„Eine Seele von Mensch“ am Staatstheater Braunschweig.

Jedermann 2.0 oder 3.0

Lutz Hübner und Sarah Nemitz: Eine Seele von Mensch

Theater:Staatstheater Braunschweig, Premiere:06.11.2026 (UA)Regie:Antje Thoms

„Eine Seele von Mensch“ des Autor:innen-Duos Sandra Nemitz und Lutz Hübner klingt harmlos – ist es aber nicht. Die Uraufführung des Auftragswerks am Staatstheater Braunschweig in der Regie von Antje Thoms wirkt schön schräg, allerdings auch vorhersehbar.

Das Jüngste Gericht dauert etwa zwei Minuten – aber nur, weil die sonderbaren Todesboten, die da über einen frisch Versterbenden hereinbrechen, die Zeit anhalten können. Rolf, ein Mann mittleren Alters, in leitender Stellung an einer Hochschule beschäftigt, beschwerte sich gerade über das Abendessen im Ristorante „Sotto le Stelle“, weigerte sich, den vollen Preis zu bezahlen, weil es nicht geschmeckt habe – da trifft ihn unter den Sternen der Schlag. Und der Wirt, der versucht, den schwierigen Gast wiederzubeleben, erscheint Rolf plötzlich als Todesengel Ezrael, kurz: Ezra, der mit Hilfsengelin Nag und Hilfsengel Munk antritt, ihn zu examinieren in einer Art Schnellprozess. Nichts weniger als die sieben Todsünden werden ihm vorgehalten – also der Reihe nach Neid, Wollust, Hochmut (oder Stolz) und Trägheit. Schon zum Zorn kommen sie nicht mehr, weil die Zeit drängt, Habgier und Völlerei bleiben ganz außen vor.

Trio-Tribunal

Warum die Zeit so drängt? Das schräge Trio-Tribunal hat auch Geister aus dem Jenseits engagieren können, die Rolfs finstre Seiten bezeugen sollen, aber die stehen vertraglich nur für eine Stunde zur Verfügung.

Die Grundidee von Sarah Nemitz und Lutz Hübner ist schön schräg – beide waren ursprünglich ja Schauspielerin und Schauspieler – sie wissen, wie sie für Ensembles schreiben. Und seit inzwischen 25 Jahren agieren sie erfolgreich als schreibendes Duo. Hübners Weg als Autor begann deutlich früher – mit Jugendstücken wie „Das Herz eines Boxers“ oder „Gretchen 89ff.“. Mit dem „Bankenstück“ am Berliner Maxim Gorki Theater etablierte er sich als dezidiert politischer Autor. „Eine Seele von Mensch“, Auftragswerk für das Braunschweiger Staatstheater, steckt jetzt voller Ambition – und zugleich voller ironischer Brechungen.

Ausgemusterte Geister

Denn natürlich ist das große moralische Pathos im Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“-Ton nur noch schwer vermittelbar – nicht mal jeden Sommer von Neuem bei den Salzburger Festspielen. Ein Jedermann 2.0 oder 3.0 sieht aus wie der von Nemitz und Hübner. Für das finale Gericht über die Irrwege und Abgründe des Alltagsmenschen der Gegenwart sind längst ausgemusterte Geister im Einsatz – der fauchende Hilfsengel Munk war mal Wüstendämon, die lebenslustige Engelin Nag diente (und bediente die Kundschaft) als Fruchtbarkeitsgöttin. Und auch Chef Ezra ist eher von niederem Rang. Der Job im Ristorante „Sotto le Stelle“ sieht eher wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aus. Das Trio ist wohl auf Bewährung unterwegs.

Gelegentlich lassen sich die drei sogar dazu überreden, bei einzelnen, besonders belastenden Punkten für Rolf in der Rolle des Angeklagten einzuspringen – was dessen Rolle eher stärkt. Die Chancen zur Rechtfertigung nehmen dann für Georg Mitterstieler deutlich zu, der diesen ansonsten in jeder Hinsicht unerträglich-widerlich gezeichneten Otto-Normal-Macho spielt.

