Auf der Bühne stehen Tische wie im Klassenzimmer aufgereiht. Eine Person sitzt mit Kaffee in der letzten Reihe. Eine weitere sitzt auf die Knie gebeugt auf einem Tisch weiter vorne und starrt auf den Boden. Vorne links steht eine Person im langen dunklen Mantel und wirft benommen die Haare zurück.

Long Covid in den Fängen der Unfallkasse

Felicia Zeller: Tag der Ansteckung

Theater:Staatstheater Braunschweig, Premiere:23.01.2026 (UA)Regie:Christoph Diem

Mit Felicia Zellers „Tag der Ansteckung“ gelingt am Staatstheater Braunschweig ein unterhaltendes Gerichtsdrama zu einer verdrängten Krankheit, von der Regie poetisch aufgebrochen.

„Wenn man schon, dann will man ja auch“ – Loriot hat das elliptische Sprechen, das Menschen besonders in Verlegenheit befällt, schon gezielt eingesetzt. Felicia Zeller hat daraus eine Kunst gemacht, die Menschen in einer Art beckettscher Verlorenheit erfasst, gegenüber allem, was ihr bloßes Erkenntnisvermögen übersteigt. Sei es die Auseinandersetzung mit den Gesetzen des „Fiskus“ (so ein Stücktitel), sei es wie in der jüngsten Uraufführung, wiederum am Staatstheater Braunschweig, die juristische und medizinische Aufarbeitung der Folgen von Corona: Ihr Gerichtsdrama „Tag der Ansteckung“ dreht sich um Long-Covid und seine gesellschaftliche Anerkennung.

Zeller hat ihren Fall klug geschürt, insofern es ausgerechnet eine jener einst mit Applaus gefeierten Intensivkrankenschwestern ist, die in der ersten Phase der noch völlig unerforschten Pandemie in Ausübung ihres Berufes erkrankt, danach aber nicht, wie die meisten, völlig gesundet, sondern unter Symptomen leidet, die auch gern als psychosomatisch abgetan werden. Die Forschung weiß heute, dass es nicht um ein bisschen Abgespanntheit und Kopfschmerzen geht, wenn Menschen infolge einer Covid-Erkrankung an Muskelschmerz, Gehirnentzündung und chronischem Fatigue-Syndrom leiden. Auch Elke E. kann offenbar nicht vor Gericht erscheinen, der Prozess auf der Bühne findet ohne sie statt.

Long-Covid auf der Bühne

Man erfährt aber von ihrem Zustand durch den Vater, der sie pflegt, von der Krankheit durch eine Fachärztin, die hinzugezogen wird. Die Gegenseite wird vertreten vom Generalbevollmächtigten der Unfallkasse, die das Zahlen einer Berufsunfähigkeitsrente verweigert. Sie will von Long-Covid nichts wissen, damit die anhaltende Krankheit Elke E.s nicht auf den Berufsunfall Covid zurückzuführen ist. Und der Gutachter Dieter D. bestätigt das gern – mit eben jenen Formulierungen, die er auf einem Lehrgang der Unfallkasse gelernt hat. Entscheiden müssen nun die Richterin und ihre beiden ehrenamtlichen Kolleginnen.

Die ständigen Satzabbrüche sind anfangs oft heiter, können aber auch nerven. Man hätte dringend straffen müssen. Und dafür dann die Satzabbrüche zumindest manchmal bedeutungsvoller nachklingen lassen sollen, weil es bei Zeller vielleicht doch öfter ein existentielles Stammeln und Verstummen ist.

Digitale Perspektiven

Regisseur Christoph Diem hat sich mit Florian Barth als Verantwortlichem für Ausstattung und Video für eine andere ästhetische Überformung entschieden, die atmosphärisch stark gelingt: Mal erleben wir die Figuren im Live-Video aus anderer Perspektive. Mal wehen nur die Gardinen aus Elkes verdunkeltem Zimmer zu zartem Gesang. Richtig stark die Verfremdung durch Aufnahmen im Schnee, wenn die Bilder sich mehr und mehr in ein Corona-Virus-Raster auflösen.

Auch die Dialoge aus der WhatsApp-Gruppe von Long-Covid-Patientinnen, lustig aufgesagt mit vielen Emojis, werden zu einem surrealen Traumspiel aus Lichtfäden und lassen die Figuren optisch zu jenen Emoticons mutieren. Gerät trotzdem zu lang, zumal es noch eine zweite Umdrehung im Stück gibt, in der nun eine der Richterinnen an Long-Covid erkrankt ist und für ihre Rente kämpft.

Besetzung nach Typ

Das Ensemble ist dabei prima auf Typ besetzt. Herrlich Saskia Petzold als Richterin, die indigniert mit dem Kopf schüttelnd eine Prozessordnung aufrechterhalten will, selbst zwischen Einsicht, Routine und Ermüdung schwankt. Ines Schiller, als vor allem am Frauenhaar interessierte Laienrichterin (und Friseurin), hat am Ende mehr verstanden vom Leid hinter dem Prozess als die anderen, während Ana Yoffe als strebsame Amateurkollegin den finanziellen Aspekt durchschaut und im Sinne der Kasse löst.

Tobias Beyer als Elkes Vater gelingt es mit einem stillen Satz, den Schmerz der Erkrankten spürbar zu machen. Ansonsten schießen eher die Pointen, von Götz van Ooyen als aasigem Gutachter über Gertrud Kohl als Sachverständige, die ihn als Urologen abkanzelt, bis zum abgeklärten Kassenvertreter des Klaus Meininger. Während Valentin Fruntke als Elkes Anwalt ein Plädoyer des neuesten Forschungsstands in (fast) vollständigen Sätzen halten darf. Das war Zeller dann offenbar wichtig. Ihr gelingt unterhaltende Aufklärung, der Diem und Barth poetische Vertiefung hinzufügen.