Das Bild ist unheimlich ausgeleuchtet. Zwei Darstellende stehen auf einem Gerüst. Einer hält eine Gitarre.

Teuflisch gut

Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie zweiter Teil

Theater:Deutsches Nationaltheater Weimar, Premiere:03.10.2026Regie:Stas Zhyrkov

Das DNT Weimar zeigt „Faust. Der Tragödie zweiter Teil“. Die Inszenierung von Stas Zhyrkov bringt den Klassiker auf unterhaltsame wie gewitzte Weise in die Gegenwart. 

Wenn schon Goethe (und Schiller) auf dem Sockel vorm Theater stehen, dann gehört der „Faust“ natürlich drin auf die Bühne. Sogar als immer wieder neu zu befragender Dauergast. Weimar ohne Goethe oder das Nationaltheater ohne Faust, das wäre Thüringen ohne Bratwurst. Noch hält der bildungsbürgerliche Konsens in Sachen Faust ja. Es gehört zu den vielen neuen (und guten) Ideen des neuen Dreierteams an der Spitze des DNT, den geerbten „Faust I“, den Jan Neumann 2024 inszeniert hat, zur Eröffnung der zweiten eigenen Spielzeit mit „Der Tragödie zweiter Teil“ zu komplettieren oder auch zu konfrontieren.

Auf dem Programmheft steht unter dem Titel „Eine Herausforderung für das Theater von Johann Wolfgang von Goethe“. Das ist schon mal der erste Treffer dieses Abends, bei dem man sich „wie wahr“ denken und schmunzeln kann. Goethe selbst hielt sein Opus magnum für eine Überforderung seiner Zeitgenossen. Er hat es nie auf der Bühne gesehen.

Krunoslav Šebrek liegt auf den Boden. Über ihm knien vier weitere Darsteller:innen, strecken ihre Hände zu seinem Körper.

V.l.n.r.: Jonas Götzinger, Mona Zarreh Hoshyari Khah, Rosa César Waschke, Jonathan Gaspar Walldorf und Krunoslav Šebrek (liegend). Foto: Candy Welz

Krieg und Klassiker

Der Abend selbst, den Stas Zhyrkov (Regie), Jan Hendrik Neidert (Bühne) und Lorena Díaz Stephens (Kostüme) präsentieren, vielmehr entfesseln, ist ein Volltreffer. Da auch viel von Krieg die Rede ist, passt der Begriff. Es ist aber einer, der nicht verärgert oder irgendjemanden in die Flucht schlägt, sondern der als opulenter, klug verdichteter, sinnlicher und sich obendrein immer wieder selbst reflektierender Theaterabend beglückt.

Mit publikumsfreundlichen, reichlichen drei Stunden bleibt es tatsächlich bei der Herausforderung und wird nie zur Überforderung. Zu zehnt teilen sich das fabelhaft aufspielende Weimarer Mimenensemble fast dreimal so viele Rollen für die von Mephisto ja einst versprochene Reise durch die Große Welt und durch die Zeiten.  Damit es nicht zu bildungskleinteilig wird, bleiben sie gleichwohl immer mit einem Bein und als Schauspieler, die diese Herausforderung annehmen, auch in unserer Gegenwart und der des Theaterspiels, das sie gerade veranstalten.

Aber selbst da, wo der ukrainische Regisseur direkt die Kriegserfahrung seiner Heimat einfließen lässt, wird das nicht platt. Dass Helenas (eine von drei Rollen von Dascha Trautwein) und Fausts Sohn Euphorion (Jonas Grötzinger) gegen den Rat seiner Eltern zwar nicht Richtung Sonne fliegen, dafür aber in einen Krieg ziehen will und dessen kämpferisches Personal wie aus den aktuellen Fernsehnachrichten uniformiert ist, macht Sinn. Auch, dass sich der Teufel einen dazu feixt. Wunderbar, wie der Mephisto Sebastian Kowski in der geborgten Gestalt als fiese Gouvernante im weißen Kostüm davor Helena umstöckelt hatte, um sie Faust in die Arme zu treiben.

Herausforderung angenommen

Sebastian Kowski und Krunoslav Šebrek sind das Kraftzentrum des Abends und eine Show für sich. Der mephistoerfahrene Kowski fängt auch diesmal als Mephisto an, eigentlich aber als Moderator und Regisseur. Wunderbar, wie er mit der neuen Empfindsamkeit seiner Leute umgeht und die das selbstironisch auf die Schippe nehmen. Schön, dass da einer Kuh- und nicht Hafermilch in seinen Kaffee will. Wenn es dann zur Erfindung des Papiergelds an den Kaiserhof geht, taucht ein kleiner, rundlicher Marx auf und gesteht Goethe gerne zu, etwas erfunden zu haben, für das er jetzt verantwortlich gemacht wird. Das ist schon ein dialektischer Witz höherer Ordnung.

Dass Wagners Erfindung des Homunkulus eine Vorahnung der Künstlichen Intelligenz ist, liegt deutlicher auf der Hand, als uns allen lieb sein kann. An einer überlangen Tafel (!) tauschen dann die beiden Welt- und Zeitreisenden ihre Rollen. Sie sind eh zwei Seiten einer Person. Und das spielen sie jetzt aus. Der eine ist so brillant, wortmächtig und dabei doch für die Gegenwart durchlässig wie der andere. Jeder in beiden Rollen. Hinter diesem Tisch wird auch originell scheppernd wie Puppentheater der Krieg nachgespielt, der dem alternden Faust als Lohn den Küstenstreifen als Lehen einbringt, an dessen Trockenlegung er sich dann übernimmt. Dass dieser Faust sich über das brutale Ende von Philemon und Baucis aufregt, ist nur noch blanke Heuchelei. Vom Slapstick mit Hintersinn geht es in den mit surrealen Gestalten bevölkerten Alptraum der Hybris eines Weltbeherrschers ohne moralisches Maß. Und in seiner Blindheit ohne den Blick auf sein nahendes Ende.

Bei allem entfesselten szenischen Drumherum baut die Inszenierung vor allem auf das gesprochene Wort. Auf die überlieferten Verse Goethes, ohne dass die je verstaubt wirken würden. Vor allem aber auf die Zukunftsoffenheit seiner Ausnahmedichtung. In Weimar ist sie genau in den richtigen Theater-Händen. Der Jubel am Ende lässt sich übersetzen: Herausforderung glänzend bewältigt!