Toini Ruhnke, Gloria Odosi und Jedidah-Isabel Annor sitzen nebeneinander am Tisch und diskutieren.

Wer hat Angst?

Mable Preach: No Body

Theater:Thalia Theater, Premiere:20.05.2026 (UA)Regie:Mable Preach

SCHAUSPIEL: Am Thalia Theater in der Gaußstraße inszeniert Mable Preach mit „No Body“ einen Theaterabend mit Gesang und Tanz über das Navigieren zwischen Anpassung, Zugehörigkeit und dem Preis der Sichtbarkeit.

Abrufbereit stehen die vier Darsteller:innen bereits während des Einlasses reglos wie Statuen auf der Bühne, im etwas gewollt-jugendlichen Street-Style gekleidet (Kostüme: Gianna-Sophia Weise), umrahmt von im Comic-Stil gemalten Hochhäusern, die links und rechts in die Luft ragen und einen förmlich ins Geschehen hineinziehen (Bühne: Dennis Stoecker). Erst als das Saallicht ausgeht, wird klar: Die Durchsage „Bitte nehmen Sie Platz“ ist kein neuer Thalia-Einspieler, sondern katapultiert einen unmittelbar an den Ort des Geschehens, einen Gerichtssaal. Die Beschuldigte Lilian Odoom-Schindler (Jedidah-Isabel Annor) sitzt auf der Anklagebank bzw. einer Schaukel, die im Fluchtpunkt der Hochhausfassaden in der Mitte der Bühne hängt. Per Lautsprecherdurchsage wird die Anklage gegen sie verlesen: Planung einer unangemeldeten Versammlung, Verstoß gegen das Universitätsrecht.

Zehn Beweisstücke der Ungerechtigkeit

Was folgt, ist ein kluger dramaturgischer Rahmen: Die Protagonistin Lilian bringt zehn Beweisstücke zu ihrer Verteidigung vor, die in chronologischen Rückblenden aufzeigen, wie es zur Anklage kam. Sie folgen dabei keiner glatten Dramaturgie, sondern wirken eher wie Fetzen aus einer Erinnerung – abrupt beginnend, abrupt endend, manchmal sich überlappend. Zwischen den Szenen frieren die Spieler:innen ein, als würde die Zeit selbst stocken.

Immer wieder ergänzen Comiczeichnungen das Erzählte visuell (Video: Dennis Stoecker, Behruz Tschaitschian). Während Lilian das Publikum szenisch in die Beweisstücke unterteilt, durch ihre Erfahrungswelt führt, hakt der unsichtbare Richter (Stimme: Camill Jammal) immer wieder ein: Das sei für den Prozess unerheblich. Doch wer verstehen will, warum Lilian als Schwarze Frau vor Gericht steht und nicht ihre Freund:innen, darf nicht erst beim sichtbaren Ergebnis einer Eskalation ansetzen, die sich über Jahre vorbereitet hat. Die Wurzeln reichen tiefer, als ein Gerichtsverfahren je erfassen könnte.

Schwer und leicht

Der Bogen spannt sich bis auf den Schulhof der Grundschule. In einer von mehreren musikalischen Einlagen wird das scheinbar harmlos wirkende, aber rassistische Kinderspiel „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann“ als erstes Beweisstück vorgelegt (Komposition & Text: Mable Preach, Arrangement: Kian Jazdi). Lilian dabei nicht als Mitspielende, sondern als das Spiel selbst. Sie war die Angst, nicht Teil davon. Die weiteren Gesangs- und Tanzeinlagen wirken zwar manchmal etwas unzusammenhängend und kippen in einen gewissen Musical-Kitsch, bringen aber doch eine gewisse Leichtigkeit in das sonst so ernste Thema.

Ein weiteres Beweisstück vor Gericht: Am ersten Unitag trifft Lilian auf Mia (Gloria Odosi) und Hannah (Toini Ruhnke), die in etwas aufgesetztem Jugendsprech ein scheinbar prototypisches Mensa-Gespräch über bell hooks (Eigenschreibweise in Kleinbuchstaben) und Crushes führen. Dann die Erkenntnis: Ist das nicht die Lilian? Die aus der Grundschule? Die komische? „Don’t fuck with my brain, die war ja auch Schwarz“, sagt Hannah und Lilian schweigt. Denn ob sie es war oder ein anderes Schwarzes Mädchen, das damals auf dem Schulhof Mobbing und Ausschluss erfahren hat, tut eigentlich nichts zur Sache. Während Hannah den Vorfall runterspielen und vergessen will, erhofft sich Mia Vergebung von Lilian.

