Dabei lohnte es, deren noch immer aktuellen Kern heraus zu schälen. Doch Regisseur Stone setzt nur deutlich und heftig auf Effekte und entwickelt dabei Ibsens existentielles Suchdrama mit seinen wirkungssicheren und zugleich unterforderten Schauspielern zu einer braven Groteske. Die endlosen Erklärungs- und Aufdeckungsgespräche zwischen dem wegen Veruntreuung verurteilten Borkman und seinen beiden Frauen, sie werden gekürzt oder aufgeblasen, immer aber ironisiert. Stone schenkt Borkman und den beiden Frauen eine einst funktionierende Dreierbeziehung, auch wenn sich Ella beschwert, Borkmann habe mit Gunhild mehr Sex gehabt.
Immer wieder treibt der Regisseur Ibsen den Ernst aus. So glaubt man Martin Wuttke als Borkmann den Exbanker keinen Moment. Bei Stone fehlen Borkman die von Ibsen hervorgehobenen individuellen Großmachtphantasien, die man auch heute in wirtschaftlichen Führungspositionen vorfindet. Nur einmal steigt Wuttke für eine muntere Napoleon-Nummer auf den Fernseher, öffnet seinen schwarzen Mantel und wirft die langen zotteligen Haare umher, während er allerlei mimisch-gestisch Unterhaltendes zum Besten gibt. Insgesamt wirkt sein charmanter Borkman wie ein abgehalfteter Idealist. Während Birgit Michichmayrs Gunhild im flatterigen Morgenkleid mit der kieksig-krächzenden Stimme einer Säuferin als lautstarke Egoistin umhertobt. Jeder Auftritt eine Wirkungsnummer: Urkomisch, wie sie ihren Sohn Erhart anruft, um ihn mit einem fingierten Unfall herbei zu locken. In Max Rotbarts Darstellung des Erhart ist schließlich alles Ibsensche Pathos endgültig aufgebrochen: Wir schmunzeln nur noch über die normalen Backpacker-Illusionen eines jungen Mannes, wenn er mit Frau Wilton (Nicola Kirsch) auf Reisen gehen will. Dagegen wird Ella von Caroline Peters ohne Klischeeanwandlungen als eine energische, sich mit verschränkten Armen zusammengenommene, selbstbewusste Frau gegeben. Peters gibt der pausenlosen und zweistündigen, im zweiten Teil immer stärker zu Ibsen zurückkehrenden Inszenierung eine kräftige, nicht mehr nur ironische Färbung.
Es ist ein merkwürdiger Abend: Harmlos in seiner dramaturgischen Fassung und ungenau in seiner inhaltlichen Wirkungsabsicht, aber zugleich ein Schauspielerfest. Hier kann sich jeder zeigen, – auch Roland Koch verleiht dem meist nur als Nebenher-Figur gegebenen Wilhelm, ehemaliger Mitarbeiter und Vater Fridas, ein kräftiges Profil. Doch die Vorlage von Stone ist zu dünn, als dass die schauspielerischen Unterhaltungs-Kabinettstücke der Darsteller dem Abend genügend Kraft geben. Zunehmend luftleer wirkt eine Inszenierung, die mit einem Victory-Zeichen des toten Borkman vor dem Vorhang endet: Er hat es hinter sich und ist es zufrieden.
Eigentlich hatte man nach Stones Wiener „Wildente“ vor zwei Jahren eine konzeptionell genauere, eine aktualisierende und tiefer gehende Inszenierung statt dieser Boulevardkomödie nach Ibsen erwartet. Aber natürlich applaudierten die Zuschauer den souveränen Schauspielern gern.
