Foto: Im Bild (v.l.n.r.): Gaia Vogel, Katharina Uhland, Stephan Schäfer und Valentina Schüler. © Staatstheater Nürnberg / Konrad Fersterer
Text:Florian Welle, am 14. Juni 2026
Am Staatstheater Nürnberg inszeniert Stephan Kimmig die „Orestie“ von Aischylos in der sehr freien Neubearbeitung von Robert Icke. Entstanden ist ein kammerspielartiges, über weite Teile eindringliches Familiendrama mit ernüchterndem Fazit.
Das Theater befragt seine lange Geschichte immer wieder aufs Neue. Bestes Beispiel ist der Mythos um das Herrschergeschlecht der Atriden. Der Fluch, wonach in jeder Generation seit Tantalos ein Familienmitglied ein anderes ermordet, fasziniert die Dramatiker seit rund 2500 Jahren. Jüngstes Beispiel ist die Neufassung der „Orestie“ von Aischylos des Briten Robert Icke. Im Jahr 2015 in London uraufgeführt, erlebte sie drei Jahre später in Stuttgart ihre deutschsprachige Erstaufführung und ist nun in der klinisch sezierenden Regie von Stephan Kimmig am Nürnberger Staatstheater gelandet.
Hass, Rache, Tod und Traumata
Aischylos‘ „Orestie“ umfasst die Stücke „Agamemnon“, „Die Grabspenderinnen“ und „Die Eumeniden“. Gerade „Agamemnon“, das den Untergang von Atreusʼ Sohn mit überwältigender Wucht erzählt, setzt viel Wissen voraus. Vor allem die beklemmende Tatsache, dass der griechische Heerführer seine Tochter Iphigenie eigenhändig geopfert hat, um die Winde günstig zu stimmen und so letztlich den Sieg im Trojanischen Krieg davonzutragen. Genau hier setzt Ickes Bearbeitung ein, indem sie hinterfragt, was man beim Lesen einfach so hinnimmt. Was heißt es nämlich wirklich, sein Kind zu opfern?! Noch dazu aufgrund einer Prophezeiung, bar jeder Ratio. Ferne antike Welt möchte man meinen, wo Götter ihr rätselhaftes Spiel mit den Menschen treiben. Doch Ickes Figuren sind Menschen wie du und ich. Und Hand aufs Herz: Sind die Gründe, um heutzutage in einen Krieg zu ziehen, vernünftiger? Icke sät Zweifel, wenn er seine Klytämnestra gegen ihren betfrommen Mann Agamemnon ätzen lässt, dass man Gott und die Götter auch „Geld“, „Macht“ oder „Kriege gegen die Schwachen“ nennen könnte.
Er zeigt all das im ersten Akt seiner „Orestie“ als waschechtes Familiendrama, ehe die Akte zwei bis vier dann in sehr freier Anlehnung an das Original die drei Aischylos-Stücke exekutieren. Wie wichtig ihm die Vorgeschichte ist, erkennt man daran, dass der erste Akt doppelt so lang ist wie jeder der folgenden und genau genommen als Stück im Stück funktioniert. Gezeigt wird, wie die ganze Familie – Vater Agamemnon, Ehefrau Klytämnestra und die Geschwister Elektra und Orest – unter der Last der Ermordung der jüngsten Tochter Iphigenie zerbricht. „Das Kind ist der Preis“, heißt es immer wieder, doch ist das nur die halbe Wahrheit. Die ganze bedeutet eine Gewaltspirale, aus der es kein Entrinnen gibt. Auf Hass und Rache folgen noch mehr Hass und Rache, bis am Ende Tod und Traumata stehen.
