Aufführungsfoto von „Bezahlt wird NICHT!“ von Dario Fo und Franca Rame am Harztheater. Ein Mann mit buntem Hemd hält mit gespreizten Fingern einen Kopf eines Plüschhasens fest und guckt dabei verkniffen. Er steht in einer gemalten Küche mit Tisch, Kühlschrank unf Herd, auf dem ein großer, grüner Kochtopf steht.

Das Prinzip Umverteilung

Dario Fo und Franca Rame: Bezahlt wird NICHT!

Theater:Harztheater, Premiere:01.05.2026Regie:Sebastian Wirnitzer

Steigende Preise, Aufstand an der Frischetheke: In „Bezahlt wird NICHT!“ von Dario Fo und Franca Rame begehren italienische Hausfrauen im Supermarkt auf. Regisseur Sebastian Wirnitzer überdreht am Harztheater das über fünfzig Jahre alte Stück und verpasst so den Brückenschlag ins Heute.

Es gibt einen merkwürdig doppelten Blick der Deutschen auf Italien. Einerseits bewundert man Florenz und die Renaissance, vergöttert die Größe Michelangelos, träumt mit Federico Fellini vom Dolcefarniente (süßes Nichtstun). Andererseits überwintert im Alltagsbewusstsein ein Kitschbild der quirligen Südländer, die immer irgendwie halbe Kinder bleiben, über die Conny Froboess 1960 ihren Schlager „Zwei kleine Italiener“ sang.

Nun kann man Dario Fo und Franca Rame dieses Klischeebild des Italieners nicht anlasten, sie liefern mit „Bezahlt wird nicht“ 1974 eine Innenansicht des Konsumbürgers, das in etwa Michel Houellebecqs Diagnose in „Die Welt als Supermarkt“ entspricht. Es ist eine Art modernes Märchen über den Aufstand der Hausfrauen gegen die Diktatur der Preise im Supermarkt. Der Markt regelt die Preise? Eine glatte Lüge.

Gelebte Supermarkt-Anarchie

In „Bezahlt wird NICHT“ zeigt sich ziviler Ungehorsam, gelebte Anarchie gegen jeden Anflug von Obrigkeitsstaat. Weil die Preise im Supermarkt immer weiter steigen und die Arbeiter in einem Mailänder Vorort immer weniger Geld haben, verweigert sich Antonia (Luisa Jäger) mit anderen Frauen dem Irrsinn der Preistreiberei. Wir zahlen, was es gestern gekostet hat, oder besser noch weniger! Giovanni (Jan Saure), ihr Mann, ist Arbeiter und gerade entlassen worden. Nein falsch, die Produktion wird nach Rumänien ausgelagert, wo es billiger ist – und die Arbeiter können selbstverständlich bleiben, wenn sie bereit sind von Mailand nach Bukarest zu pendeln. Was folgt, ist eine Art Plünderung des Supermarkts. Man nimmt sich, was man braucht oder auch nicht. Ist das irgendwie falsch? Hat man kein Recht darauf zu wohnen, zu essen und zu trinken, Licht und Heizung zu haben?

Ettore Scola hat 1976 mit seiner Tragik-Komödie „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“ mit Nino Manfredi als Familienpatriarchen die absurde Existenz einer Großfamilie in einem Slum am Rande der Großstadt ohne Geld und Perspektive gezeigt. Alle stürzen sich auf das einzige Geld, was hier regelmäßig reinkommt: die kleine Rente der Großmutter. Ein Bestiarium, zum Lachen wie zum Heulen.

Die Auflösung westlicher Wohlstandsversprechen

Und Dario Fo, der in diesem Jahr hundert geworden wäre, zeigt in seinen Stücken wie „Zufälliger Tod eines Anarchisten“ oder „Kinder, Küche, Kirche“ eine ähnliche Auflösung westlicher Wohlstandsversprechen. Aber er wählt dabei derbe Mittel, die vom Jahrmarkt kommen, und entsprechend sind auch seine Pointen wie: „Der Arbeiter hungert lieber, als im Dunkeln zu sitzen.“ Heute wirken diese wütend-proletarischen Boulevardstücke etwas unfrisch.

Aufführungsfoto von „Bezahlt wird NICHT!“ von Dario Fo und Franca Rame am Harztheater. Zwei Frauen stehen nebeneinander mit weiß, rot, grünen Einkaufsnetzen in der Händen.

Auf Beutezug: „Bezahlt wird NICHT!“ von Dario Fo und Franca Rame am Harztheater mit Julia Siebenschuh und Luisa Jaeger. Foto: Harztheater

Antonias Mann ist ein mustergültiger Staatsbürger, dem Antonia lieber nicht sagt, dass sie schon drei Monate keine Miete gezahlt hat – vom Stromgeld nicht zu reden. Und so trägt sie die Supermarkt-Beute heimlich nach Hause, aber sie hat sich in der Eile in den Regalen ziemlich vergriffen: Hundefutter, Hasenköpfe und Maiskolben für Kanarienvögel sind nicht gerade Luxusgüter. Zumal nun die Polizei vor der Tür steht, die Plünderer zu überführen. Erst kommt die normale Polizei, dann die Carabinieri – fehlt nur noch die Guardia di Finanza im militanten Reigen.

Zusammen mit ihrer Freundin Margherita (Julia Siebenschuh mit gelungenen grotesken Überspitzungen mitten im herrschenden Sinnvakuum) steckt Antonia sich so viel sie kann an Salatköpfen und Gemüse unters Kleid – so viele Schwangere sah man hier nie. Swantje Fischer spielt unbeirrt sämtliche Polizisten, einen Leichenbestatter, einen Alten. Das ist so stur-krachledern, dass es schon wieder Spaß macht ihr zuzusehen.

Harmloser Schwank

Dennoch, wenn Dario Fo erklärt, die Macht fürchte nichts mehr als das Lachen, dann ist damit das die Ignoranz der Macht bloßstellende Lachen gemeint, das mehr sagt als alle theoretische Kritik. Es gibt aber auch ein infantiles Lachen, das nicht aus dem instinktiven Verstehen einer unerträglichen Situation kommt, sondern bloß die ungeschickt Handelnden auslacht. Letzteres scheint mir hier der Fall zu sein.

Jagt hier eine absurde Szene die andere? Nein. In der Regie von Sebastian Wirnitzer bleibt es eher albern, ein harmloser Schwank. So hat der Abend eine allzu bemühte Überdrehtheit. Komödie aber lebt von Timing. Zumal sollte, wer lustig sein will, den Mut zu Minimalismus und Traurigkeit haben. Witz ohne Abgrund scheint trivial. Ein Zuschauer sprach in der Pause das böse Wort Klamauk aus – und hat damit wohl nicht unrecht.

Schade, denn die grassierende Krise einer Gesellschaft, die viel verspricht, was sie nicht halten kann oder will – das hat einiges an Gegenwartsbezug, der hier nur gelegentlich hergestellt wird. Etwa, wenn am Ende zu den Klängen von Paolo Contes „It’s wonderful“ als Fazit zu hören ist, Marx habe wohl recht gehabt. Obwohl, das Kapital breche zwar zusammen, aber es begräbt uns auch unter sich. Das wäre ein Ansatz gewesen, aber so ist es zu wenig.