Mikayla Jensen-Large liegt unter einem Tisch und schaut ins Publikum. Sie hält sich schützend beide Ohren zu.

Vergangenheitsbewältigung im Selbstversuch

Yana Shliabanska, Anastasiia Verveiko: Der Elefant im Weißen Meer

Theater:Anhaltisches Theater Dessau, Premiere:15.05.2026 (UA)Regie:Anastasiia VerveikoMusikalische Leitung:Paul DrouetKomponist(in):Yana Shliabanska

Mit der Uraufführung der Kammeroper „Der Elefant im Weißen Meer“ nimmt das Anhaltisches Theater Dessau den verdrängten Terror des sowjetischen Stalinismus in den Blick. Anastasiia Verveikos Inszenierung nähert sich einem spannenden Stoff, schöpft dessen Potenzial jedoch nur bedingt aus.

Uraufführung in Dessau. Die rund hundert Plätze auf der Studiobühne sind voll besetzt. Ein Großteil des Publikums dürfte eine persönliche Beziehung zu Mitwirkenden haben. Der Schlussapplaus ist langanhaltend begeistert. Die Kammeroper „Der Elefant im Weißen Meer“ stammt von Yana Shliabanska, das Libretto von Anastasiia Verveiko. Die Komponistin bediente am Abend die Live-Elektronik, die Librettistin fungierte als Regisseurin.

Ein Elefant im Stalinismus

Der Stücktitel ist Programm. Auf einer Insel im Weißen Meer liegt das Solowezki-Kloster, in dem Stalin ein erstes großes Häftlingslager errichten ließ. Dessen amtliche Bezeichnung wurde mit SLON abgekürzt, was übersetzt „Elefant“ heißt. Der Stücktitel ist treffend – wenn man ihn erklärt. Das gilt für das ganze Stück, seine Dramaturgie, seine musikalische, optische und szenische Umsetzung.

Ein großes Thema: die Aufarbeitung stalinistischen Terrors. Erinnerung als Basis für Lebens- und Zukunftsperspektive. Liza, die Heldin, forscht ihrem Urgroßvater nach. Sie trifft auf Erinnerungsverweigerung, festgefahrene Haltungen und Ignoranz. Die Autorinnen springen in den Zeiten: von den ersten Säuberungen 1934 bis zur Entdeckung von Massengräbern Ende der 1990er Jahre. Sie spielen mit der Präsenz des Vergangenen im Heute. Das ist ehrenwert und erklärbar, aber kaum sinnlich erfahrbar.

Die Bühne ist wie ein Klassenzimmer eingerichtet. Hinten steht ein Tisch. Das Ensemble steht verteilt im Raum, mit sich selbst beschäftigt. Vorne rechts sitzen zwei Orchestermusiker.

Paul Drouet (am Pult), Theresa Zschunke, Anita Wichmann, Edilson Silva Junior, Mikayla Jensen-Large, Joslyn Rechter, Erich Wagner und KM Gerald Manske. Foto: Claudia Heysel

Realität und Kunst im Widerspruch

Die Musik, Live-Elektronik plus Bassklarinette und Cello, ist eine Anhäufung von Effekten, wirkt wie ein Austesten des Möglichen. Dahinter stehen zweifellos genaue Überlegungen. Erlebbar ist bestenfalls stimmungsvolle Untermalung. Die Führung der Gesangsstimmen läuft durchweg dem Sprachduktus entgegen und findet nie zu melodiöser Entspannung.

Die Optik (Bühnenbild: Moritz Nitsche, Kostüme: Max Steinberger) zeigt einen leeren Raum, eine Schulbank, die zum Tisch wird. Ein blauer und ein gelber Schleier verweisen auf die Ukraine. Für Karelien wird der Boden mit Erdimitat bestreut. Es werden Plasteknochen sortiert.
Die Kleidung ist heutig zusammengesucht, wählt das Naheliegende. Für abstrahierende, teilweise absurde Überhöhungen, die Musik und Handlung bereithalten, gibt es keine Entsprechung. So ist es einfach nur merkwürdig und kein Kunstmittel, dass die 1934 ermordete Ballerina und die in Charkiw zurückgelassene Mutter und Großmutter plötzlich in den karelischen Wäldern auftauchen.

Auch im Spiel gelingt es nicht, den Widerspruch aus Realgeschichten und Kunstmitteln produktiv zu machen. Es fehlen szenische Ideen, Inneres zu zeigen und Überhöhung auszustellen. Das Auftafeln zum Jolka-Fest, das Erfassen sterblicher Überreste, die Bewegungsmuster der Ballerina usw. leiden am Kontrast zwischen eingeschränkten Möglichkeiten und der Ernsthaftigkeit, mit der sie ausgespielt werden.

Vorwissen von Vorteil

Die beiden Musiker, das fünfköpfige Solistenensemble plus die stumme Rolle der Großmutter agieren im Spannungsfeld zwischen fordernder Musik, fehlender dramaturgischer Stringenz und szenischer Einfallsarmut mit bewundernswertem Elan. Mikayla Jensen-Large spielt Liza, die junge Frau, die Fragen stellt und auf die Suche geht. Diese zentrale Figur hat als Einzige die Chance auf eine Entwicklung. Leider werden erprobte dramaturgische Regeln weder von den Autorinnen noch vom Realisations-Team berücksichtigt.

Somit ist „Der Elefant im Weißen Meer“ ein ambitioniertes Projekt. Thema und Idee sind spannend. Der Ansatz, jungen Menschen damit eine Chance zu geben, Neues zu erproben und theaterpraktische Erfahrung zu sammeln, erscheint lobenswert. Der Zuschauer muss sich im Vorfeld intensiv mit den historischen Fakten und den Intentionen der Autorinnen befassen. Vielleicht kann er dies in der Aufführung dann eingelöst finden. Theater als sinnliches Erlebnis, dass das Publikum abholt, bewegt und anregt, bleibt leider auf der Strecke.