Rita Feldmeier als Friedrich II. am Potsdamer Hans Otto Theater.

Friedrich-Beschau

Uwe Wilhelm: Fritz!

Theater:Hans Otto Theater, Premiere:12.01.2012 (UA)Regie:Tobias Wellemeyer

Ein Glück, dass die Elektroanlagen von Sanssouci extrem desolat sind. Auf der Bühne des Potsdamer Hans-Otto-Theaters besteht das Schloss zwar bloß aus einem Klettergerüst, wurde jedoch von Alexander Wolf dekoriert mit zahllosen Lampen, Kabelsträngen, Verteilerkästen. Solcherart Ausstattung schuf nämlich für Regisseur Tobias Wellemeyer reichlich Gelegenheit, es ordentlich krachen und blitzen zu lassen in Uwe Wilhelms „Theaterspiel für den König von Preußen“. Doch die pyrotechnischen Feuerwerke aus lauter Kurzschlüssen passen zwar zum bevorstehenden 300. Geburtstag Friedrichs II. (1712-1786), vermögen aber auch nicht dem allzu geschwätzigen Bühnenstück den nötigen schlüssigen Zunder zu geben.

„Fritz!“, so sein imperativer Titel, ist ein mit lauter Ausrufungszeichen aus der Gegenwart skizziertes historisch-fiktives Vexierspiel. In dessen Kern steckt erstens das Drama des Hofschreibers Henri de Catt, der vom königlichen Komponisten Fritz den Auftrag erhält, das Libretto zu dessen autobiographischer Oper zu schreiben; zugleich wird er vom Thronfolger Willi (Friedrich Wilhelm) erpresst, den alten König zu vergiften. Das Dilemma des Dieners zweier Herren. Das Drama Nummer zwei ist das von Fritz zwo, der als schwul schöngeistiges Weichei vom Vater gewaltsam zum Brutalo-Machtmensch verformt wird.

Dieser durchaus knackige Kern wird nun in ein letztlich arg verwirrendes Anekdoten-Gespinst verpackt. Der Autor wollte die hoch bedeutsame Vielschichtigkeit, und er wollte „den deutschen Helden“ Fritz vom Denkmalssockel schubsen. Verlor sich dabei aber in einem Gewirr aus Ehedrama (Catt und Gattin Ulrike/ Raphael Rubini, Patrizia Carlucci als leider fades Paar), aus surrealer Tragödie (Fritzens viel gesichtige Seelenlage), Sex-Klamotte (mit einer Flöte als Dildo) und Intrigen-Kabarett (das kreischende Mätressentrio Melanie Straub, Marianna Linden, Charlotte Sieglin). Aus History-Show (mit Fritz-Vater Wilhelm I. als preußischer Adler im roten Latex-Kostüm), aus Polit-Farce (Gröfaz) und Clownerie in Naziklamotten. Bisschen viel auf einmal. Und obendrein offene Türen einrennend: Denn die Entdämonisierung Friedrichs ist schließlich längst Allgemeingut.

Also schon mal kein Denkmalssturz. Doch immerhin in der Flut der Szenchen und Bildchen sonderlich im zweiten Teil einige starke Momente, die vornehmlich aufs Konto von Rita Feldmeier gehen: Im Abendkleid gibt sie den großen Friedrich als schwarze, sarkastisch zynische Domina. Ein so glamouröser wie geistesstarker Eis- und Höllenengel. Eine moderne Figur, aasig auf- und abgeklärt. Der Glanz- und Fixpunkt dieser Friedrich-Beschau, deren chaotisch Zerfranstes von der notorisch auf Haudruff erpichten Regie leider nicht beschnitten wird.

„Ich muss zurück in meine Gruft“, legt Uwe Wilhelm, Mitte fünfzig und Drehbuchautor zahlreicher Fernsehfilm-Erfolge, seinem Fritz in den Mund. Und verblüffender weise noch diesen Schluss-Satz: „Was immer man von mir erzählt, es sind die Lügen derer, die sie singen und derer, die sie hören!“ Das letzte Wort des Dichters über sein Werk – sympathisch selbstironisch. Und selbstvernichtend. Die Regie hat das kaum beeindruckt.