Foto: Ödipus scheint orientierungslos. © Birgit Hupfeld
Text:Anne Fritsch, am 25. April 2026
Der britische Autor und Regisseur Robert Icke hat am Residenztheater in München die deutschsprachige Erstaufführung seines Dramas „Ödipus“ inszeniert. Auch wenn er hier und da in eine etwas zu glatte Hochglanzästhetik fällt: Die Tragödie eines Mannes, der die Wahrheit sucht und an ihr zugrunde geht, ist mehr als intensiv.
Dieser Ödipus ist einer, der alles richtig machen will. Vielleicht, weil da diese Schuld ist, die er als junger Mann auf sich geladen hat und die ihn seitdem quält: Als Fahranfänger hat er durch Leichtsinn einen Unfall verursacht, bei dem ein Mann ums Leben kam. Der Unfall wurde vertuscht, nie musste – oder durfte – er sich seiner Verantwortung stellen. Jetzt ist jener Ödipus als Politiker auf einem Höhenflug. Er ist kurz davor, mit einem erdrutschartigen Sieg an die Macht zu gelangen und ein „krankes System“ zu heilen.
Dabei verspricht er das Ende einer „Zeit, in der Gerüchte und Lügen das Gleiche waren wie die Wahrheit“. Er will Licht ins Dunkel bringen, seine eigene Herkunft mittels Geburtsurkunde offenlegen und die Ermittlungen zum Tod seines Vorgängers Laios wieder aufnehmen. Ödipus ahnt nicht, dass eben jener der tote Mann auf seinem Kotflügel war. Und noch viel weniger: dass er sein Erzeuger ist. Und er inzwischen glücklich verheiratet ist mit seiner leiblichen Mutter, Iokaste.
Der Autor und Regisseur Robert Icke, der unter anderem mit seiner Arthur-Schnitzler-Bearbeitung „Die Ärztin“ bewiesen hat, dass in alten Texten aktuelle Diskurse schlummern, hat das Sophokles-Drama „König Ödipus“ in die Neuzeit geholt. Ickes Fassung, schlicht „Ödipus“, wurde 2018 am International Theater in Amsterdam uraufgeführt. Nun hat Icke die deutschsprachige Erstaufführung am Münchner Residenztheater inszeniert. Er verlagert die Handlung in ein heutiges Land, das den Schriftzeichen in den Live-Sendungen zufolge Griechenland sein könnte. Im Hintergrund läuft ein Countdown bis zur Verkündung des Wahlergebnisses. In der Wahlkampfzentrale versammelt sich die Familie, um das Ergebnis zu feiern. Denn dass es positiv ausgehen wird, daran zweifelt im Grunde niemand.
Der Countdown wird zum Showdown
Bühnenbildnerin Hildegard Bechtler hat eine recht sterile weiße Bühne für diese Hochglanz-Inszenierung entworfen, der man anmerkt, dass sie adaptiert wurde von ihren Vorgängern am Londoner Westend und am New Yorker Broadway. In diesem Setting wirkt es umso verstörender, wenn Steffen Höld als heruntergekommener Seher – oder hier Wahrsager – Teiresias hereinstolpert und seine Prophezeiungen macht. Dass Ödipus verlieren wird. Dass eine „andere Wahrheit kommt“. Und so wird der Countdown im Hintergrund Sekunde um Sekunde mehr zum Showdown. Ödipus‘ Zeit ist angezählt.

Ein harmonisches Familienbild? Foto: Birgit Hupfeld
Icke inszeniert zunächst eine serientaugliche Happy-Family-Szenerie. Ödipus schart seine Familie zusammen. Alle sind etwas aufgesetzt, überdreht. Spannungen und Konflikte hinter der Fassade werden sichtbar. Die starken Momente sind die intimen Zweierszenen, jenseits der großen Effekte. Die Gespräche zwischen Linda Blümchen als Antigone und Rita Russek als Oma Merope, vor allem aber die zwischen Ödipus und Iokaste. Florian von Manteuffel und Barbara Horvath spielen ein glückliches Paar. Die dunklen Ecken ihrer Vergangenheit haben sie hinter sich gelassen. Wenn sie alleine sind, fallen sie auch mal spontan auf dem Sofa übereinander her. Auch als sich erste Ahnungen einschleichen, dass Ödipus möglicherweise etwas mit dem Tod ihres ersten Mannes zu tun haben könnte, halten sie aneinander fest.
Aus altem Leid erwächst Neues
In der intensivsten Szene des Abends sitzen die beiden alleine auf der großen Bühne, auf Stühlen, nah beieinander. Iokaste erzählt, was sie noch nie erzählt hat, knetet Ödipus‘ Hände, als könne sie die nötige Energie aus ihnen herauskneten. Sie erzählt, warum sie nicht wissen wollte, wie genau Laios, ihr erster Mann, gestorben ist. Weil er sie missbraucht hatte, als sie 13 Jahre alt war. Weil sie schwanger wurde und das vertuscht wurde, indem das Kind weggeschafft wurde.
Weil sie in eine Ehe mit diesem über 40 Jahre älteren Mann gedrängt wurde, der nur Interesse an ihr hatte, solange sie ein Kind war. Der sich dann anderen Kindern zuwandte. Sie, die zu „jung war, um zu wissen, wie man ’nein‘ sagt“, hat es nach seinem Tod geschafft, dieses Leben hinter sich zu lassen und durch ein neues zu ersetzen – nicht ahnend, dass dieses im wahrsten Sinne des Wortes aus dem alten erwachsen ist; dass der Mann, den sie liebt, ihr Sohn ist. Sohn auch des Mannes, der ihr so viel Leid angetan hat.
Spiel um Macht und Wahrheit
Was hier geschieht, noch bevor Merope dem Ödipus gestehen wird, dass er nicht ihr leiblicher Sohn ist, und sich alle Puzzleteile zusammenfügen, verdient die Bezeichnung Tragödie. Barbara Horvath sagt Sätze wie: „Manchmal ist Feigheit der Preis fürs Überleben“ oder „Ich dachte, dass, wenn ich den Mund aufmache, dieses ganze Leben aus mir herausfallen würde, und ich bekäme es nie wieder hinein.“ Sie legt das jahrzehntelang verdrängte Leid des Mädchens hinein, und plötzlich ist da keine Show, keine Theatralik, sondern purer Schmerz. Was Icke hier schafft, ist ein tiefes Spiel um den Wert und die Macht der Wahrheit.

Merope im Gespräch mit Ödipus. Foto: Birgit Hupfeld
Dieser Ödipus, den Icke da geschrieben hat und den Manteuffel so überzeugend spielt, glaubt, die Wahrheit sei die Voraussetzung für ein anständiges und glückliches Leben. Selbst als er ahnt, dass er sich seiner Verantwortung wird stellen müssen, kann er nicht von ihr lassen. Am Ende greift er dann etwas sehr effektvoll zu Iokastes spitzem High Heel, um sich zu blenden. Um jene Wahrheit nicht mehr sehen zu müssen, die er gesucht hat und die seinen Vorstellungen so gar nicht entsprach. Iokaste konnte mit ihr nicht weiterleben.