Aufführungsfoto von „Milch und Schuld“ von Sina Ahlers am Theater Lübeck. Eine schwangere Frau schaut eine andere Frau an, die am Bauch gehalten von einem Theraband ihr entgegenläuft. Die Bühne ist geschwungen.

Gedankenwust im Uterus

Sina Ahlers: Milch und Schuld

Theater:Theater Lübeck, Premiere:12.06.2026Regie:Lara JungMusikalische Leitung:Lara Jung

Assoziativ verwebt die Textcollage „Milch und Schuld“ von Sina Ahlers das Thema Mutterschaft. Am Theater Lübeck macht Regisseurin Lara Jung daraus eine kinderzimmerbunte Fantasie, verliert sich aber in der Fülle der angerissenen Facetten.

Die Welt ist eine Landschaft aus rund und rosig; darüber hängt ein Mond wie eins dieser schummrigen Nachtlichter, die Kindern die Angst vor dem Dunkel nehmen sollen. Ein bisschen Skaterbahn steckt auch noch drin in diesem Amalgam aus Kinderzimmer, Parkbank und Warteraum, das Bühnenbildnerin Maike Mastaglio ins Studio des Theaters Lübeck gebaut hat. Und das passt ganz gut zum Stück „Milch und Schuld“, das hier Kapriolen schlägt.

Es geht um Leihmütter (hierzulande verboten) und Kinderwunsch im Stück von Sina Ahlers, das wild vergnügt zwischen Textcollage und Materialsammlung schwirrt und in assoziativen Wendungen immer neue Aspekte aufmacht – und das weite Feld Mutterschaft bald auch ganz ins Allgemeine ausweitet.

Fließende Figuren

Fünf Figuren oder eher weibliche Stimmen lässt die 36-jährige Autorin, 2020 für ihr Stück „Schamparadies“ beim Heidelberger Stückemarkt mit dem Autor:innenpreis ausgezeichnet, zu Wort kommen. In Lübeck verteilt Regisseurin Lara Jung sie auf die beiden Schauspielerinnen Sonja Cariaso und Antonia Sophie Schirmeister.

Die heißen Zartie und Holly, sind die Eine und die Andere – mit fließenden Grenzen zwischen Individuum und Stellvertreterin. Erstmal aber müssen sie sich sowieso ihr eigenes Setting entwerfen und dann als Figuren hineinbauen. Sonja Cariaso tut das mit spiellauniger Sicherheit, ist Erzählerin und Figur zugleich. Sie lässt aus dem Nichts eine junge Frau in Geldnöten, Leihmutter, Patientin entstehen. Und Schirmeister gibt dazu – manchmal etwas zu deutlich Kirmesausruferin – als „einbeinige Taube“ die Besserwisserin im Stück, die Meta-Figur, die Fragen stellt und Zweifel weckt.

Facettenreich, aber unscharf

Kunterbunt wie im Kinderspiel verkleidet, ziehen die beiden durch das Konvolut knapper Szenen, die die Facetten von „Provokation“ über „Bullshit“ und „Defekt“ bis zu „Abweichung“ und „Reparatur“ eher antippen als aufrollen: Mutterschaft als Superpower und Geschäft, Gendefekte und die Frage nach Schwangerschaftsabbruch und Mutterliebe. Und warum überhaupt ein Kind? Momente, in denen das Problem der Verantwortlichkeit zwischen Leih- und Wunschmutter an Brisanz gewinnt.

Aufführungsfoto von „Milch und Schuld“ von Sina Ahlers am Theater Lübeck. Eine Frau Mit Sonnenbrille, dickem Pelzmantel, ausgewaschenen blau-lila Haaren und Schirmmütze sitzt in einem engen Quadrat. Und hält der Frau neben ihr, die hockt, einen zusammengefalteten Regenschirm entgegen.

„Milch und Schuld“ von Sina Ahlers mit Antonia Sophie Schirmeister (Eine einbeinige Taube), Sonja Cariaso (Zartie). Foto: Lutz Roeßler

Vieles bleibt in Unschärfe in diesem freidrehenden Puzzle-Stück und den gewagten Schnitten. Das macht den Text einerseits spannend, ist aber auch seine Crux. Die sprachliche Trennschärfe reicht nicht aus, die Figuren vom Allgemeinen zu unterscheiden. Der Ton, der poetisch luftig ansetzt, driftet aus der Verfremdung später in den Umfrage- oder Sachbuch-Duktus. Dazwischen kommt auch das Ensemble ins Schlingern.

Wem gehört das Kind?

Am gelungensten ist der Abend da, wo Lara Jung die Inszenierung in der Schwebe eines Gedankenspiels hält, die Schauspielerinnen die Szenen als Vision entwickeln – plötzlich Freundinnen sein könnten oder Traumtänzerinnen in einer prekären Welt.

Was dabei als eine Art mythisches Versepos beginnt, verliert sich in der Fülle angerissener Themen. Und entwickelt sich – auf der Suche nach dem Fokus? – im letzten Teil überraschend in Richtung TV-Soap. Da treffen in Zartie und Holly die beiden konkurrierenden Mütter aufeinander. Ein bisschen zu eindeutig im Klischee ihrer jeweiligen sozialen Verortung festgeschrieben. Die eine etwas prekär, die andere eher neureich, ringen sie um Zuständigkeiten, versuchen, die unklare Dreiecksbeziehung zu ergründen und dingfest zu machen: Wem gehört das Kind?

Am Ende sind sie einander doch in weiter Ferne so nah – in einem schönen Bild an den beiden Enden einer Telefonschnur hängend; fest verbandelt und einander nicht verstehend. Und mit dem Publikum vereint in reichlich offenen Fragen.