Frank Auerbach steht links und blickt nach vorn. Daneben massiert Henning Z Bäcker Marc Vinzing die Stirn.

Die kriminelle Energie des Mittelstandes

Nikolai Gogol, John von Düffel: Der Revisor

Theater:Stadttheater Bremerhaven, Premiere:05.06.2026Regie:Tim Egloff

Tim Egloff bringt am Stadttheater Bremerhaven „Der Revisor“ von Nikolai Gogol auf die Bühne. Eine ideale Vorlage, um mit den kulturpolitischen Kürzungen der Stadt abzurechnen. Leider bleibt die Chance einer bitterbösen Satire in Bremerhaven ungenutzt.

Die Premiere von Nikolai GogolsDer Revisor“ (1836) ist eine Abschiedsfeier. Letztmalig wird in diesem Jahr die Sommerbühne vor der schmucken Jugendstilfassade des Stadttheaters Bremerhaven bespielt. Von der Politik, der Theaterleitung, dem Kulturdezernenten und Bürgern ausgiebig gelobt, wird seit 2023 die nahende Feriensaison mit einer populären Open-Air-Inszenierung gefeiert, ergänzt um Kinder-, Familien-, Kunst- und Gesangsveranstaltungen und Lesungen der benachbarten Kulturinstitutionen. Der Grund, diese gelungene Öffnung des Theaters zur Stadt wieder zu schließen, ist die Kulturpolitik. In den nächsten beiden Spielzeiten sinken die öffentlichen Zuwendungen fürs Stadttheater auf Dauer um 900.000 Euro.

Da reicht es nicht mehr wie bisher, die Zahl der Premieren weiter zu reduzieren, mit Wiederaufnahmen den Spielplan zu füllen und auf zugkräftige Titel zu setzen. Da müssen Stellen gestrichen werden. Insgesamt fallen vier in den Schauspiel-, Opern- und Ballettensembles, zwei im Orchester weg. Auch die Mittwochs-Sinfoniekonzerte sind gestrichen. Und eben die Sommerbühne. Empörend, findet das der Wettergott – und lässt es den „Revisor“-Premierentag über gewittern, schmeißt auch einen Baum auf die Eisenbahnschienen, um anreisende Gäste am Besuch zu hindern. Hat dann aber doch ein Einsehen mit den Theatermachern und schickt pünktlich zum Einlass ein paar Sonnenstrahlen vorbei. Während die über dem Areal kreisenden Möwen weiterhin ihre Verärgerung herausschreien. Und wie gehen die Künstler mit der Situation um?

Politische Abrechnung

Jeremias Böttchers Bühnenbild lässt eine fette politische Abrechnung vermuten, besteht es doch aus einem riesigen dreidimensionalen Banner, mit dem für den Über- und Umbau des Stadttheaters zu einer neuen „Erlebniswelt“ – „Fertigstellung (geplant) Ende 2026“ – geworben wird vom „Büro für architektur und Stadentwicklung“. Mit der Unfähigkeit zu korrekter Schreibweise ist das Projekt schon mal lächerlich gemacht. Vielleicht ein Verweis, dass Bremerhavens Politik eher auf Event-Inszenierungen für Touristen als auf Stadtkultur für Bremerhavener setzt. Also eine ideale Vorlage für Gogols Satire.

Der Revisor steht in weißer Kleidung, Kappe und Goldkettchen breitbeinig auf der Bühne. Im Hintergrund steht die Stadtgesellschaft und starrt ihn an.

Ümran Algün (Marja Andrewjewna), Angelika Hoffstetter (Anna Andrewjewna), Julia Lindhorst-Apfelthaler (Chlestakow), Henning Z Bäcker (Bobtschinski), Frank Auerbach (der Stadthauptmann) und Marc Vinzing (Dobtschinki). Foto: Manja Herrmann

