Foto: „Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing an der Deutschen Oper Berlin in der Regie von Martin G. Berger. © Thomas Aurin
Text:Joachim Lange, am 21. Juni 2026
„Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing holt Regisseur Martin G. Berger an der Deutschen Oper Berlin satirisch in die politische Gegenwart. Dabei wagt die Inszenierung eine Neuerzählung, übertreibt es aber phasenweise mit dem Zeitgeist.
Zu den Selbstläufern gehören die einst populären Opern von Albert Lortzing schon länger nicht mehr. Sogar das diesjährige Festival in Leipzig bestätigt diese Erfahrung eher, als sie zu unterlaufen. „Zar und Zimmermann“ ist da allerdings immer noch die Ausnahme. In der 1837 in Leipzig uraufgeführten komischen Oper hat das Multitalent Lortzing so viele musikalische Dauerbrenner eingebaut, dass die sich als eine Über-Lebensversicherung bewähren.
Nordkorea im Disneylandformat
In der Deutschen Oper in Berlin hat sich Martin G. Berger der berühmten Westmission des Russenkaisers angenommen, sie kurzerhand in eine fiktive, ungefähre Gegenwart verlegt und politisch nachgeschärft. Womit die niedrige Empörungsschwelle des Charlottenburger Stammpublikums schon mal eingepreist ist. Dazu hat Berger vor allem das etwas biedermeierlich tümelnde Libretto mit Eifer und in voller Absicht auf links, sprich Gegenwart und Satire gedreht. Dass er den Zaren Peter Michailow gleich noch selbst gespielt hat, war nicht ganz so freiwillig. Als souveräner Einspringer spielte er ihn, während der aus Wien herbeiengagierte Daniel Schmutzhard die Partie von der Seite aus profund sang.
So was kann immer passieren, hat aber auch seinen besonderen Charme. Peter Michailow ist hier nicht der Zar aller Russen, sondern der Herrscher im Operettenstaat „Tshirikistan“. Der will (fast wie bei Lortzing) inkognito, unfreundlich gesagt, den Westen ausspionieren. Und damit niemand etwas von dieser Geheimoperation erfährt, lässt der Onkel des Zaren (Fabian Gerhardt), der dieses Utopia zwischen Russland und Baltikum von einer Geheimdienstzentrale aus mit einem ebenfalls dazu erfundenen, uniformierten Geheimdienstmitarbeiter (Katharina Brehl) steuert, zur Ouvertüre ein perfekt gemachtes Propagandavideo von Vincent Stefan einspielen. Es zeigt ein Utopia in schöner Landschaft, mit einem von „glücklichen“ Untertanten „heiß geliebten“ Zaren (in Romanow-Aufmachung). Nordkorea im Disneylandformat.
Dealmaker
Es bleibt zwar beim holländischen Saardam und seinem eifrig naiven Bürgermeister van Bett (Patrick Zielke). Während aber der Zar zum Kaiser eines Operetten-Zwergstaates herabgestuft wird, wird dieses Stadtoberhaupt zum überforderten Gastgeber eines G7-Gipfels, bei dem vor allem die Franzosen und Engländer versuchen, einen Deal mit dem Zaren zu machen: Der Franzose Marquis von Chateauneuf (Kieran Carrel) mit dem richtigen Peter Michailow, der Engländer Lord Syndham (Padraic Rowan) zunächst mit dem falschen Zaren Peter Ivanov (Philipp Kapeller).

„Zar und Zimmermann“ von Albert Lortzing an der Deutschen Oper Berlin in der Regie von Martin G. Berger. Foto: Thomas Aurin
Die Werft der taffen, knallhart kalkulierenden Witwe Browe (Nicole Piccolomini) baut Kanus der Luxusklasse. Zumindest sieht es so aus. Dort ist Peter Ivanov zunächst unpolitisch (wollte daheim nur nicht zum Militär und hat das Weite gesucht). Vor allem ist er aber eifersüchtig auf die Kontakte, die seine feministisch aktivistische Freundin Marie (Nadja Mchantaf) mit potenziellen Verbündeten so pflegt.
Neuverortung oder Anbiederung an den Zeitgeist?
Wenn der am Ende dafür sorgt, dass das „Volkszarentum“ in seiner Heimat verschwindet und der Gewaltherrscher, der ein paar Mal zu viel vom Köpfen geredet hat, abgeführt wird, mag das ein Tick zu viel des Guten sein. Dass der Bürgermeister in Holland aber im Auftrag seines Ministerpräsidenten erst Illegale aufspüren soll, um sie abschieben zu können, dann aber unter ihnen den Partner für einen Deal finden soll, passt ganz gut in diese Neuerzählung.
Mit dem üppigen dreh- und bekletterbaren Stahlgerüst, der Riesenhochzeitstorte und der Geheimdienstzentrale am rechten Bühnenrand betreibt Sarah-Katharina Karl einigen Aufwand, während die Kostüm-Optik von Esther Bialas mit viel Rosa und Blau nicht ganz so originell geraten ist. Auch die queeren Zugaben fürs Ballett oder die Ambitionen des französischen Gesandten sind eine so offensichtliche Referenz (oder Anbiederung?) an den Zeitgeist, der für eine solche Neuverortung nicht auch noch nötig gewesen wäre. Beim Holzschuhtanz als toll gesteppte Einlage für den G7-Gipfel in Saardam war die Spielopernwelt dann wieder in Ordnung.
Auch die von Thomas Richter einstudierten Chöre ließen sich die Chance nicht entgehen, aus dem „Heil sei dem Tag, an welchem ihr bei uns erschienen“ einen musikalisch mitreißenden Höhepunkt zu machen. Am Pult des Orchesters der Deutschen Oper sorgte Antonello Manacorda als wacher Anwalt Lortzings für den dazu passenden Schwung. Am Ende steuerte das Publikum zu dieser an- und aufregenden Neudeutung ein Pro-und Contra im Wagner Format bei.