Foto: Susanne Wolff, Luke Venatier und Marianna Linden am ETA Hoffmann Theater in Bamberg. © Marian Lenhard
Text:Florian Welle, am 19. September 2026
Zur Saisoneröffnung hat Intendant John von Düffel für das ETA Hoffmann Theater eine radikale Neufassung von Ibsens „John Gabriel Borkman“ geschrieben. Regisseurin Annette Pullen setzte sie mit den Gastschauspielerinnen Susanne Wolff und Marianna Linden als packendes Schauspieltheater in Szene.
„Große Geister“ ist der neuen Bamberger Spielzeit überschrieben. Damit möchte John von Düffel an den Erfolg seiner ersten Spielzeit als Intendant des ETA Hoffmann Theaters anknüpfen, in der die Besucherzahlen um mehr als 50 Prozent gesteigert werden konnten. Zum Auftakt steht nun mit Henrik Ibsens Spätwerk „John Gabriel Borkman“ gleich ein Klassiker auf dem Programm. Die Frage, was uns diese heute noch zu sagen haben, beantwortet von Düffel mit einer eigenen Fassung, Titel: „Borkman“, die das Spielzeitmotto kompromissloser nicht hätte aufgreifen können.
Frei nach Ibsen
Ibsens tief gestürzter Bankdirektor Borkman existiert bei ihm nämlich tatsächlich nur noch als Geist, genauer als „Poltergeist“, der nach langer Gefängnisstrafe wegen Betrugs seine Zeit damit zubringt, im Obergeschoss seines Hauses seinem geliebten „Totentanz“ zu lauschen. Wenn er nicht gerade herumrumort. Will heißen: Er taucht gar nicht mehr leibhaftig in John von Düffels Version um Geld, Macht und die Ausbeutung der Gefühle auf, der man gut die Worte „nach Motiven von Ibsen“ hätte hinzufügen können. So frank und frei wurde hier gekürzt, geändert und eben die Titelrolle des sich grandios selbst überschätzenden Borkman komplett gestrichen. Und mit ihr sämtliche Anleihen an Nietzsche und dessen Theorie vom Übermenschen. Braucht ja auch wirklich niemand mehr.
So befreit konzentriert sich John von Düffel ganz auf den Konflikt der beiden Rentheim-Schwestern. Die eine, Gerhild (Gunhild bei Ibsen), hat einst Borkman geheiratet. Sein Fall bedeutet für sie neben dem finanziellen Ruin auch den Ausschluss aus der Gesellschaft. Der ehemals so stolze Name Borkman ist nun ein schambehafteter Makel, unter dem sie psychisch zusammenbricht. Die andere, Ella, ist auf den ersten Blick ein Glückskind. Als einzige konnte sie ihr Geld aus dem von Borkman verursachten Bankenkollaps retten und damit in der Folge weiteren Reichtum anhäufen. Nun jedoch ist sie todkrank.
Geschwisterkampf
Zwei Schwestern, zwei Konkurrentinnen: Ihre erbitterte Auseinandersetzung gründet jedoch viel tiefer, was die neue Fassung deutlich sichtbar macht. Während Gerhild ihren Sohn Edward (Erhard bei Ibsen) zur Welt brachte, war Ella die Geliebte Borkmans. Bis dieser sie bat, eine Affäre mit seinem Freund und Partner einzugehen, um seine illegalen Geschäfte zu vertuschen. John von Düffel legt der sich weigernden Ella einen Satz in den Mund, der diese Ungeheuerlichkeit auf den Punkt bringt: „Dann wäre ich jetzt die Nutte des Systems.“
Endgültig zum Kampf wird das geschwisterliche Verhältnis, weil Edward in den Jahren, die Gerhild in der Psychiatrie verbrachte, von Ella aufgezogen wurde. Zwei konkurrierende Schwestern, zwei konkurrierende Mütter: Ärger geht es nicht! Und dazwischen der Junge, einziger männlicher Protagonist in Bamberg, den von Düffel als von Eifersucht und Todesangst geplagtes Muttersöhnchen zeigt, den Geist des Übervaters stets im Nacken. Nur konsequent, dass er ihm, anders als Ibsen, auch das kutschenrührselige Happy End mit Fanny Wilton verweigert. Stattdessen: Hass, Hass, Hass.
Zwei Seiten
John von Düffels Version ist kalt. Regisseurin Annette Pullen setzt sie als tiefenpsychologisches Eiskammerspiel genauso in Szene: ganz konzentriert und ganz klassisch. Dazu hat ihr Iris Kraft ein minimalistisches Bühnenbild gebaut. Von der Decke hängen weiße Papierfetzen, darunter ein mehrstufiges, hell erleuchtetes Podest samt trennenden Querbalken. Die tollen Gastschauspielerinnen – Marianna Linden als Gerhild und die demnächst in dem Schlöndorff-Film „Heimsuchung“ neben Lars Eidinger zu sehende Susanne Wolff als Ella – beziehen je auf einer Seite Position.

Marianna Linden und Susanne Wolff stehen sich gegenüber. Foto: Marian Lenhard
Linden ist dabei Verhärmung pur, nur ihre ständig in Aktion befindlichen Hände verraten die aufgestauten Emotionen. Wolff wiederum lässt ihre Arme hängen, ihr Spiel funktioniert über kleine Veränderungen der Mimik, ein angedeutetes Lächeln hier, ein erstaunter Blick dort. Zwei Untote, die sich einen Verbalkampf liefern, bis alle Lebenslügen ans Licht gezerrt sind.
Welche von den beiden Frauen, die in ihrer Komplexität einer Nora oder einer Hedda Gabler in nichts nachstehen, hat recht? Hat überhaupt eine von ihnen recht? Oder gibt es nur Verlierer? Edward ist auf alle Fälle einer. Waidwund wird er von Luke Venatier gespielt, der neu im Bamberger Ensemble und eine Entdeckung ist. Sicher keine Verlierer sind die beiden weiteren Frauenfiguren Fanny Wilton und Frida Foldal. Gespielt werden sie von Leyla Bischoff und Avi Meyer. Gemeinsam singen sie ein Lied, das in diesem Geisterhaus voller abwesend Anwesender und anwesend Abwesender mehr als tausend Worte sagt: „I Will Survive“ von Gloria Gaynor.