Foto: Die Bühne um Alma wirkt fast wie ein Wimmelbild. © Claudia Heysel
Text:Joachim Lange, am 1. März 2026
Anhaltisches Theater Dessau – Christiane Iven inszeniert „Alma“ von Cláudio Santoro. Die portugiesische Oper begeistert vor allem durch großes Drama und fulminante Musik.
In diesem Jahr steuert das Anhaltische Theater zum Kurt-Weill-Fest mit „Alma“ die deutsche Erstaufführung der einzigen Oper des Brasilianers Cláudio Santoro (1919–1989) bei. Das ist per se ein Verdienst. Wo gibt es hierzulande schon mal eine Oper auf Portugiesisch, noch dazu von einem brasilianischen Komponisten? Santoro hat von 1970 bis 1978 in Deutschland gelebt und gearbeitet, dabei alles eingesaugt, was es hier zu entdecken gab, und zu etwas Eigenem gemacht.
Berauschende Musik
Und die Dessauer legen sich für diese Entdeckung mit allem, was sie zu bieten haben, gewaltig ins Zeug. Vor allem die Anhaltische Philharmonie unter Markus L. Frank begibt sich zwar nicht gleich in den brasilianischen Klangurwald, aber auf eine lustvoll ausgeschrittene Exkursion in eine in alle Richtungen stilistisch offen wuchernde Klangvielfalt. In der mag man den Willen zum Eigenständigen ebenso finden wie die Tatsache, dass sich auch hier das Echo europäischer Musik wiederfindet. Ob Berg oder Puccini, einmal wird sogar Strauss‘ Salome verfremdet zitiert, ein Zwischenspiel klingt wie Schostakowitsch.
Da rauscht die Musik im melodramatischen Ausbruch sängerfreundlich auf, nimmt sich in den verhaltenen Klängen der Bühnencombo auch mal demonstrativ zurück oder marschiert mit zackigen Rhythmen drauflos. Nicht nur da bietet sie geradezu eine Steilvorlage für die von Marcos Vinicius dos Anjos mehr autonom agierende als nur illustrierende Dessauer Ballett-Truppe. Deren Beiträge sind im ersten Teil fast schon überpräsent, während man sie im zweiten Teil vermisst. Überhaupt sind sie alle gefordert und in der Inszenierung von Christiane Iven meistens auch alle sichtbar. Inklusive des von Sebastian Kennerknecht einstudierten und von Ariane Isabell Unfried auf unterhaltungswütig kostümierten Chors.

Das Ballett des Anhaltischen Theaters Dessau in Aktion. Foto: Claudia Heysel
Seifenoper
Es geht wie in vielen Opern auch hier um ein exemplarisches Frauenschicksal. Verhandelt wird die Erbsünde des Patriarchats – die rabiate Unterdrückung der Frau und ihre sexuelle Ausbeutung unter dem Deckmantel einer christlich verbrämten Sexualmoral. Alma gerät in die Prostitution, ist der Star in einem Bordell, das auch ihr hochmoralischer Großvater (Michael Tews) besucht.
Das Besondere dieser Von-nun-an-gehts-bergab-Geschichte ist einerseits die (schwer nachvollziehbare) sexuelle Hörigkeit Almas zu ihrem Zuhälter Mauro (Kay Stiefermann gibt lässig diesen Mistkerl). Auf der anderen Seite bleibt die Retterattitüde des Baudelaire verehrenden Schriftstellers João do Carmo (Costa Latsos beglaubigt den Schwächling überzeugend) ein Leitmotiv in der episodischen Handlung. Die hat mehr von einer Telenovela als der wirklich stringenten Dramaturgie einer packenden Schicksalsoper ohne Happy End.
Wimmelbild-Ästhetik
Der Grundeinfall der Inszenierung ist die Bühne von Rifail Ajdaroasic. Das Bordell von Dona Rosaura (Alyson Rosales) ist der zentrale Ort der Handlung. Ein opulentes Wimmelbild, in dem es sich der Chor wie in einem Varieté ab und zu mal an Tischen mit Blick ins Publikum gemütlich macht. Um immer mal das Geschehen zu kommentieren, dem Treiben zuzusehen, zu dem dann auch eine (angedeutete) Abtreibung auf offener Bühne und diverse Gewaltausbrüche von Mauro (in einem gelegentlich herunterfahrenden transparenten Kasten) gehören.
Diese Wimmelbild-Ästhetik hat zunächst ihren Reiz, nutzt sich aber schneller ab als der Sache gut tut. Zumal sich das emotionale Niveau der Geschichten im und ums Bordell nicht wirklich ändert. Auch nicht bei Almas Versuch, mit einem smarten Ingenieur (Edilson Silva Junior) in einen bürgerlichen Familienalltag zu finden. Gerade im zweiten Teil zieht sich das Ganze dann doch.
In der Titelpartie freilich glänzt Iordanka Derilova in jeder körperlichen und vokalen Lage. Wer wollte ihr verübeln, dass sie nicht einen Augenblick vergessen lässt, dass es an diesem Abend um eine Frau geht, deren Schicksal sie mit ihrer großartigen Intensität präsentiert? Der Beifall am Ende würdigte eine hochrespektable Kunstanstrengung auf der Bühne und im Graben. Und zu einem Teil wohl auch die eigene Kondition im Saal.