Da ist kein verzweifelter Wissenschaftler oder ein Mann in einer existenziellen Midlife-Crisis zu sehen. Die Titelfigur ist vielmehr von Beginn an ein Ecce homo auf einem unerbittlich kreisenden vertikalen Rad der Fortuna. Ohne Entwicklung, ohne Kontakt mit dem gemeinen Volk oder dem ebenfalls gestrichenen „Schleicher“ Wagner.
Rastlos auf der Stelle
Jegliche Bewegung und Entwicklung verlagern Ulrich Rasche und sein technisch wieder einmal beeindruckendes Team sowie das fünfköpfige Ensemble des Münchner Residenztheaters – die Produktion wird ab Herbst im Repertoire des Theaters laufen – ins Innere Fausts. Ihm wird später ein junges Alter Ego beigegeben (Johannes Nussbaum). Zunächst erscheint aber Merphisto – nach einem Schluck aus dem gefährlichen Getränk, vor dem die Hauptfigur im Stückoriginal durch einen Chor der Engel abgehalten wird. Hier, wo auch Gott und die Wette mit Mephisto ersatzlos gestrichen ist, erscheint also Valery Tscheplanowa als Mephisto, ernst gewandet wie Faust: mit schwarzem Anzug, weißem Hemd und schwarzer Krawatte (Kostüme: Annika Lu).
Auch diese Mephista scheint ein Teil von Fausts Verzweiflungskraft zu sein, eine innere Stimme und nur als solche Gegenspielerin und Anstifterin. Valery Tscheplanowa schreitet, ja tänzelt im Seitschritt süffisant lächelnd neben Faust her, nun dreht sich auch innerhalb der äußeren Drehscheibe eine kleinere in der Mitte, zuweilen in Gegenrichtung, so dass Begegnungen möglich sind.
Ihren ersten Auftritt hat dieses weitere Alter Ego der Hauptfigur filmisch. Die einzigen Konstruktionen über der Drehbühne sind zwei riesige horizontal aufgehängte Milchglaswände. Erst wankt der einsame Faust vor hellweißem Hintergrund, später färben sich diese Hintergründe und drehen sich zuweilen nach vorne, werden zu langen, parallel zueinander stehenden Wänden. Zwischen beiden in einer hohlen Gasse erscheint dann zunächst im anfangs flackenden Live-Film (Video: Florian Seufert), projiziert auf die vordere Wand, Mephista.
Konzentrierte und konstruierte Ernsthaftigkeit
Auch wegen des Lichtspiels (Licht: Gerrit Jurda) und des dauerhaft dröhnenden, bedrohlich klingenden, rhythmischen Dauersounds (Komposition/Ton-Design: Alfred Brooks) wirkt der oft gebückte, ausdrücklich Verzweiflung zeigende Steven Scharf zuweilen wie eine Gestalt aus einem expressionistischen Stummfilm. In der Begegnung mit den anderen, ihm eng verbundenen, in der Kleidung und im Dauergang ähnelnden, deutlich kleiner gewachsenen Figuren verstärkt sich diese Wirkung noch.

Faust (Steven Scharf) übergibt Gretchen (Anna Drexler) den verhängnisvollen Schlummertrunk für die Mutter. Foto: SF/Marco Borelli
Dabei sprechen die insgesamt fünf Darsteller:innen intensiv und in moderatem Tempo Goethes Verse. Gretchens Blumen-Abzählreim – „Er liebt mich, er liebt mich nicht…“ – ist eine sowohl grundsätzliche wie unsinnliche Übung: Schritt für Schritt nimmt Anna Drexler die Beziehung ernst.
So wandelt die Inszenierung auf einem schmalen Grat zwischen konzentrierter wie konstruierter Ernsthaftigkeit. Die starken Darsteller:innen bis hin zu Max Rothbart als trocken-verzweifeltem Gretchen-Bruder Valentin als Fünfter im Ensemble halten das Konzept durch souveräne Gänge, vereinzelte Begegnungen und bestens getimtes Sprechen am Leben. Ohne chorische Überwältigung wie in früheren Rasche-Inszenierungen schwankt die Wirkung dieser Faust-Innenschau zwischen faszinierendem Ausdruck schlüssiger dramaturgischer Entscheidungen und leer laufendem Konstrukt, in dem Handlung und Körperlichkeit bei aller physischen Anstrengung auf dauerdrehendem Boden Behauptung bleiben.
Szenenreigen statt dramatischer Entwicklung
Der Besuch der beiden Faust-Figuren in Gretchens Kammer als heile, kleine Gegenwelt leidet an der Konstruiertheit der Szene, die sich aus den starken Textkürzungen ergibt. Auch braucht Valery Tscheplanowas faustische Mephisto-Figur die Interaktion mit junger und älterer Hauptfigur und der schwerer zu manipulierenden Gretchen, um über ihre Attitüde als kühle, ironische Strippenzieherin hinaus ein Profil als Gestalt entwickeln zu können. Anna Drexler zeigt unter Einbeziehung von Eigenschaften der gestrichenen Marthe Schwertdtlein eine überzeugend nüchterne Figur, die sachlich mit ihrem persönlichen Drama umgeht. Im Zusammenspiel mit den beiden Faust-Männern entsteht eine Art zärtliche Verzweiflung. Die hier sehr grundsätzlich kreisende Gretchenfrage und das Finale mit Scharfs Faust, der sie aus dem Kerker holen möchte und an ihr abprallt, verbinden die Nüchternheit dieser Frau mit ihrem traurigen Schicksal beeindruckend.
Schlüssig gerät kurz vor dem Ende auch die optisch reduzierte Walpurgisnacht. Mephisto und die beiden Fäuste schreiten – mit Blick nach vorn ins Licht vor farbwandelnden Wänden – mit freien Oberkörpern auf der Stelle und entwerfen dabei einen Eindruck ihrer fleischlichen Gelüste. Insgesamt ist dieser „Faust“ als körperliches und dramaturgisches Exerzitium eine expressive Ausstellung menschlich-existenzieller Aspekte aus der Tragödie erstem Teil. Am Ende bleibt offen, wie es mit der Menschheit alias Faust und Gretchen weitergehen wird.
