Foto: Die Auswanderer auf dem Weg. © Arek Glebocki
Text:Andreas Falentin, am 1. November 2026
Intendant Markus Dietze inszeniert am Theater Koblenz die deutsche Erstaufführung des ABBA-Musicals „Kristina“. Er verlässt sich auf sein großartiges Ensemble – und erzählt linear die Geschichte.
Der schwedische Autor Vilhelm Moberg (1898–1973) ist bei uns kaum bekannt. Er hat Sozialepen geschrieben, ausufernde, gut recherchierte Romane über die Bauern seiner småländischen Heimat, die in Schweden populär waren. Eine Roman-Tetralogie mit über 2000 Seiten beschäftigt sich mit Auswandererschicksalen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Ihr Ziel ist Amerika.
Benny Andersson (Musik) und Björn Ulvaeus (Liedtexte), die Komponisten und Interpreten von ABBA, haben 1995 daraus ein Musical gemacht, das die Schwächen und Stärken der Romane – aus heutiger Sicht – schlüssig widerspiegelt: die Größe der epischen Form und der moralischen Haltung, die Genauigkeit des Konstellationsentwurfs, also die Erfindung vieler Figuren und ihrer Beziehungen, und die Stimmung einer Zeit, die für uns sehr weit entfernt wirkt, sozusagen für immer vergangen.
Regisseur Markus Dietze, Dirigent Karsten Huschke und Ausstatter Christian Binz begegnen dieser Herausforderung in ihrer deutschen Erstaufführung mit Einfachheit. Man muss den epischen Entwurf, die Genauigkeit und die Zeitferne aushalten, wird aber auf allen Ebenen dafür belohnt.
Christian Binz hat einen Bretterkasten entworfen, dessen Rückwand teilweise oder komplett entfernt werden kann. In der Mitte befindet sich eine Mulde. Sie stellt ein Feld oder ein Schiff dar, unterstützt von Videoprojektionen Georg Lendorffs, die die Bretterbühne zum Meer machen oder Winter andeuten. Dazu tragen die Figuren Kleidung in gedeckten Farben, die vor allem Armut und Alter vermittelt. Hier wird nichts an- oder ausgedeutet, sondern einfach die Geschichte erzählt.
Nur Erzählung
Was noch mehr für Markus Dietzes Inszenierung gilt: keine „Mätzchen“, nur Erzählung. Wie er etwa den Zusammenschluss der neun Auswanderer und ihrer Kinder fugenlos auf der Bühne gestaltet, ist stark, weil man überhaupt nicht merkt, wie viele Kleinigkeiten hier geschildert werden. Der Regisseur verlässt sich auf Zeichen, deutet Rituale wie Taufen oder Beerdigungen an, treibt die Handlung voran und lässt so wenig Platz wie möglich für Sentimentalitäten.
Karsten Huschke präsentiert die Musik in einem großen Bogen. Die produktive Lust des Komponisten an ungewöhnlicher Instrumentierung und vor allem an Dissonanzen stellt der Dirigent heraus, einmal sogar in der Gesangslinie eines groß angelegten Terzetts. Die wunderschöne, etwas altmodisch wirkende Ouvertüre gestaltet er zu einer sonnigen nordischen Idylle, die dann auf der Bühne zusammenbricht. Immer wieder erzeugt die Musik eine Fallhöhe, unter der die Figuren zurückbleiben, was natürlich auch am Staatsorchester Rheinische Philharmonie liegt.

Karl Oskar (Tobias Bieri), Kristiana (Elena Franke) und die Kinder. Foto: Matthias Baus
Oft wirkt das Stück trotzdem etwas langwierig, nicht nur, weil es über drei Stunden Musik enthält. Die musikalische Dramaturgie stimmt nicht immer: Nummern sind schlicht zu lang, der musikalische Höhepunkt wird sozusagen angeklebt, wenn die Handlung inhaltlich schon zu Ende erzählt ist. Hier stehen die Sänger als nackte Artisten auf der Bühne: Sie haben nur noch ihren Gesang.
Starke Ensembleleistung
Das merkt man vor allem bei Kristina (Elena Franke). Sie ist der Mittelpunkt des Musicals, eine sich aufopfernde Frau in einer Männerwelt. Sie hat keine Lust aufs Auswandern, aber ihr Mann Karl Oskar (Tobias Bieri mit solidem Bariton) will es, weil er seine Kinder nicht mehr ernähren kann – was Kristina lange befürchtet hat. Sein Bruder Robert (Denis Riffel mit sehr weich geführtem und individuell timbriertem Musicaltenor) will sein eigenes Glück machen und nicht mehr unter einer Herrscherknute stehen. 21 Rollen bietet das Stück; in Koblenz sind sie alle hervorragend besetzt. Auffällig sind vor allem Isabel Mascarenhas als Ulrika, Marco Kilian als Reformprediger und Jussi Juola als wilder Jäger Nöjd, die mit besonderer Präsenz aufwarten. Der Chor singt hochmusikalisch und teilweise leider nicht textverständlich.
Immer wieder drängt Kristina in den Mittelpunkt, mit sehr bürgerlicher Moral, vielen Zweifeln und schnell anspringender Dankbarkeit. Eine ungewöhnliche Hauptfigur, die man fast zu gut kennt, wie ein guter Freund, den man nicht mehr mag. Und sie ist natürlich auch eine Liebende. Mit ihrer Liebe beginnt das Stück.
Und es endet auch damit. Kristina hat zu viele Kinder geboren, der Arzt rät ihr, ihren Mann zu verlassen, damit sie nicht mehr in Versuchung gerät, mit ihm zu schlafen. Denn sie hält es nicht mehr aus, ein weiteres Kind zu bekommen. Aber sie liebt weiter – und stirbt. Elena Franke gibt mit etwas schmalem Sopran und großer Ausstrahlung spürbar alles, was sie hat. Wie gesagt: Es ist eine Männerwelt, die Moberg, Andersson und Ulvaeus hier zeigen.