Drei Personen auf einer Bühne, die mittlere in einem schwarzweiß gestreiften Kostüm

Das Zögern und das Kokain

William Shakespeare/Wilke Weermann: Hamlet

Theater:Berliner Ensemble, Premiere:05.11.2026Regie:Ersan Mondtag

Regisseur und Bühnenbildner Ersan Mondtag entwirft am Berliner Ensemble in Wilke Weermanns „Hamlet“ einen Protagonisten, der zwischen Drogenekstasen und den Postkarten eines Museumsshops die Orientierung verliert.

„MIT DER MUTTERMILCH NIMMT DIESES VOLK / DAS SCHWEIGEN IN SICH AUF / UND REICHT ES WEITER / AN JEDE NÄCHSTE GENERATION / DAS SCHWEIGEN IST EIN UNTERSTROM / IN SEINEM BLUT UND BODEN“, verkündet eine Stimme. Derweil offenbart die Drehbühne des Berliner Ensembles die gräulich-gelbe Szenografie dieser „Hamlet“-Inszenierung. Autor Wilke Weermann stellt mit diesen Zeilen das Ende des berühmten Shakespeare Stoffes an den Anfang: der Rest, das Schweigen. Es ist in das Fundament dieses Staates eingegossen. „DURCH DIE STRAẞEN SCHLEPPEN SICH DIE TOTEN / DENEN SCHRÄG EIN BEIL IM SCHÄDEL STECKT / ODER EIN SCHWERT IM BAUCH / SIE HEBEN IHRE STIMMEN AN ZU KLAGEN / ALS EIN HAHNENSCHREI DAS MAUL IHNEN ZERREIẞT“, heißt es weiter.

Weermann folgt mit dieser Eröffnung einer sprachlichen Fährte, die Heiner Müller 1977 mit seiner „Hamletmaschine“ ausgelegt hatte. Wird hier also gleich auch, in Müller’scher Tradition, das Drama für beendet erklärt? Keineswegs. Die Adaption nimmt sich dem dramatischen Original nicht nur an, sondern bleibt ihm bis zum Schluss eng verbunden. Einen Eingriff erlaubt sich die Arbeit dann allerdings schon: Ophelia (Pierre Emö) ist nicht die Schwester von Laertes (Maeve Metelka), sondern der Bruder. Und Laertes ist nicht der Bruder, sondern die Schwester von Ophelia. So ergibt sich – neben einer neuen Vater-Sohn Dynamik von Polonius (Gerrit Jansen) und Ophelia – auch eine queere Liebesbeziehung zwischen Hamlet (Sebastian Zimmler) und Ophelia. Eine Beziehung, die sowohl bei Shakespeare als auch bei Weermann stark durch das „Zögern und Zaudern“ des Protagonisten in Mitleidenschaft gezogen wird.

Intoxinierung, Sex und rote Lichter

Regisseur Ersan Mondtag, der in dieser Arbeit zugleich als Bühnenbildner tätig ist, entwirft für die Abwärtsspirale, in der sich Hamlet nach dem Tod seines Vaters befindet, einen Drogenrausch. Dieser tritt über Bildschirm (Live-Kamera: Melanie Macher) an das Publikum heran. Zwischen einem Blowjob und gezielter chemischer Intoxinierung wird der Prinz dabei immer näher an den Geist des alten Königs getrieben – als dämonische Botschaft würgt er die Worte des Toten schließlich aus sich heraus.

Eine Person (Hamlet) auf der Bühne sitzend, eine andere mit dem Kopf in Hamlets Schoß liegend

v.l. Pierre Emö, Sebastian Zimmler. Foto: Lukas Städler

Um den rätselhaften Tathergang des Königsmords zu entschlüsseln, erhält der Saal an diesem Abend zusätzlich Einblicke in die Überwachungskameras des Palastes. Als virtuelles Cluedospiel flackert das Beweismaterial auf der Leinwand. Und dann: Im entscheidenen Moment springt die Aufnahme. Eine Minute fehlt. Rund vierhundert Jahre nach der Uraufführung dieser Geschichte ist  vermutlich einem Großteil des Saals bekannt, was in der Zwischenzeit passiert ist: Claudius ist der Mörder. Er hat seinem Bruder Gift ins Ohr getropft. Die Frage ist also vielmehr: Wie geht es jetzt weiter?

Der Weg durch das Spiegelkabinett

Bei Shakespeare liegt die Peripetie in der „Mausefalle“ – dem Stück im Stück, das Hamlet aufführt um seinen Onkel als Mörder zu überführen. Als ein Spiel mit den Spiegelungen, in dem sich das Theater selbst begegnet. Auch im Programmheft dieser Arbeit wird von der Idee berichtet, dass „Hamlet“ ein Stück sei, in dem sich jede Zeit zu spiegeln vermöge. Die große Herausforderung des Drei-Stunden-Abends: Was ist eigentlich die alte Zeit, die von der neuen in Besitz genommen wird? Was sind die Spiegelbilder von Vergangenheit und Gegenwart, die einander zerfleischen – bis Fortinbras erscheint und das mit Leichen übersäte Schlachtfeld einnimmt?

Während sich der köngliche Palast bei Mondtags Inszenierung als ein aufgeschnittenes Puppenhaus aus verschiedenen Perspektiven einsehen lässt, gibt nicht nur die Drehbühne, sondern auch Weermanns Text den Takt an. „Die Zeit ist aus den Fugen / Was eben noch mein Kinderbett, / Ist heute eine Auslage im Shop. / Auf meinem Wickeltisch wird abkassiert. / Besucher stehen Schlange vor dem Bad. / Sie alle nutzen meine Zahnbürste.“, teilt sich der verzweifelte Prinz seiner Mutter, der Facelift-Fanatikerin Gertrude, mit. So tritt der Rückzugsort des Prinzen zu Beginn als  Kunstatelier in Erscheinung; am Schluss dann als Museumsshop mit drehbarem Postkartenständer und einer netten Posterauswahl. Diese Spiegelung bleibt jedoch ein Einschub. Ein Nebenschauplatz des Rachewahns. Ein vorüberziehendes Bild, das mit der Zeit – und der richtigen Menge Kokain – langsam im Dunst der durchwachten Nächte verblasst.