Aufführungsfoto von „Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“ von Tiago Rodrigues am Theater Bremen. Ein Mann im blauen Anzug steht links hinter einem Haufen Sandsäcke, rechts um einen Tischgruppiert stehen andere Menschen, die im zuschauen.

Hat der Faschist das letzte Wort?

Tiago Rodrigues: Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten

Theater:Theater Bremen, Premiere:02.10.2026Regie:Alize Zandwijk

„Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“ von Tiago Rodrigues wirft die Frage auf, wie wir damit umgehen, wenn rechtspopulistische Parteien mehrheitsfähig werden. Die herausfordernde, differenzierte Inszenierung von Alize Zandwijk am Theater Bremen provoziert dabei das Publikum zum Widerstand.

Bremen – am Ort der aktuellen Bundesratspräsidentschaft feiern die Bewohner mit prognostizierten 450.000 Besuchern den Tag der Deutschen Einheit. 36 Jahre nach der Wiedervereinigung erscheint die Bundesrepublik als zerrissenes Land. Da soll ein Familienfest helfen. Mit Riesenrad, Hangelparcours, Artistik-Show, Bratwurst und Mitsing-Konzerten. Bremen präsentiert sich als Ort für Fischbrötchen und Raketentechnologie. Sachsen-Anhalt ist nach dem Wahlsieg der AfD mit dem Motto „modern denken“ präsent.

Um demokratisches Miteinander zu retten und zukunftssicher aufzustellen, könnte zumindest die dramatische Kunst wirkungsmächtig auftreten. Nennenswert beteiligen sich am Abend des 2. Oktober nur zwei Theater. Die Bremer Shakespeare Company (BSC) behauptet mit einem Ausschnitt aus „Romeo und Julia“, dass verfeindete Bevölkerungsgruppen wie die Capulets und Montagues auch zueinander finden können. Anschließend dokutheatert die BSC mit Akten aus dem Staatsarchiv, wie die Freie Hansestadt Bremen 1947 wieder ein demokratisch verfasstes, eigenständiges Land wurde. Spannend. Noch besser machte es das Theater Bremen mit der Premiere „Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“ von Tiago Rodrigues. Konkret wird darin der für eine Einheitsfeier eminent wichtige Diskurs geführt, wie damit umzugehen ist, dass rechtspopulistische bis rechtsextreme Politik mehrheitsfähig geworden ist. Umso erstaunlicher, dass diese Aufführung gar nicht ins offizielle Einheitsfeierprogramm aufgenommen wurde.

Rache = Gerechtigkeit

Ausgangspunkt ist ein Mord in Portugal. 1954 wurde die Tagelöhnerin Catarina Eufémia von der Nationalgarde der Salazar-Diktatur getötet. In Erinnerung daran lässt der Autor eine stramm antifaschistische Familie im Namen aller Unterdrückten jedes Jahr einen Faschisten entführen und töten. Fortwährende Rache wird als Akt der Gerechtigkeit verstanden. Und als Akt, der vor Schlimmerem schützt. Anknüpfend an die Historiker-Debatte, ob ein früh gelungenes Hitler-Attentat den Holocaust hätte verhindern können. Die Bühne (Thomas Rupert) ist für die Diskussion der Gewaltfrage als Stahlbunker hergerichtet – mit Ausblick auf toten Wald. In blutverschmierter Kleidung tritt das Todeskommando zu ihrem jährlichen Ritual an. Das gerade jetzt wichtig sei, wie es heißt, da Faschisten wieder eine Wahl gewonnen hätten, den Staat entdemokratisieren und das Internet nur noch per patriotischem Algorithmus zugänglich machen wollen.

Aufführungsfoto von „Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“ am Theater Bremen. Ein Mann steht auf einem Tisch und hält eine Pistole nach unten. Um den Tisch sitzen vier Menschen, eine Person steht.

