Der Schein trügt
Aber dieses Folklore-Idyll trügt. Birgit Simmler setzte in ihrer Einrichtung des regionalen Sujets einen bemerkenswerten Coup. Bei Karl May und in der ersten Karl-May-Verfilmung der DDR von 1986 geht es um die ausbeuterische Industriellenfamilie Seidelmann, in deren Eigentum sich die wesentlichen Produktionsmittel häufen. Bei Simmler gibt sich der in der Sache „Buschgespenst“ ermittelnde Privatdetektiv Franz Arndt selbst als frühere Frau des Manufaktur-Inhabers Martin Seidelmann zu erkennen. Franziska/Franz wurde von Seidelmanns zweiter Frau Sophie brutal entfernt. Einen leeren Sarg ließ Sophie beerdigen und gab danach den kleinen Sohn der abgetauchten Franziska als den ihren aus. Die Konflikte zwischen dem Sohn Fritz und der von ihm unerwidert geliebten Musterzeichnerin Angelika werden zum Austragungsanlass der Diskurse über Lohnabhängigkeit, Machtmissbrauch und frauliche Selbstbestimmung, vor allem bei der Partnerwahl.

v.l.n.r.: Marc Trojan (Eduard Hauser) und Annika Steinkamp (Angelika „Engelchen“ Hofmann). Foto: Photoron / Ronny Küttner
Dieser Beziehungsstrang bestimmt den ersten Teil bis zur Pause mit einer für die Gattung Musical bemerkenswert facettenreichen Figurenzeichnung. Annika Steinkamp ist als „Engelchen“ Franziska keineswegs das passiv-blonde Wesen unter blütenweißer Arbeitsschürze, sondern bietet allen kräftig Paroli. Als eindimensionale Figur wirkt eher ihr Lover Eduard Hauser. Marc Trojan spielt die holzgeschnitzte Starre Eduards entsprechend aus. Die beiden anderen wichtigen Männer verbergen bei Simmler ein gebrochenes, aber mit üppigen Finanzpolstern gut gewappnetes Herz. Der Sohn nach außen deutlich: Chris Green gibt Fritz als einen in die Industriediaspora verschlagenen Salon-Melancholiker an. Eher zurückhaltend zeigt sich das auch am Vater Martin Seidelmann, der durch den sonoren Dialog-Duktus von Laszló Varga ebenso wenig ein typisch kapitalistischer Finanzmogul ist.
Vielbeschäftigtes Ensemble
Was für eine Dialektik aus Macht, Verantwortungsdilemma und bourgeoiser Notkriminalität! Der Bergstollen wirft nach einem Todesunfall kaum noch etwas ab, sichert aber zahlreiche Arbeitsplätze. Durch die finanzstarke Weberei hält der Eigentümer Martin Seidelmann diesen am Laufen – und durch die Schmuggelaktionen nach Böhmen. Zsófia Szabó gestaltet die Mühlenbesitzerin Wilhelmine in koboldartiger Leichtigkeit. Und Leander de Marel als Schachtmeister Laube ist Publikumsliebling. Das Bewegungsensemble, die Komparserie (Susi Žanić) und der Opernchor (Leitung: Kristina Pernat Ščančar) durchlaufen eine Vielzahl von Aufgaben.
Äußerst gelungen bewältigt Jan Holtappels in seiner Personenregie den heiklen Spagat zwischen prägnanter Stärke der Bewegungen und dem gelungenen Feinschliff an den Texten. Es ist Holtappels Verdienst, dass aus Mays durch massive Handlungsfülle zwangsläufig grobschlächtigem Plot doch eine emotionale Anteilnahme für die Figuren springt. Simmler dagegen befeuert in ihrem Text mehr die dualistischen Kontraste: gutes Leben contra Überleben, Geld und Macht contra Liebe, drastischer Schein contra ethischer Hintergrund.
Ben Toth gibt in seinem Score erst Zucker und dann ganz viel kompositorisches Salz. Als Einpeitscher und Rausschmeißer lässt der musikdramatisch bemerkenswert gekonnt vorgehende Komponist die Steigerhymne „Glück auf!“ mit trügerischer Helle schmettern. Aber die Komposition zeigt unter der musikalischen Leitung von Markus Teichler noch größere Meriten. Eindeutig bekennt sich Toth mehr zu Sondheim und „The Black Rider“ als zu Wildhorn und Webber. Vor der Premiere zeichneten Intendant Moritz Gogg und Anke Hamann, Kulturbeigeordnete des Erzgebirgskreises, eine für das Erzgebirgische Theater wesentliche Person mit der Theater-Ehrenmitgliedschaft aus. In den Nachwendejahren hatte sich Rolf-Jürgen Schubert, heute Vorstandsvorsitzender des Fördervereins des Eduard-von-Winterstein-Theaters, maßgeblich für das kleine Haus in Südsachsen in der Grenzregion zu Tschechien eingesetzt. Ohne seine Initiativen würde es das von der Bürgerschaft Annaberg-Buchholz 1893 eröffnete und seit 20 Jahren immer wieder mit international gerühmten Musiktheater-Trouvaillen überraschende Theater wahrscheinlich nicht mehr geben.
