Die Bühne ist fast leer. Ein paar Kartons und Plastiktaschen liegen beim Ensemble. Eine Person faltet Kleidung zusammen. Alle sind mit etwas anderem beschäftigt.

Die Welt in hundert Schnipsel

Mattias Andersson: Mythen des Alltags

Theater:Wiener Festwochen, Premiere:15.05.2026 (UA)Regie:Mattias AnderssonMusikalische Leitung:Anna Sóley Tryggvádottir

Der schwedische Regisseur Mattias Andersson bringt „Mythen des Alltags“ am Volkstheater Wien in Koproduktion mit den Wiener Festwochen zur Uraufführung. Seine auf Interviews mit 100 Menschen in Wien basierende Stückentwicklung scheitert an inhaltlicher Beliebigkeit, die auch theatralisch keine Form findet.

„Gibt es einen besonderen Moment deines Lebens, den du einmal aufgeführt sehen willst?“ So lautete die Frage, die Soziologiestudierende an die nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Personen in Wien gestellt hatten. Ziel des Projekts sei es, aus vielen verschiedenen Stimmen eine Art Ganzes, ein mentales Abbild der Stadt zu schaffen, erläutert ein wenig unsicher die Studentin im braunen Häkelpulli. Es ist Johanna Wokalek. Sie ist seit einem Jahr im Ensemble des Wiener Volkstheaters unter der neuen Leitung von Jan Philipp Gloger.

Bei einer Art Leseprobe mit ihren sieben Schauspielkolleg:innen hält sie einen weißen Zettel in der Hand und erklärt das Konzept des Theaterabends. Bernardo Arias Porras, Aleksandra Ćorović, Nancy Mensah-Offei, Paula Nocker, Karoline Reinke, Vinzenz Sommer und Günther Wiederschwinger – sie alle bevölkern in Alltagskleidung ein schmales Theaterfoyer mit roten Stofftapeten und Spiegeln. Der Ort, an dem Wokalek plötzlich in schwarze High Heels schlüpft, um eine 50-Jährige von einem beschwingten Abend mit ihrer Freundin erzählen zu lassen.

Ausgelassen tanzend feiert sie ihre gut erhaltene Jugendlichkeit, ehe sich, nachdem sie von einem Paketboten unvermutet als ältere Dame bezeichnet wurde, die Erkenntnis der Endlichkeit in ihrem schockierten Gesicht spiegelt. Später wird sie, weiß gekleidet, auf einer gleißend hellen, leeren Bühne als 25-jährige Natalia durch die lediglich imaginierte Wohnung ihrer Kindheit in der Ukraine gehen und dort für ihre Mutter deren geliebte Bücher retten. Im Finale spielt sie dann die hochschwangere, resolute Maria, die ihren untreuen Freund aus der gemeinsamen Wohnung wirft.

Fliegende Rollenwechsel

Der fliegende Rollenwechsel ist das Spielprinzip in „Mythen des Alltags“. Herausragend aus einem etwas inhomogenen Ensemble bringt Johanna Wokalek luzide Figurenfragmente zum Leuchten und schafft dadurch zumindest Momente intensiven Spiels in der Uraufführung von Mattias Anderssons Stück. Eine Art „Kollektiverzählung“, die der schwedische Autor und Regisseur am Volkstheater Wien in einer Koproduktion mit den Wiener Festwochen und dem Institut für Soziologie der Universität Wien herausbrachte.

Sie basiert auf einem Verfahren, das Andersson bereits 2006 bei dem in seiner Heimatstadt Göteborg uraufgeführten Stück „The Mental States of Gothenburg“ anwandte. Aus den Interviews zur anfangs genannten, allzu offen gehaltenen Fragestellung wurden Gesprächs- und Szenenschnipsel generiert, um den mentalen Zustand der Stadt Wien abzubilden.

Die Bühne ist mit allerlei bunten Stühlen eingerichtet. Das Ensemble sitzt gemeinsam mit den Statistinnen bunt durchgemischt auf der Bühne.

Ensemble und Statist:innen sitzen auf der Bühne verstreut. Foto: Marcella Ruiz Cruz

Holpriges Lesetheater

Es ist ein allzu naives Konzept, das sich rasch in Beliebigkeit erschöpft. Denn ohne überzeugende formale Gestaltung entstanden aus den Interviews lediglich unzusammenhängende Dialoge und Kurzerzählungen in schlichter Sprache, die überdies, entstanden aus Transkriptionen durch KI in Überarbeitung Anderssons, kaum mehr die je individuellen Sprachfärbungen der Befragten aufweisen. Auch die Regie Anderssons vermochte es nicht, dem dürftigen Textkonstrukt durch szenische Transformation tiefere Bedeutung zu verleihen. Es entstand lediglich eine Art holpriges Lesetheater, das, von weißen Zetteln rezitiert und frontal dem Publikum präsentiert, kaum in Schwung kommt.

Gemeinsam mit 13 Statist:innen zelebriert das Ensemble fast zweieinhalb Stunden lang einen fragmentierten Text. Trotz der Kurzerzählungen von Obdachlosen oder von Geflüchteten aus Syrien, Bosnien und der Ukraine, die unvermittelt neben Erinnerungen an LSD-Trips, beginnende Liebe und Demonstrationen von Rechtsextremen stehen, vermittelt das Stück keine tiefergehende Erkenntnis. Ist es ein zentrales Bestreben der Soziologie, sichtbar zu machen, wie stark das individuelle Leben gesellschaftlich geprägt ist, so bleibt es bei Andersson gleichsam im leeren Raum.

Denn seine Inszenierung erschöpft sich darin, dass das Konzept des Abends immer wieder aus dem Off kommentiert wird. Wenn etwa Kleidungsstücke der Interviewten als Kostüme dienen und sich die Szenerie (Bühne und Kostüme: Ulla Kassius) vom Foyer am Beginn schließlich zu einer leeren Bühne wandelt. Am Ende ist sie mit verschiedensten Möbeln bestückt. Auf einem künstlichen Rasenstück im Zentrum berichtet eine junge Frau beglückt von einem Nahtoderlebnis. So zerfällt das Ganze auch bildhaft in seine unvermittelten Teile.

Die Idee, aus 100 Interviews die Totalität von Wiens Gesellschaft zu zeigen, wird ad absurdum geführt. Zusammen mit der Uraufführung von Milo Raus „Das beste Stück aller Zeiten“ am Tag zuvor bildet „Mythen des Alltags“ einen schwachen Auftakt zum 75-Jahr-Jubiläum der Wiener Festwochen.