
Mönche mit dem Rücken zur Wand, ihre Gewänder mit schwarzen Buchstaben versehen. Foto: SF/Monika Rittershaus
Die Felsenreitschule als dritter Akteur
In dieser mit Beifall bedachten Produktion kommt auch der Ort, die Felsenreitschule, als ein Drittes im Bunde dazu. Dieser Saal mit den in Stein gehauenen Arkaden und seiner archaischen Raumwirkung hat sich im Grunde neben dem Großen Festspielhaus und dem Haus für Mozart auch akustisch schon oft als ein „Haus für die Moderne“ bewährt. Die von Maxime Pascal mit äußerster Präzision geleiteten Wiener Philharmoniker füllen nicht nur die volle Breite des Grabens. Der wird links und rechts mit den Podesten für die Schlagwerkgruppen noch verlängert, was dem besonderen Raumklang zugutekommt, der auf diese Weise zustande kommt.
Man kann genießen, was hier an Farben aufscheint und staunen über das exotische Raffinement des Vogelstimmenexperten Messiaen, der die Musik zwischen zwitschernder Natur, einem breit dahinfließenden Leidens- und Erlösungsparlando und dem Streben nach himmlischen Tönen oszillieren lässt.

Ein Engel kniet mit erhobenem Flügel und rotem Stab, den Körper von schwarzer Farbe gezeichnet. Foto: SF/Monika Rittershaus
Der 800. Todestag des Heiligen Franziskus ist ein guter Grund diese 1983 in Paris uraufgeführte dreiaktige Oper in acht Bildern aufzuführen. Auch wenn sie schon der puren Länge wegen (in Salzburg werden es durch zwei lange Pausen sechs Brutto-Stunden!), dem Orchester- und vor allem Choraufwand und nicht zuletzt für die Zuschauer eine ziemliche Herausforderung ist. Für Festspiele wie Salzburg passt das aber. Hinzu kommt die Erinnerung an die hoch gelobte Vorgängerinszenierung von Peter Sellars aus dem Jahre 1992, die sogar 1998 wieder aufgenommen wurde.
Castellucci hat einige Erfahrung mit religiös grundierten Musiktheater-Exerzitien. Sein Brüsseler „Parsifal“ 2011 war dabei noch ein szenischer Volltreffer. Bei seiner Matthäuspassion in den Hamburger Deichtorhallen dominierte schon eine Bildästhetik, die sich auf Assoziatives beschränkte und nur mit Erklärung zu verstehen war.
Nacktheit, Körperlichkeit und ein stummer Anfang
In Salzburg ist der Einstieg in die Geschichte des Heiligen stumm und fast banal. Doch was aussieht wie der Besuch einer Galerie entpuppt sich als der Abschied von Franziskus von seinen Eltern und der Eintritt ins Kloster. Philippe Sly zieht sich dazu nackt aus und legt ein Gewand an, das bis zum Ende einiges mitzumachen hat. Denn viele Episoden werden nicht nur im getragenen Parlando gesungen, sondern auch durch exzessive Körperlichkeit beglaubigt, bei der Sly noch mehr überzeugt, als mit seinem Gesang.
Aus einer Anlage in der Höhe geht zu Beginn ein feiner Regen in die Tiefe, der in der Salzburger Hochsommerhitze zumindest die Illusion von Kühlung mit sich bringt. Das wird aber durch das Backen von Broten in zwei großen Öfen wieder kompensiert. In das, was die Mönche an ihren Töpferscheiben an Gefäßen drehen, tritt der seltsame Besucher mit dem vergoldeten Fuß und der vergoldeten Hand wieder ein, der ganz grundsätzliche Fragen an die Mönche stellt. Was ist schon vergängliches Menschenwerk gegen die großen Fragen nach der Wahrheit und dem Glauben.

Franziskus stemmt sich gegen einen leuchtenden Balken vor den Arkaden der Felsenreitschule. Foto: SF/Monika Rittershaus
Zum Füllen der Bühne braucht Castellucci ansonsten keinen Kulissenzauber, wenn man mal von der kopfstehenden Großstadt absieht. Da sie auf ein Riesentuch gedruckt ist, ist klar, dass sie irgendwann heruntergerissen wird. Besonderen Effekt macht es, wenn unzählige Vögel vom Himmel fallen, denen Franziskus ja angeblich predigte. Hier überleben sie das (oder den Klimawandel?) nicht. Die künstlichen Piepmätze zappeln zum Teil sogar noch, wenn sie schon am Boden liegen. Auch ein leibhaftiger Wolfshund, ein weiblicher Pfau und eine kleine Schafherde haben ihren Auftritt.
Choreografin Yasmine Hugonnet hält ansonsten ein halbes Dutzend Engel und ein weiteres Halbdutzend Brüder auf Trab. Berührend ist der Auftritt des Aussätzigen. Dem körperlich ausgemergelten alten Mann, der ihn spielt, leiht der in Engelsweiß gekleidete Sean Panikkar seine Stimme. Lauranne Oliva darf als Engel engelsgleich singen. Dass die Engel bluten, wenn ihnen die Flügel abgerissen werden, gehört zu Erkenntnissen, die man neben vielen Fragen aus dieser Vorstellung mitnehmen kann. Und den Eindruck von einer eigenen Wahrheit von Musik.