Schwarz genug, aber nicht zu Schwarz

Mia hat als Mixed-Race-Frau gelernt, dass sie gerade so unterm Radar schwimmen kann, wenn sie sich nur genug anpasst, sich „benimmt“. Sie kann immer so viel sein, wie der Raum gerade braucht. Auch in ihrer sonst so engen Freundschaft mit Hannah spielt ihr Schwarzsein keine Rolle, denn Hannah hat nie einen Gedanken daran verschwendet, dass die Welt Mia anders behandelt als sie. Und Lilian, die immer versucht hat, nicht zu viel, zu laut, zu sie selbst zu sein, bis sie schließlich selbst nicht mehr wusste, wer sie eigentlich war, ist doch nie so verschwunden, wie Mia es schafft. Auf Mias Fähigkeit, „Schwarz zu sein ohne zu Schwarz zu sein“, blickt sie mit einer Mischung aus Wiedererkennung und Befremden: nah genug, um sich zu erkennen, und doch so weit weg von ihrer Lebensrealität. Mias Kunst der Anpassung ist ihr nicht ganz fremd, und doch trennt sie genau das voneinander.

So langsam kommen wir, Beweisstück nach Beweisstück, der Gegenwart näher. Ein rassistischer Vorfall an der Uni bringt die Studierendenschaft in Aufruhr. Ein Student sagt etwas, was dem Dozenten nicht passt, und muss plötzlich um seinen Aufenthaltsstatus bangen. Während Lilian nur nicht auffallen will, weckt der Vorfall in Mia das erste Mal den Impuls, sich zu politisieren. Zugegebenermaßen vorerst nicht nur aus Überzeugung, sondern auch, weil ihr Crush Jonas (Sinan Güleç) sich engagiert, und doch merkt sie, dass sie das erste Mal eine unmittelbare Notwendigkeit sieht, laut zu werden. Ihre Freundin Hannah hingegen findet dafür kein Verständnis. Sie hat nie über die politische Dimension von Mias Identität nachgedacht („Ich seh dich nicht anders“) und weiß nicht, woher dieser plötzliche „Ich-bin-Schwarz-Moment“ kommt.

Zugänglich und politisch präzise

Als Jonas (dessen Autoanschnaller-Weste zu den kleineren Rätseln des Abends gehört) ein Solidaritäts-Campus-Camp organisiert, überredet er Lilian mit viel Überzeugungskraft zur Teilnahme. Sie weiß gleich: Sie setzt sich einer größeren Gefahr aus, wenn sie sich aktivistisch engagiert. Und siehe da, so schließt sich der Kreis zur Ausgangssituation: Lilian, unfreiwillig zum Gesicht eines Protests geworden, steht vor Gericht wegen Planung einer unangemeldeten Versammlung. Aber alleine steht sie nicht da! Denn obwohl alle Figuren anders mit dem Vorfall umgehen, haben sie doch alle ihr eigenes Learning aus der Situation gezogen: Mia hat sich mit der politischen Dimension ihres Schwarzseins auseinandergesetzt, Jonas und Hannah mit ihren Privilegien.

Mable Preach erzählt äußerst zugänglich und manchmal auf der Kippe zum Kitsch und eröffnet dabei Perspektiven, die nicht auf ein einziges Schwarzsein reduzieren, sondern die Vielschichtigkeit von Rassismus- und Ausschlusserfahrungen aufzeigen und Themen von Zugehörigkeit und Solidarität sichtbar machen. Every Body ist ein klug strukturierter, politisch präziser Abend, der seinen Blick konsequent dorthin richtet, wo die Gesellschaft gerne wegschaut.

Das Ensemble steht auf einer düster ausgeleuchteten Bühne. Von den Seiten ragen Hochhausspitzen ins Bild. Alle stehen eng bei einander und umarmen sich.

Jedidah-Isabel Annor, Sinan Güleç, Gloria Odosi und Toini Ruhnke in „No Body“ am Thalia Theater. Foto: Isabel Machado Rios