Zeitgeist-Analyse

Der Typ kriegt mit der genervten Gattin natürlich keine vernünftige Paartherapie hin, und einer Studierenden gegenüber benimmt er sich deutlich schlimmer als es der Professor beim ähnlich strukturierten „Oleanna“-Missbrauchsfall im Klassiker von David Mamet tut. Als Vorsitzender eines Kleingartenvereins überantwortet Rolf den mittellosen Mietnomaden auf einer Parzelle der Obdachlosigkeit, in der der aus der Laube Vertriebene prompt erfriert. Und auch den eigenen pflegebedürftigen Eltern gegenüber benimmt sich Rolf wie der letzte Verräter – überlässt alle Last den Geschwistern und kommt nicht mal zu Mutterns Beerdigung: ein hedonistischer Widerling wie Sie und Du und ich.

„Eine Seele von Mensch“ von Sandra Nemitz und Lutz Hübner am Staatstheater Braunschweig. Im Vordergrund sitzt ein Man auf einem Stuhl, hinter ihm stehen vier Personen, und eine geht auf ihn zu.

„Eine Seele von Mensch“ am Staatstheater Braunschweig mit Paul Wenning, Georg Mitterstieler, Kathrin Berg und Paul Wiesmann. Foto: Isabel Winarsch

Immer wieder adressiert Uraufführungs-Regisseurin Antje Thoms das Publikum im Kleinen Haus vom Braunschweiger Theater. Und tatsächlich hat der Text von Nemitz und Hübner das Zeug zur schonungslosen Zeitgeist-Analyse. Weil das aber so ist, wirkt vieles in den einzelnen „Todsünden“-Fällen ziemlich vorhersehbar. Ernsthafte Argumente zur Verteidigung werden dem angeklagten Mann eher selten zugesprochen. Die Urteile sind immer schon fertig, bevor die Verhandlung beginnt. Zuweilen allerdings wirkt es so, als hätten auch Autorin und Autor dieses Problem erkannt – und genau darum die etwas abgeranzten Mitstreiter im Trio der Plagegeister in der Rolle des Angeklagten „gastieren“ lassen.

Kneipe der Vorhölle

Viel szenische Fantasie hat Thoms auf die Zeugen aus dem Totenreich verwandt – deren Kostümierung ist liebevoll-jenseitig und immer klatschen sie ihresgleichen Beifall nach einer Aussage: stumm, ohne dass die Hände einander berühren. Schöner Effekt. Jörg Kiefels eher realistische Kneipenbühne wandelt sich mit spektakulären Lichteffekten aus der Werkstatt von John Fürntratt in eine Art Vorhölle; und das Trio der Todesboten ist wirklich schön schrill: Natascha Weigang ganz in verführerischem Rot-Orange, Jonas Julian Niemann in wehendem Pink. Dass Ober-Fake-Gott Ezra und der mit der Wiederbelebung schließlich erfolgreiche Wirt Bojan vom selben Ivan Marković gespielt werden, öffnet im letzten Bild sogar einen neuen Blick aufs ganze Stück – wie, wenn wir Zeuge waren von Rolfs Alptraum?

Die Zeitgeistereien von Sarah Nemitz und Lutz Hübner waren und sind immer „well made“. Gerade darum aber wäre es schön zu wissen, warum sich das kreative Duo nicht einigen konnte über die Inszenierung mit dem ursprünglich für die Uraufführung vorgesehenen Regisseur Erich Sidler. An dessen Deutschem Theater in Göttingen war Antje Thoms extrem prägend in der Corona-Zeit, mit herausragenden Projekten etwa in der Park-Garage des Theaters … hoffentlich ist da jetzt kein Porzellan zerbrochen.