Foto: Trine Møller und Daniel Johannson in Licht und Schatten. © Matthias Jung
Text:Roberto Becker, am 2. April 2026
Nach ihrem bewusst kindlich verspielten „Rheingold“ starten Regisseur Paul-Georg Dittrich, Ausstattungsduo Pia Dederichs und Lena Schmid, Kostümbildnerin Mona Ulrich und Medienszenograf Robi Voigt mit der „Walküre“ ziemlich abrupt durch. Vom märchenhaften Götter-und-die-Welt-Mythos geht es jetzt an der Oper Köln geradewegs ans Eingemachte.
Die „Walküre“ handelt davon, wie sich Wotan über ererbte Werte radikal hinwegsetzt. Mit irgendwelchen Moralnormen hat er es eh nicht. Fremdgehen ist seine zweite Natur. Ob nach der ersten Begegnung mit Erda oder mit einer Menschenfrau: Weder die daraus entstehenden Walküren noch die Zwillinge Siegmund und Sieglinde, für Wotan ist Vaterschaft kein Problem. Für Fricka (Bettina Ranch) schon. Von Amts wegen als Hüterin der Ehe und als kinderlose Ehefrau. Hier leidet sie exzessiv in einer hinzugefügten stummen Szene darunter.
Klar, dass sie knallhart von Wotan verlangt, seinen ehebrecherischen Sohn Siegmund zu opfern. Wie das geschieht, ist ein Beispiel dafür, wie genau Regisseur Paul-Georg Dittrich auf den Text hören kann. Es ist tatsächlich Wotans Speer, der Siegmund tötet. Für den Mord drückt er die Waffe Hunding (standfest: Tijl Faveyts) in die Hand. Seine verbliebene Macht als Gott nutzt er dann aber doch für eine kleine persönliche Rache: Bei dem „Geh!“, mit dem er Hunding auffordert, Fricka Siegmunds Tod zu melden, zwingt er ihn dazu, sich selbst die Kehle durchzuschneiden.
Helden vom Fließband
Mit dieser „Walküre“ knüpft die Regie an Wotans Ehrgeiz an, einen Helden, sprich einen neuen Menschen, zu schaffen. Er hebt diese Seite Wotans mit beklemmender Konsequenz und einem assoziativen Rückgriff auf die düstere Erfahrung des faschistischen Rassen- und Menschenzüchtungswahns hervor. Dieser Wotan ist ein Herrscher in Stiefeln und Uniform (Kostüme: Mona Ulrich). Mit Augenklappe und mit dem Ideal von blonden, blauäugigen Ariern im kranken Hirn und den Möglichkeiten, die tatsächlich zu züchten. Einer, der als Erzschurke in jedes James-Bond-Setting passen würde. Er lässt keine toten Helden sammeln, sondern lebendige produzieren. Entweder in Eigenproduktion wie Siegmund und Sieglinde, von den Walküren (eine Hälfte gebiert stehend, die andere hilft dabei) oder in einem 3D-Drucker-Verfahren, so sieht es jedenfalls aus.

Das Ensemble trägt das DNA-Symbol auf der Kleidung. Foto: Matthias Jung
Sie haben alle ein kongenial nachempfundenes Emblem auf dem Rücken. Es ist ein Stab aus drei Abschnitten der DNA-Helix. Oben mit einem roten Kreuz und an den Seiten mit stilisierten Flügeln. Das ist eine postfaschistische Ästhetik, bei der man an Robert Harris’ „Vaterland“ denken kann. Überhaupt sind die Bühne (Pia Dederichs und Lena Schmid) und die Videoeinspieler (Robi Voigt) vor den drei Akten kongenial. Siegmund und Sieglinde begegnen sich in den markierten Uniformen ihrer traumatisierenden „Lebensborn“-Herkunft in einer romantischen Waldhütte mit einem Vollmond im Hintergrund, dessen Nähe an Lars von Triers mit Tristanmusik unterlegtes Katastrophenepos „Melancholia“ erinnert. Die Bühne wird links und rechts von zwei riesigen Bildschirmflächen flankiert, auf denen live Überwachungsvideos laufen oder jenes perverse DNA-Machtsymbol. Die großen Dialoge Wotans mit Fricka und Brünnhilde finden in einem nüchtern eleganten Salon statt. Der Walkürenfelsen ist zur digitalisierten Machtzentrale mutiert, in der sich auch eine Kapsel für die Schlaf-Verbannung Brünnhildes befindet. Den Feuerzauber als visualisierte Firewall zu imaginieren, lag da auf der Hand.
Imposanter Kraftakt
Der Graben ist im Staatenhaus keiner, sondern, obwohl zu ebener Erde, akustisch ein Abgrund bzw. eigentlich eine Wand. Marc Albrecht und das Gürzenich Orchester dosieren zwar Intensität und Lautstärke. Durch die räumlichen Gegebenheiten im Staatenhaus werden die Sänger aber oft zu einer Art Stimmweitwurf bzw. -hochsprung gezwungen, bei dem man mit ihnen bangt und sich über jeden Treffer auf der anderen Seite im Saal dann freut. Normalerweise treibt der erste Akt der Walküre die Wagnerianer auf die Stuhlkante. Hier wird er für Daniel Johansson und Astrid Kessler als Geschwisterpaar streckenweise zum vokalen Kraftakt.
Diesmal ziehen die anderen beiden Akte mehr in den Bann. Vor allem, weil es Jordan Shanahan gelingt, das sich redlich mühende Team mit einem erstklassigen Wotan anzuführen. Damit stellt er sich selbst (als Bayreuther Klingsor) souverän in den Schatten! Es wird Zeit, dass das von geplanten zwei auf 14 Jahre gewucherte Opern-Provisorium im Staatenhaus ein Ende hat! Und dass das Orchester auf der anderen Rheinseite wieder in den echten Graben kommt, in den es gehört, die Sänger tragen kann und sich nicht wie eine lodernde Klangwand vor ihnen auftürmt. Im Staatenhaus gelingt Shanahan ein Schlussgesang, der auch Trine Møller als Brünnhilde mitreißt und das Provisorium vergessen macht. Die Chance, sich so ins rechte vokale Licht zu setzen, verdienen sie alle!