Und dann steht da der Stadthauptmann (Frank Auerbach) im grell orangen Eitelkeitsanzug an der Rampe, genießt seine Selbstherrlichkeit, kokettiert und fraternisiert mit dem Publikum. Er steht für die Vergröberung und Vergrößerung unserer kleinen Sauereien. Hier ein Steuerbetrug, dort Schwarzarbeit oder -fahren, illegale Absprachen, Krankmeldungen zum Blaumachen, Notlügen … kennt jeder. Ebenso die Angst vor der Macht, die all das entdecken und sanktionieren könnte. So eine Gesellschaft zeigt Gogol, die ihren anarchischen Egoismus hinter Untertanenbewusstsein versteckt. Das auch der Stadthauptmann aufblühen lässt, wenn ein Revisor, also Wirtschaftsprüfer, angekündigt ist. Wird er die berufliche Faulheit und Schlamperei, das Verprassen von öffentlichen Geldern und die Vetternwirtschaft untersuchen? Die Rechnung für die Wohlstandsverwahrlosung präsentieren?

Aus der Fassung

Dazu wurde im Spielzeitheft die Textfassung von Felicia Zeller angekündigt. Fürs Schauspielhaus Hamburg überschrieb sie Gogols Gesellschafts- und Verwechslungskomödie über die korrupte Gesellschaft Russlands mit den polit-ökonomischen Mauscheleien im heutigen Hamburg – konkret: die Verwicklung von Politikern wie Olaf Scholz in den Cum-ex-Skandal. Bestens recherchiert und formuliert. Tolle Vorlage. Aber in Bremerhaven bleiben Aktualisierung und Konkretisierung außen vor. Gespielt wird eine im Grundsätzlichen verharrende Lehrstück-Fassung von John von Düffel, die im Vergleich mit Zeller sprachspielerisch weniger unterhaltsam und auch deutlich weniger witzig ist. Dass mal KGB, Kreml, Wladimir genannt werden, kann nicht als Auseinandersetzung mit Russland gedeutet werden. Dass Bremerhaven mit einem Blick auf das Theaterplakat für die Korngold-Oper als „Die Tote Stadt“ bezeichnet wird, ist noch kein lokalpolitischer Ansatz. Warum die lahmende der frechen Neufassung vorgezogen wurde? Das Theater teilt mit, für Zellers Text hätte man nicht genug Schauspieler gehabt.

Wenn dann Regisseur Tim Egloff auch noch das Tempo aus dem sich grotesk zuspitzenden Drama nimmt und es zu locker grellem Boulevardtheater abmildert, entsteht ein sich mühsam komisch über zweieinhalb Stunden schleppender Abend. Alle Charaktere sind harmlose Witzfiguren, keine präzisen Karikaturen der ranzigen Realität.

Einem Rapper zu Füßen

Aber die Hauptthese des Stücks wird nachvollziehbar ausgebreitet: „Unterschätzen Sie nie die kriminelle Energie des Mittelstandes“. Den so schnöseligen wie mittellosen Lebemann Chlestakow (Julia Lindhorst-Apfelthaler), gewandet in weißem, mit Goldkette geschmücktem Rapper-Outfit, hält die Kleinstadtgemeinschaft für den Revisor. Nähert sich entzückend verunsichert an und erkennt ihresgleichen: einen käuflichen Menschen. Damit er die Abgründe der lokalen Honoratioren nicht aufdeckt, spendieren sie ihm Essen, Wohnraum, Geld. Er nimmt die Rolle im Lügenspiel an und übertreibt sie. Die Augen aufgerissen wie von Aufputschdrogen, die Hiphop-Zappelei der Gliedmaßen kaum zu bändigen, inszeniert sich Chlestakow als superreicher Superstar.

Alle Männer dienen sich dem Hochstapler ehrfürchtig an. Ängstlich fasziniert wollen sie an seiner angeblichen Macht teilhaben. Die Frauen dienen sich herausfordernd an, erotisiert wollen sie an seiner angeblichen Macht teilhaben. Habgier trifft Sexgier. Der Revisor ist Projektionsobjekt für all die geheimen Schwächen und Sehnsüchte. Und bedient sich dafür nach Herzenslust. Die allgemeine Heuchelei ist biederlustig herausgearbeitet, bis der wirkliche Revisor angekündigt wird – und alle verstummen. Mehr passiert inhaltlich nicht. Leider auch nicht die künstlerische Behauptung, dass das Stadttheater Bremerhaven aufregend mehr will und anregend mehr kann, als kulturpolitische Spardiktate zu bedienen.