Hugo Ziegler und Mayra Bosshard stehen dicht aneinander bei einem Mikrofon.

Kein Mensch hat das Recht, zu gehorchen

Rhea Leman: Arendt – Denken in finsteren Zeiten

Theater:Theater der Stadt Aalen, Premiere:07.11.2026Regie:Tina Brüggemann

Das Theater der Stadt Aalen zeigt die Philosophin Hannah Arendt in all ihren Vielschichtigkeiten. Tina Brüggemann inszeniert das Stück von Rhea Lemann als Erzählung über politisches Denken in Deutschland.

„Arendt – Denken in finsteren Zeiten“ der amerikanisch-dänischen Autorin Rhea Leman trifft mitten in den Nerv unserer Zeit. Im Zentrum des Stücks steht Hannah Arendt (1906–1975), Philosophin und Vertreterin der politischen Theorie, die – von Kant und Augustinus beeinflusst – entschieden für Freiheit, für Pluralität und den Diskurs eintritt. Leitschnur ihres Handelns ist die Anweisung ihrer Mutter: Wenn Du antisemitisch angegangen wirst, wehre Dich nicht als Deutsche oder Weltbürgerin, sondern als Jüdin.

Rhea Leman, die fünf Jahre an diesem Stück geschrieben hat, hält sich eng an die Biografie. Sie erzählt die Geschichte der Hannah Arendt mit einem Kunstgriff. 1975 soll sie in Kopenhagen den renommierten Sonning-Preis für ihre Verdienste um die europäische Kultur erhalten. Sie sitzt in ihrem Hotelzimmer und versucht, eine Dankesrede zu entwerfen. Dabei mischen sich in ihre Gedanken prägende Stationen und Begegnungen ihres Lebens: Berlin 1933, Exil in Paris, die Flucht aus dem Lager Gurs – und dann vor allen Dingen der Eichmannprozess in Jerusalem, dem sie beiwohnte. Ihr „Bericht von der Banalität des Bösen“, mit dem sie die Verantwortungslosigkeit eines funktionierenden Bürokraten beschreibt, löste heftige Debatten aus, in denen sich Arendt missverstanden fühlte.

Klare Charakterfigur

In ihrer Inszenierung am Theater Aalen folgt Tina Brüggemann nicht bloß den historischen Spuren. Ihr geht es ebenso wie der Autorin nicht um die Rekonstruktion einer Biografie. Sie zeigt eine Frau, die im Widerspruch zwischen einer kompromisslosen Rationalität und emotionalen Verletztlichkeiten lebt. Ariane Scherpf hat dafür ein nicht sehr wohnliches Hotelzimmer geschaffen: Links einen Schreibtisch, auf dem zu Beginn die monumentale Schreibmaschine steht, rechts zwei Sessel und ein kleiner Tisch mit Telefon. Im mittigen Hintergrund steht eine Toilettenkabine, die mit einem Vorhang verdeckt werden kann. Diese wird im zweiten Teil zur „Glaskabine“, in der Eichmann während seines Prozesses steckt.

Elias Popp und Marya Bosshard stehen nebeneinander vorne. Zwischen ihnen sieht man hinten Hugo Ziegler stehen. Rechts im Hintergrund steht der Tisch mit Schreibmaschine. Hinten links stehen die Worte "Jerusalem 1961" an der Wand.

Elias Popp, Hugo Ziegler und Mayra Bosshard. Foto: Peter Schlipf

In diesem Raum agiert Mayra Bosshard als Hannah Arendt. Mit Brille und nie angezündeter Zigarette in der Hand erspielt sie glaubhaft, wie sie unerschrocken auf Situationen zugeht und diese durch ihr forsches Auftreten und Engagement positiv auflöst. Sie spricht zu Beginn direkt am Publikum in ein Standmikro Statements. Auch während des Spiels greift sie immer wieder zum Mikrofon. Das Spiel von Mayra Bosshard überzeugt, zumal sie bei aller Gewissheit auch die Zweifel und Widersprüchlichkeiten ihrer Figur ausstellt und sie damit spannend macht.

Die Männer hingegen, die in ihrer Erinnerung in diesem ungemütlichen Hotelzimmer auftauchen, erscheinen schemenhaft. Elias Popp als ihr schon längst verstorbener zweiter Ehemann Heinrich Blücher agiert als aalglatter Lebemann. Hugo Ziegler gewinnt als gewöhnlich auf dem Klo sitzender Adolf Eichmann – wenn er nicht den Text wegraunt – eine klare Kontur: Hier wird die erschreckende Dimension des Normalen im Nicht-Denken-Müssen, im bloßen Erfüllen voll fassbar. Und das Grauen, das einen erfasst, wenn man diese „Banalität“ zu verstehen beginnt: „Kein Mensch hat das Recht, zu gehorchen.“

Arendt in ihren Vielschichtigkeiten

Das ist die Stärke der Inszenierung von Tina Brüggemann: Mit Musiknummern wie „Blue Velvet“ oder „Heaven“ verweist sie auf intime, kuschelige Momente. Da ist die Hannah Arendt der Mayra Bosshard nicht nur die taffe Frau, sondern eine Liebende mit allen Sehnsüchten – und bringt damit ihre Botschaft noch glaubwürdiger über die Rampe.

Vor der Premiere führte der Intendant des Theater Aalen, Tonio Kleinknecht, ein Podiumsgespräch mit dem Ex-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, einem bekennenden Anhänger von Hannah Arendt: Hier wurde blitzartig klar, welche Bedeutung die politische Theorie von Hannah Arendt – bei allen Widersprüchlichkeiten – für die Gegenwart hat. Diese Intention spiegelt sich in der Inszenierung: So wird „Arendt“ nicht zur bloßen Nacherzählung einer politischen Biografie, sondern zu einer großen Erzählung über politisches Denken und politische Verhaltensweisen im nazistischen Deutschland und in der Gegenwart.