Aufführungsfoto von „Das Deutschlandherz“. Ein Mann in blau-weißer Uniform und einem roten Notizbuch in der Hand reißt den Mund auf. Eine Frau in einem weißen Kostüm mit weißem Hut steht daneben.

Schienen-Splatter

Bonn Park: Das Deutschlandherz

Theater:Schauspiel Frankfurt, Premiere:02.10.2026 (UA)Regie:Bonn Park

Regisseur Bonn Park blickt in der Uraufführung seines neuen Stücks „Das Deutschlandherz“ am Schauspiel Frankfurt tief in die Seele Deutschlands: eine unterhaltsame, bisweilen aber auch dröge, Horrorgeschichte.

Der Untergang des Landes spiegelt sich im und manifestiert sich am Zustand der Deutschen Bahn: Das ist der ebenso plakative wie unmittelbar einleuchtende Ausgangspunkt für das neue Stück des auch regieführenden Autors Bonn Park, das den Titel „Das Deutschlandherz“ trägt. Das Herz wird bluten, und das ist nicht bloß sinnbildlich gemeint.

Der letzte Zug

Die guten Zeiten sind vorbei, auch wenn nicht näher erläutert wird, warum Naömi, Waltor und Richord sich am Bahnhof treffen, um mit dem letzten Zug Deutschland – bei Bonn Park wie schon bei früheren Gelegenheiten stets: das Deutschland – zu verlassen. Zunächst funktioniert nichts, aber auf eine vertraute Weise: Die Anzeigetafeln gehen nicht, keiner kennt die Uhrzeit und das Abfahrtsgleis. Und als endlich doch noch eine Durchsage erfolgt, sind die entscheidenden Stellen nicht zu verstehen. Auch weil Ausstatterin Sina Manthey für die Kammerspiele des Schauspiels Frankfurt eine so prächtig jammervolle Provinzbahnhofshalle gebaut hat, ist das plastisch, witzig und böse.

Aber auch darüber hinaus stimmt hier einiges nicht. Der Bahnmitarbeiter, der immer mal wieder aus einer der verrammelten Türen oder einem Gepäckschrank auftaucht, gerät leicht in Rage. Andreas Vögler schreit, beruhigt sich, schreit, beruhigt sich. Gelegentlich singt er einen Song. Die Kleidung der drei jungen Leute ist so weiß, wie die Geisterräder, die an deutschen Straßen an Verkehrstote erinnern. Rokhi Müller, Steffen Link und Mitja Over bewegen sich mit einer unterdrückten Panik, die sie steif macht und ihre Mienen einfriert. Die auch über die Eigennamen hinausgehenden Vokal-Irritationen in Bonn Parks Text sprechen sie lakonisch, aber deutlich aus. Ben Roesslers Musik dazu: pulsierend, grollend.

Grusel am Gleis

Wie der Schaffner wird das Trio im Verlauf der 80 pausenlosen Minuten eine äußere Veränderung durchmachen. Die grünlichen Stoffteilchen, die nach und nach an den weißen Kleidern haften, sind offenbar ein Schimmelpilz. Die große Bahnhofsuhr war zu Beginn des Abends noch superpünktlich. Nachher läuft sie rückwärts. Sodass man kurzum bald begreift, dass dies nicht nur ein deutscher Bahnhof, sondern auch der Schauplatz einer Horrorgeschichte ist. Und dass das Leiden an „dem Deutschland“ nicht nur ein seelisches und nervliches ist. Der Schimmelpilz greift um sich, rette sich, wer kann.

Aufführungsfoto von „Das Deutschlandherz“. Drei Personen, weiß gekleidet, sitzen stoisch nebeneinander.

Uraufführung von „Das Deutschlandherz“ von Bonn Park mit Rokhi Müller, Steffen Link und Mitja Over. Foto: Robert Schittko

Bonn Park, 1987 in Berlin geboren, in Deutschland und Südkorea aufgewachsen und seit seinem Stück-Debüt 2011 als Dramatiker, Regisseur und gelegentlich Filmer tätig, hält jedoch mehr als einen Ball in der Luft. Das Publikum hört zu, wie das „Deutschlandherz“ im Jahre 2026 so tickt: Unzufrieden, sorgenvoll, larmoyant, aber auch rücksichtsvoll gegeneinander, aber auch immer für einen raschen Alltagsrassismus und die eine oder andere Ausgrenzung zu haben. Dafür schämt man sich dann gleich wieder und entschuldigt sich.

Verzerrte Gegenwärtigkeit

Naömi als die, die nicht so aussieht, wie viele Deutsche sich andere Deutsche vorstellen, könnte aus Sicht ihrer Freunde sogar bessere Fluchtchancen haben. Jedoch läuft es auf Theater-Splatter hinaus, blutig, aber ohne Versteckspiel geboten. Im Gegenteil: Man sieht einmal in Ruhe die kleinen Behältnisse mit roter dicker Farbe, die in solchen Momenten zum Einsatz kommen.

In Text und Spiel liegen Witz, aber nichts Rasantes. Im Gegenteil wirkt das sogar manchmal dröge. Das ist riskant, aber es hat Methode und Sinnlichkeit. Zur guten Unterhaltung, die mit einer unheimlichen Geschichte einhergeht, gibt Bonn Park eine verzerrte – leicht verzerrte – Gegenwärtigkeit. Diese kann sich auch eine ganze Weile um den schlechten Zustand von Bahnhofstoiletten drehen. Noch dazu kosten die, aber es gibt immerhin diesen Wertecoupon, den man allerdings nicht so einfach einlösen kann. So steckt die Tücke im Detail. Nein, sie steckt überall drin. Während alles den Bach runtergeht.