Diese in „König Roger“ nicht übernommene Szene greift der in jeder seiner Musiktheater-Inszenierungen mit unspektakulärer Subtilität arbeitende Andreas Wiedermann fast beiläufig auf. Es bleibt also bei der unbeholfen flüchtigen Geste eines Königs und Mannes, dessen Blut- und Waffenträume den Tadel von dessen Frau Roxane finden. Szymanowski braucht für diese ambivalente Dystopie in drei kurzen Akten nur 85 Minuten voll hymnischer und ekstatischer Musik.
„Pocket-Einrichtung“
Librettist und Komponist ergreifen keine Partei für den charismatischen Hirten oder den auf sein Gesellschaftsgebäude vertrauenden Roger. Szymanowski reflektierte an der kinderlosen Ehe Rogers auch die eigene queere Befindlichkeit. Eine einzelne Inszenierung kann die disparaten Bedeutungsakzente dieser Partitur, die Szymanowski für sein unübertreffbares Hauptwerk hielt, nicht einfangen. Aber auch die szenische Priorisierung von Einzelaspekten wäre gefährlich und arglos. Was also tun?
Die erste szenische Aufführung in München wird trotz der „Pocket-Einrichtung“ mit dem fantastischen Chor zu einer Glanzleistung im richtigen Raum. Die Betonwände im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst werfen alle Klangmassen schneidend zurück. Sie lassen die Personenstärke und die Solostimmen weitaus größer klingen, als sie tatsächlich sind. In einem solchen Ambiente kommt Ernst Bartmanns trickreiche und viele Detailfarben aus dem originalen „Salome“-Orchester bewahrende Schrumpfung locker mit nur 14 Musizierenden aus.
Klare Bilder
Aylin Kaip setzt im Gerüst von Anton Empl unter einem großen Aluminium-Strahlenkranz mit Glasröhren auf klare Bilder. Das ist die den Raum dominierende Krone Rogers. Darunter stehen teilbare Tische in Form eines Altars. Der Chor agiert in Kaips roten Mänteln – und er zelebriert das byzantinische Gotteslob mit Sektkelchen. Eleganz und offene Rituale machen den religiösen Kult zur selbstgefälligen Feier. Diese Gesellschaft hat alles. Hinter den glanzvollen Ritualen ist vieles möglich. Und deshalb wächst in der Gewissheit des Wohlstands nur zu deutlich die Sehnsucht nach neuen Abhängigkeiten. Das steigert sich hier zur theatralen Paraphrase über Wohlstandsverdrossenheit, ausgehöhlten Gemeinschaftssinn und entsolidarisierenden Hedonismus.

„König Roger“ von Karol Szymanowski im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in der Regie von Andreas Wiedermann. Foto: Aylin Kaip
Zu Beginn liegt Roger auf dem Altar und dekoriert sich als erster Mann im Staat. Die Massen zetern erst, fliehen dann aber aus Rogers Welt der elaborierten Rituale in eine enthemmte Lust ohne Reglements. Am Ende wird er dem in weißer „Nacktheit“ auftretenden Hirten kurze Zeit ähnlicher, bekennt sich dann aber doch seiner eigenen Haltung. Wiedermann priorisiert weder den Kling noch den Hirten. So wird Roger nicht zum Verlierer und dafür zum eigentlichen Gewinner, der Hirte im Gegenzug zur fast hässlichen Projektionsfläche. So zeigt Wiedermann nach einem geschickt entwickelten Beginn, wie erotische Entfesselung und Permissivität für kollektive Knebelakte bestens nutzbar werden. Dan Chamandy wächst als Edrissi am durch ihn starken Rand des Geschehens vom Stichwortgeber zum philosophischen Beobachter.
Strahlende Höhenfluten
Ist die Figur im Kinderwagen der Königin Roxane ihr Säugling oder das Symbol ihres unerfüllten Kinderwunsches, den sie in einer brutalen Aufwallung zerreißt? Annika Sandberg singt strahlende Höhenfluten und macht deutlich, dass die Figur an mehr als sexueller Frustration leidet. Aber Wiedermann zeigt nicht die Selbstoffenbarung des Hirten als Gott Dionysos im Amphitheater von Syrakus. Dafür greift die Inszenierung mit der klaren Choreografie eines Anti-Mysterienspiels nach von Szymanowski und Iwaszkiewicz subversiv verdrehten Motiven aus der christlichen Religion. Den nur zu Beginn auftretenden Erzbischof verkörpert Robson Bueno Tavares wenig vertrauenserweckend. Marco Antonio Rivera zeigt den Hirten mit Mut zum Unschönen als bedürfnislosen Wüstenheiligen. Matthias Bein als Roger dagegen gibt eine ihre Virilität disziplinierende Prachtgestalt, die mit seinem imponierendem Bariton Gewaltfantasien zu gesellschaftstauglichen Zwecken bändigen will.
Wiedermann und die Opera Incognita nutzten Szymanowskis diffuse Anliegen für eine Bühnenparabel über ein von widerwilliger Ablehnung in haltlose Willfährigkeit kippendes Gemeinwesen. Roger als um hohe Ideale ringende Führungsspitze kann das nicht verhindern. Trotzdem entsteht der positive Schlussakzent aus seiner Neujustierung: Roger bringt sich doch nicht um, legt den Herrscherornat ab und findet zu sich. Vor allem aber meißelt dieser spannende Opernabend aus Szymanowskis vergrübeltem Schwulst eine Studie über kollektiven Wankelmut – ohne Anklage und mit deshalb hoher Brisanz.
