Foto: Stefan Hallmayer in seiner letzten Rolle am Theater Lindenhof. © Richard Becker / Theater Lindenhof
Text:Thomas Morawitzky, am 16. Mai 2026
Intendant Stefan Hallmayer verabschiedet sich vom Theater Lindenhof mit einer besonderen Inszenierung. Sein Sohn Luca Zahn bringt mit ihm das Ein-Mann-Stück „Der alte Mann und das Meer“ nach Ernest Hemingway auf die Bühne. Ein Abend, der emotional abholt und mit der Fantasie des Publikums spielt.
Das Glück hat den alten Mann verlassen: Er fängt keine Fische mehr. Der Junge, der ihn auf seinen Ausfahrten begleitete, arbeitet nun auf einem anderen Boot. Aber noch einmal bricht der alte Mann auf, weit aufs Meer hinaus. Er fängt einen großen Fisch, er kämpft lange mit ihm, er siegt und verliert zugleich, denn auf der langen Fahrt zurück wird seine Beute von Haien zerrissen.
Der Stoff ist Weltliteratur. „Der alte Mann und das Meer“ erschien 1952 und war Ernest Hemingways letztes großes fiktionales Werk, das Hemingway zu Lebzeiten veröffentlichte. Nun hat das Melchinger Theater Lindenhof die symbolträchtige Geschichte auf die Bühne gebracht, in Kooperation mit dem Altonaer Theater. Das Theater Lindenhof wurde 1981 weit abgelegen im ländlichen Raum hinter der baden-württembergischen Universitätsstadt Tübingen gegründet. Längst vielfach ausgezeichnet, ist es bekannt als Deutschlands einziges Regionaltheater.
Klassischer Text in neuem Gewand
Stefan Hallmayer, Intendant im Lindenhof, steht vor der Rente, verabschiedet sich mit „Der alte Mann und das Meer“, spielt die einzige Rolle im Stück. Er trägt, in immer größerer Intensität, den nahezu ungekürzten Inhalt der Novelle vor. Lediglich die Figur des Jungen, mit dem der alte Mann zu Beginn ein langes Gespräch führt, tritt etwas zurück. Luca Zahn, Hallmayers Sohn, führte erstmals Regie, übertrug Hemingways Text neu, richtete ihn für die Bühne ein.
Für seine Inszenierung hat er Hemingways Text aufgeteilt. In Passagen für auktorialen Erzähler und Passagen, in denen der alte Mann selbst spricht. Ein Spiel aus Nähe und Distanz bestimmt die Handlung. Stefan Hallmayer tritt erzählend aus ihr heraus und wieder in sie ein, um mit Seilen, mit Stangen zu hantieren, im Boot zu kauern, sich aufzubäumen. Er spricht sich selbst zu, betet, schlägt nach den Haien. Als Erzähler und Akteur wird er mehr und mehr vom Sog der Sprache, der Dramatik der schlichten Handlung mitgerissen.
Fantasie im Boot
María Martínez Peña schuf die Bühne, das schlichte Kostüm, das der alte Fischer trägt. Ganz zu Beginn liegt sein Boot unter schwarzglänzender Folie. Diese Folie bedeckt auch Boden und Wände. Das Boot selbst, so zeigt sich schließlich, besteht aus Mast und weiß leuchtenden Rippen. Sie verwandeln sich zuletzt in das Gerippe des großen Fisches, der von den Haien zerrissen wurde. Windmaschinen peitschen die schwarzen Planen.
Stefan Hallmayer zieht sie zu sich ins Innere des Bootes, das sich um eine einzelne Verankerung im Boden dreht, zieht Bahnen des schimmernden Materials auf: Sturm oder Kampf. Und kein Land in Sicht. Das Licht wechselt, schafft Momente schwebender Ruhe. Johannes Hofmanns elektronische Musik liegt wie Dunst auf den Wogen, klärt sich, verdichtet sich. Alles beschwört Naturgewalten, eine weit größere, unfassbare Welt herauf. Die Fantasie der Zuschauer, könnte man sagen, wird bei diesem Stück mächtig ins Boot geholt.
Risse im Denkmal
Die neue Zeit ist alten Männern nicht wohlgesonnen, zumal einem so widersprüchlichen, toten weißen alten Mann wie Ernest Hemingway: Antifaschist und Macho, Großwildjäger, Freund des Stierkampfs, Vertreter einer harten, existenzialistischen Weltsicht und eines fraglos konservativen Verständnisses der Geschlechterrollen. Als Posse erwies sich seine Haltung spätestens, als Hemingway 1961, depressiv und alkoholkrank, Selbstmord beging. Aber schon 1954, als er den Literaturnobelpreis erhielt, zeigte sein Denkmal Risse.
Italo Calvino setzte sich zu diesem Anlass kritisch mit dem einstigen Idol auseinander, verwarf vieles, legte aber auch den Kern des Werkes offen: Die Poesie der einfachen Dinge und Verrichtungen, an denen Hemingways Helden ihren Halt finden. „Momente eines umfassenden, unmittelbaren Kontaktes des Menschen zur Welt, zu den Dingen, die er tut, Momente, in denen der Mensch im Frieden mit der Natur lebt, obgleich im Kampf mit ihr, in Harmonie mit der Menschheit, obgleich im Feuer des Gefechts.“

Stefan Hallmayer in „Der alte Mann und das Meer“ am Theater Lindenhof. Foto: Richard Becker / Theater Lindenhof
Diesen fundamentalen Reiz, der sich in Hemingways letztem zu Lebzeiten veröffentlichtem fiktionalen Werk exemplarisch verdichtet, hat zweifellos auch Stefan Hallmayer gespürt, als er sich für seine letzte Rolle entschied. So, wie er sich da abmüht, in seinem kleinen Boot, ist auch er ein alter Mann, der noch einmal kämpft. Mit einem Walfisch von Text, Gefühlsstürmen, Enttäuschung, Verzweiflung, Trotz.
Über gut 100 Minuten hält er seine Leinen straff, zeigt eine bemerkenswerte schauspielerische Leistung. Er wirkt erschöpft zuletzt, fast ausgezehrt, als habe er tatsächlich einen Tag und eine Nacht auf hoher See verbracht – „Das Ufer“, sagt er, hält Ausschau, „ist weiter weg, als man dachte.“