„Catarina oder von der Schönheit, Faschisten zu töten“ mit Ferdinand Lehmann, Susanne Schrader, Karin Enzler, Levin Hofmann, Irene Kleinschmidt, Guido Gallman. Foto: Jörg Landsberg

Auch wenn die Familie mit Waffen wie eine Guerilla-Einheit posiert, ist sie keine verschworene, sondern eine zerstrittene Gemeinschaft. Wie eine RAF-Terroristin feiert die Mutter Isabel (Susanne Schrader) die Morde als notwendigen politischen Widerstand, da Demokratien keine Mechanismen hätten, den Faschismus zu bekämpfen. Wer dies nicht tue, sei Mittäter. Eine Tochter übernimmt den dogmatischen Furor beim Thema Veganismus. Auch ihr Bruder ist selbstverständlich gegen Rechts, zitiert gern Brecht, macht aber auch Geschäfte mit Faschisten, wenn es sich für ihn finanziell lohnt. Der andere Bruder kocht zur Exekution traditionell Schweinsfüße mit Koriander.

Ode an die Zweifel

Regisseurin Alize Zandwijk tariert die Rollenzuschreibungen der Thesenträger exzellent aus, formt ein intensiv interagierendes, Ambivalenzen, psychologische Unter- und Obertöne der Figuren erkundendes Ensemble. Und inszeniert das Rededrama als eine Ode an die Zweifel. Die bringt Sara (Emma Floßmann) ein. Während alle anderen nur verlautbaren, denkt sie schutzlos hin- und hergerissen nach. Und weigert sich schließlich, Täterin zu werden. Für die Demokratie kämpfen bedeutet für sie nun, „mit den Menschen reden, die die Faschisten wählen. Die sich ausgeschlossen fühlen, deren Stimme kein Gewicht hat. Ihnen klarmachen, dass sie manipuliert werden.“

Ein Knalleffekt, für den dann auch ein Luftballon zerplatzen muss. Dass das aber die moralisch richtige Haltung sei, deutet die Regie mit heiligender Chormusik an. Was aber alles nicht hilft. Irgendwie bringen sich plötzlich alle gegenseitig um. Sodass der bisher stumme Faschist das Reden übernimmt – ganz leise, in freundlich entspannter, zugewandter Art artikuliert Manolo Bertling im überdeutlich blauen Anzug die menschenfeindliche Agenda der neuen Rechten. Legt deren Rhetorik, Argumentationsmuster und Motive bloß. Wortwörtlich kommen Positionen aus AfD-Parteiprogrammen zu Gehör. Schwer zu ertragen.

Europaweite Provokation

Aber das ist leider die Realität, zu der man sich ins Verhältnis setzen muss. Was schon bei vielen Aufführungen des Stücks europaweit als Provokation wahrgenommen wurde, die nun auch im Bremer Zuschauerraum nicht unbeantwortet bleibt. Zwischenrufe wie „es reicht“, „hör auf zu lügen“, „halt die Fresse“ lassen Bertling kaum zwei Sätze nacheinander sprechen. Jemand aus dem Publikum will auf die Bühne stürmen, andere singen das italienische Partisanenlied „Bella ciao“.

Zwischen Parkett und Rang wird weiter hin und her gepöbelt, ob mit der Spiegelung rechter Meinungsmanipulation fortgefahren oder diese eben unterbunden werden soll. Die Empörung und Wut richten sich zunehmend gegen den Schauspieler – „pass auf, dass du nicht gleich eine Flasche an den Kopf kriegst“. Dabei sollte diese Energie doch mit aus der Vorstellung genommen und in Aktivitäten gegen Rechts eingesetzt werden. Es wirkt kleinmütig, sich in der Schutzzone eines Theaters auszuleben und dieses als „Übefeld“ zu definieren. Nun ja, Bertling bringt den Monolog tapfer zuende. Ein Großteil des Publikums spendet Standing Ovations. Und der Kritiker meint: Das Theater Bremen zeigt sich mit dieser differenziert ausgearbeiteten Inszenierung künstlerisch von seiner besten, inhaltlich von seiner herausfordernden Seite. Sozusagen als Gegenpol zur Friede-Freude-Einheits-Propaganda der Feierei drumherum.