Foto: „Die drei Opern“ von Sergej Rachmaninow am Opernhaus Zürich in der Inszenierung von Dmitri Tcherniankov. © Toni Suter
Text:Roberto Becker, am 2. November 2026
Die selten gespielten Kurzopern von Sergej Rachmaninow verschmelzen am Opernhaus Zürich in „Die drei Opern“ zu einer packenden Inszenierung von Dmitri Tcherniakov.
Giacomo Puccinis „Trittico“ gehört zum gebräuchlichen Stückekanon der Opernhäuser. Eine Dreierkombination als Quasi-Titel für ganz unterschiedliche Kurzopern. Zu solcher Bekanntheit hat es der Dreierpack von Sergej Rachmaninow (1873-1943) aus „Aleko“, „Der geizige Ritter“ (oder „Skupoi Rytsar“) und „Francesca da Rimini“ bislang nicht gebracht. Das Opernhaus in Zürich liefert mit seiner jüngsten Premiere mit dem nüchtern konstatierenden Titel „Rachmaninow: Die drei Opern“ ein Plädoyer dafür, genau das zu ändern.
GMD Gianandrea Noseda zieht mit dem Opernorchester alle Register für ein präzises Parlandofundament, für betörende Zwischenspiele und für ein dramatisches Auftrumpfen, das streckenweise als das Echo aus der Hölle durchgeht, als das es gemeint ist. Es sind – wie bei Puccini auch – bei dem amerikanisierten Russen unterschiedliche musikalische Sprachen, bei denen Noseda mehr das Gemeinsame sucht, als die Unterschiede zu betonen. Und genau das ist auch der Zugang zu dem sich Regisseur Dmitri Tcherniakov entschlossen hat, der wieder sein eigener Bühnenbildner ist und gemeinsam mit Elena Zaytseva (Kostüme) nach einem gemeinsamen Nenner der drei Werke sucht und ihn verblüffend plausibel auch findet.
„Aleko“
„Aleko“ ist ein Jugendwurf aus dem Jahr 1893, „Der geizige Ritter“ und „Francesca da Rimini“ folgten im Jahr 1906. Die ersten beiden basieren auf einem Gedicht bzw. einer Tragödie von Alexander Puschkin, die dritte folgt einer Episode aus Dantes „Göttlicher Komödie“.
Da „Aleko“ die Abschlussarbeit des Komponisten am Konservatorium ist, ist vor allem der Einfluss Tschaikowskys nicht zu überhören. Der Titelheld lässt für die Liebe zur jungen Roma Zemfira alles hinter sich. Als er sie dann aber mit einem jungen Roma in flagranti erwischt und die beiden umbringt, wird ihm das zum Verhängnis und er wird auch aus dieser Gemeinschaft ausgeschlossen.
„Skupoi Rytsar“
Beim „Geizigen Ritter“ geht es deutlich sinfonischer zu. Hier eskaliert ein zugespitzter Vater-Sohn-Konflikt. Ein krankhaft geiziger und sich an seinem angehäuften Reichtum berauschender Baron verweigert seinem Sohn Albert jede Finanzspritze. Den Rat eines Geldverleihers, einfach den Erbfall mit einer Giftdosis für den Alten zu beschleunigen, verwirft Albert zwar, bittet aber den Herzog, zu seinen Gunsten zu intervenieren. Das geht gründlich schief. Ein Wort gibt das andere. Obwohl der Herzog das Duell verhindern kann, zu dem der Sohn den Vater fordert, haut den Alten schon dieser aus dem Ruder gelaufene Streit tot um.
„Francesca da Rimini“
Der schönen Francesca in der dritten Geschichte begegnen Dante und Vergil (hier aus dem Off nur zu hören) schon in der Hölle. Die Frau, die man mit dem hässlichen Lanciotto verheiratet hat, obwohl sie dessen attraktiven Bruder Paolo liebt, wurde von Lanciotto gemeuchelt, weil der die beidem beim Lesen (!) einer Liebesgeschichte erwischte. Wie diese latent rumorende Leidenschaft an Tristan und Isolde denken lässt, so erinnert auch die große musikalische Geste hier an Wagners Musik.
In dem grandios eskalierenden Finale des Abends (die Pause teilt die zweite Kurzoper) hat sogar das kongeniale Bühnenbild quasi sein eigenes szenisches Solo, mit dem sich alles aufzulösen scheint. Mit seiner Bühne gelingt es Tchernaikov tatsächlich die drei heterogenen Geschichten in einer Bühnenerzählung zu vereinen. Er hat nämlich ein nobles Seniorenstift auf die Drehbühne gezaubert, mit seinen Gängen, Zimmer und Glastüren, einem Gemeinschaftsraum und auch einem Blick nach Draußen. Zumindest, wenn es dicke Flocken schneit. Wenn aber die Flammen um diese Behausung lodern, dann ist es mehr ein Blick nach Innen, in die Abgründe, all der Bewohner, die das Haus zu einem Labyrinth der Erinnerungen machen.

„Die drei Opern“ von Sergej Rachmaninow am Opernhaus Zürich mit Vladislav Sulimsky. Foto: Monika Rittershaus
Schauplatz: Seniorenstift
Der so einfache, wie verblüffend gut funktionierende Grundeinfall besteht darin, dass sich die Bewohner dieses Stifts die Geschichten ihres (tatsächlichen oder verpassten) Lebens erzählen. Mit feinem Witz und Polonaise, samt Gehhilfen durch alle Räume zum Auftakt. Bei Lesungen mit verteilten Rollen, aus denen sie dann auch schnell mal fallen bzw. in die sie geraten, wie in eine Falle der Erinnerung. „Es gibt kein größeres Leid, als im Unglück an Zeiten des Glücks zu erinnern“, hat Librettist Modest Tschaikowski dem im dritten Rang platzierten Chor als Schlusswort vorbehalten. Ein Gedanke mit Motto-Potenzial für diese verblüffend stimmige, packende, über dreistündige Inszenierung.
Die hat ihre durchschlagende Wirkung natürlich auch dem Orchester und dem singenden Personal zu verdanken. Vor allem Vladislav Sulimsky, der als Aleko, als Baron und als Lanciotto in allen drei Teilen mit imponierender Präsenz beeindruckt. Elena Stikhina ist als Zemfira so imponierend wie dann als Francesca. Aber auch alle anderen überzeugen. Neben ihren Rollen verkörpern sie alle eine ziemlich muntere Truppe dieser Villa Rachmaninow. Der Jubel für alle war hochverdient!