie war nur Teil des Experiments. Josefine Mindus singt sie mit schönem hellem Sopran, mit Leichtigkeit, Witz und heiterer Laune. Ihren Vorgesetzten Don Alfonso gibt Hovhannes Karapetyan als Intellektuellen in Schwarz, der nicht sonderlich irritiert ist vom Verlauf des Experiments, der klar formuliert, zusammenfasst, ordnet und das auch genauso singt – mit einem Schuss Boshaftigkeit. Dass er immer wieder aus der Rolle fällt, sich mit neugeschriebenem gesprochenem Text ans Publikum wendet, gehört zum Konzept. Die beiden Paare spielen und singen mit großer Leidenschaft, werden von Signeyrole so gut und individuell geführt, dass sich vier ganz eigene Rollenbilder ergeben.
Camille Sherman ist eine Dorabella, die selbst überrascht ist, wie schnell die Leidenschaften kommen und gehen, Lena Geiger eine Fiordiligi, deren Panzer nicht von dauernder Haltbarkeit ist und die dann tief ins Innere blicken lässt: am schönsten im Rondo „Per pietà, ben mio“. Jack Lee ist ein prächtig-aufbrausender Guglielmo, der nur scheinbar mit dem Leben leichter fertig wird als sein Freund Ferrando. Der wunderbare Tenor Katleho Mokhoabane singt diesen ganz fein und zart, nicht nur in „Un‘ aura amorosa“, das er mehr an die Liebe ganz allgemein als an die Geliebte richtet. Leo McFall dirigiert einen spritzigen, lebensfroh-prallen Mozart ohne Hintergedanken.
Marie-Ève Signeyroles Mozart-Experiment geht vielleicht von nicht ganz korrekten Voraussetzungen aus, sie biegt sich das Stück ein wenig zurecht, streckt die Zusätze, doch das Ergebnis kann sich durchaus sehen und noch mehr hören lassen.