Julia Gräfner und Wolfram Koch samt realer Vorbilder für „Polaris“

Ein sinnloser Mordversuch

Jan-Christoph Gockel: Polaris

Theater:Ruhrfestspiele Recklinghausen, Premiere:16.05.2026 (UA)Regie:Jan-Christoph Gockel

Bei den Ruhrfestspielen hatte das Südpol-Recherchestück „Polaris“ von Jan-Christoph Gockel Premiere. Während sich für unseren Kritiker in der theatralen Forschungsreise kein roter Faden im Polareis finden ließ, war das Publikum im Theater Marl von dem medial raffinierten Abend hingerissen.

„Über den sollte man mal ein Stück machen“, sagt kurz vor Schluss Oleg (Julia Gräfner) über den Fund im Polareis: ein Mensch, vermutlich von einer Forschungsstation, der vor 47 Jahren im Eis geblieben ist. Doch die Idee über das andere Stück bleibt kurz angestoßene Assoziation, die in der Weite des mehr oder weniger ewigen Eises verpufft. Und sie ist damit bezeichnend für das liebevoll vorbereitete und souverän inszenierte Projekt „Polaris“ insgesamt, eine Art theatraler Forschungsreise in die Antarktis.

Multimediales in Marl

Die Premiere der Koproduktion von Deutschem Theater Berlin, Ruhrfestspielen und Théâtre National du Luxembourg „in Zusammenarbeit mit dem Alfred-Wegener-Institut, gefördert vom DT Freundeskreis und mit freundlicher Unterstützung des Goethe-Instituts“ fand sanierungsbedingt nicht im Großen Haus der Ruhrfestspiele statt, sondern im Theater der Stadt Marl. Das ist bekannt als Ort der Grimme-Preisverleihungen; diese Auszeichnungen für Fernsehproduktionen umfassen zahlreiche Kategorien, erstrecken sich auf Dokumentarisches wie Fiktives. Und insofern ist die Uraufführung dieses Projekts hier goldrichtig.

Denn Jan-Christoph Gockel und sein Team verbinden in „Polaris“ ambitioniert die dokumentarische Beschreibung der Arbeit auf der deutschen Südpol-Forschungsstation mit dem vor einigen Jahren aus der russischen Polarstation durch Pressemeldungen bekannt gewordenen Mordversuch eines Elektrikers an einem Schweißer. Die dubiose Geschichte der beiden wird von Julia Gräfner und Wolfram Koch spielerisch nachvollzogen; da angeblich das Tatmotiv ein vorschnell verratenes Ende eines Buchs war, mischt sich noch eine Prise Reflexion über Erzähldramaturgie und Spoiler im Theater in den knapp zweistündigen Abend.

Wolfram Koch als dubioser Südpol-Elektriker und „Solaris“-Zitator. Foto: Thomas Aurin

In beeindruckenden Bildern sind die weißen Weiten um die deutsche Forschungsstation per Filmprojektion zu sehen, befragen die beiden dorthin gereisten Schauspieler:innen professionelle Forscher:innen vor Ort. Außerdem wird gezeigt, wie Mitarbeiter:innen der Station im Deutschen Theater mit Kostümen (von Eisbär bis Ballerina) eingedeckt werden, was in der Station selbst in einer Theaterperformance mündete.

Zudem entwickeln Gräfner und Koch auf der Bühne die Geschichte der Beziehung der besagten Russen. Unterstützt vom elektronisch verfremdete Sounds beisteuernden Musiker Anton Berman verbinden sie die Motive um Menschen in einer außergewöhnlichen Umgebung mit Zitaten aus dem maßgeblichen Science-Fiction-Roman „Solaris“ von Stanisław Lem, auch Herman Melvilles „Moby Dick“ taucht wiederholt als Andeutung auf.

Souveräne Medien, starkes Kleinensemble, wenig Wirkung

Doch bleibt die Inszenierung sehr im Ungefähren; das wenig entwickelte, eher immer weiter diskutierte als jemals konkret sichtbar werdende Verhältnis der Hauptfiguren kann keine Spannung erzeugen. Erst gegen Ende kann der begnadete Komödiant Wolfram Koch als Fernsehzuschauer der Geschichte seines Alter Ego frei aufspielen. Julia Gräfner nutzt als die Geschehnisse einordnendes Opfer der Gewalttat die Chance, das Publikum lustvoll ins Spiel einzubeziehen.

Das wirkt jedoch alles in allem „sinnlos“ (O-Ton Sergej). Figuren wie Motive bleiben dramaturgisch wohl konstruierte Ideen (Recherche: Serge Okunev, Dramaturgie: Daniel Richter). Die existenzialistisch gedachten Komödianten sind nur in der textlichen Andeutung Wiedergänger von Wladimir und Estragon aus „Warten auf Godot“. Ein Höhepunkt sind die Gespräche mit den beiden englischen Polarexperten im Film über Abstoßung und Faszination des Ortes und seine Zukunft nach Auslaufen des Antarktisvertrages in wenigen Jahrzehnten. Doch wozu dann das ganze Theater drumherum, der Dialog zwischen Bühne und Filmen?

Trotz aller offenen Fragen: Das Publikum der Premiere zeigte sich nach dem medial raffinierten Mix mit zwei zentralen Protagonist:innen zu stehenden Ovationen hingerissen.