Vor Gericht
Dieser erste Akt, der bei Stephan Kimmig die Hälfte der insgesamt dreistündigen Inszenierung ausmacht, ist der stärkste Teil des Dramas. Er ist auch der stärkste Teil der Nürnberger Aufführung. Kimmig gelingt es, Ickes komplex gebautes, nicht immer widerspruchsfreies Drama so auf die Bühne zu bringen, dass man ihm auch dann noch folgen kann, wenn man mit dem Rahmengeschehen, das der Brite als eine Art Metaebene eingebaut hat, zunächst wenig anfangen kann. Darin wird die Geschichte aus der Sicht Orests von hinten aufgerollt. Dieser muss sich vor Gericht für die Ermordung seiner Mutter verantworten, weshalb eine Gerichtsmedizinerin versucht, ihm die Wahrheit und nichts als die Wahrheit über die Familientragödie zu entlocken.

Ein Holzhaus mit Einblick in das Esszimmer der Familie. Foto: Staatstheater Nürnberg / Konrad Fersterer
Sigi Colpe hat in die Mitte der Bühne ein großes, von Neonröhren grell ausgeleuchtetes Holzhaus gestellt. Hier der Esstisch, an dem die Eltern ihre Kinder durch strenge Rituale zu erziehen versuchen. Dort die Badewanne, in der später die verzweifelte Klytämnestra ihren Mann erdolchen wird. Trautes Heim, Unglück allein! Am linken Bühnenrand steht ein durchsichtiger Kasten, der an Sicherheitsglas-Kabinen vor Gericht erinnert. Oder an einen gläsernen Beichtstuhl. Darin hockt der Orest-Darsteller Alban Mondschein und versucht, sich rückblickend zu erinnern, gelöchert von den Fragen der Ärztin, die Julia Bartolome herzenskalt schneidend stellt. Alban Mondschein wiederum strahlt sogar dann noch Präsenz aus, wenn er nur dasitzt und das gewalttätige Geschehen beobachtet, das sich ihm darbietet.
Regie leiser Wucht
Kimmig inszeniert dieses als Kammerspiel abwechselnder Wortgefechte. Allen voran zwischen Agamemnon und seiner Gattin Klytämnestra, Agamemnon und seinem Bruder Menelaos. Stephan Schäfer als Agamemnon mit strähnigem Haar, Cordhose und Cowboystiefeln ist zunächst ein zerrissenes Häuflein Elend und dann doch von Menelaos (durchtrieben: Thorsten Danner) geschickt manipulierter Pragmatiker, der seine geliebte Tochter der Staatsräson opfert. Hier unblutig mit Pillen ins Jenseits befördert. Sein Konterpart ist Katharina Uhland als Klytämnestra. Gerade noch depressiv-verhärmte Ehefrau, wechselt sie umstandslos in den Modus ungezügelter Aggressivität, um das himmelschreiende Unrecht, das die Tötung ihrer Tochter bedeutet, herauszubrüllen. Und wenig später zu rächen. Was wiederum die Rache von Orest zeitigen wird. Dazu hat der ganz in Weiß gekleidete Alban Mondschein seine Kabine verlassen und erinnert nun in seiner Mordlust verblüffend an den Psychopathen Peter in Michael Hanekes Thriller „Funny Games“.
Dem durchweg starken Ensemble sowie Stephan Kimmigs Regie von leiser Wucht ist es zu verdanken, dass die Spannung auch nach dem eindrücklichen ersten Akt über weite Strecken erhalten bleibt. Wo sich Ickes Fassung in Psychologie zu verlieren droht – Orest ist bei ihm wahlweise schizophren, schwer traumatisiert oder nur ein Träumer –, hat Kimmig souverän gekürzt. In seiner stark verdichteten Gerichtsszene ganz zum Schluss, deren Vorbild das Gericht des Areopag in Aischylos „Die Eumeniden“ ist, stellt er lediglich zwei ernüchternde Erkenntnisse in den Vordergrund. „Es sind nur Menschen. Mehr ist da nicht.“ Und: „Es wird weiterhin Rache geben, es wird weiterhin Mord geben. Es wird dennoch geschehen, es sollte immer geschehen.“ Nur konsequent, dass es bei ihm, anders als bei Aischylos und bei Icke, zu schlimmer Letzt für den Muttermörder Orest keinen Freispruch durch die Göttin Athene gibt.