Derartige Anwandlungen zum Regionalfestspiel stehen aber ab sofort unter einem anderen Stern: Während dieser Premiere manifestieren sich etwas weiter nordwestlich – in Sachsen-Anhalt – die Wahlergebnisse. Der regionale Fokus, ob glorifizierend oder mit liebevoller Schärfe, hat jetzt als chimärisches Politikum noch mehr Explosivpotential. Ingolf Huhn inszeniert das „Vogelhändler“-Muster paraphrasierende Werk korrekt vom Blatt. Die Bergarbeiter-Folklore gipfelt in Auftritten des Bergmusikkorps „Frisch Glück“ aus dem Ortsteil Frohnau, ansonsten kreiert Tilo Staudte für die Damen und feineren Herren viel Biedermeier à la Moritz Schwind und Carl Spitzweg.
Wer kann, der kann: In fast jeder Musiknummer des ersten Akts tanzt der Chor. Sigrun Kressmann hat ihm und der ergänzenden Chorvereinigung Coruso über Bewegungspräzision ein Schweben vermittelt, das auch die Einstudierung durch Chorleiter Uwe Hanke auszeichnet. Die Folklore sitzt bestens, eigentlich zu gut für diese Handlung, die letztendlich viel drastischer, infamer und letztlich bösartiger ist als die des „Vogelhändlers“. Da wünscht man der Regie mehr von der hinterhältigen Misanthropie, deren Fratze in der Wiener Volktheatertradition bei jeder Abgefinkeltheit und Zuckergoschi-Plätitüde herauslugt.
Wie der Vogelhändler Adam gibt der Obersteiger Martin seiner Geliebten, der Spitzenklöpplerin Nelly, wegen einer neuen Flamme den Laufpass, der Comtesse Fichtenau unter dem bürgerlichen Namen „Julie Fahnenschwinger“. Die will ihn nicht, dafür begehrt ihn aber Elfriede, die Gattin des Bergdirektors Zwack. Elfriede fordert zielorientiert die Scheidung, als sie von der Existenz einer vorehelichen Tochter Zwacks erfährt. Der Obersteiger vergaloppiert sich mit der Idee einer eigenen Musikkapelle, landet pleite auf dem Boden der Tatsachen und gibt sich dann doch mit Nelly als kleinem Glück zufrieden. Die Comtesse bekommt den Fürst Roderich. Am Ende Friede und Freude, weil alles schlimmer hätte enden können…
Wie im „Vogelhändler“ finden sich ähnlich im „Obersteiger“ das Qui-pro-quo zwischen Establishment und (Lebens-)Volkskünstler, auch zwei Diplomaten-Intriganten. Michael Junge und Matthias Stephan-Hildebrandt agieren da etwas unentschieden zwischen Konversation und Karikatur. Musikalisch haben die vielen Alla-breve-Passagen mit den starken Auftakten, die vielteiligen Auftrittslieder, die Stropheneinheiten schmissige Wirkung wie in „Vogelhändler“. Dieter Klug kitzelt das am Pult ohne Forcieren aus der Musik. Akkurat beginnt die Erzgebirgische Philharmonie Aue und wird dann immer kecker. Genüsslich breitet sie selige Sämigkeiten und Schmäh aus, zelebriert so das Halbseiden-Windige des Geschehens. Für die typgerechte Perlenreihe des Ensembles ist das eine genregerechte Basis.
Rund um den Obersteiger Martin von Frank Unger, dessen lyrischer und komödiantischer Intelligenz man es danken muss, dass das berühmte Solo „Sei nicht bös‘“ nicht der eine, sondern nur einer von vielen Höhepunkten des großen Parts ist. Unger dreht die Filouhaftigkeit des Obersteigers, mit der er die Bergarbeiter zum Bummeln anstiftet und Frauensympathien umschichtet, in die Unbedachtheit eines herzigen Taugenichts. Dieser Obermeister seift auf der Höhe und im Fall alle und alles ein. Unger tut das mit einer derart sängerischen Eloquenz, dass sofort die Vertragsangebote aus Graz, Bad Mörbisch und vom Münchner Gärtnerplatz auf ihn niederhageln müssten. Auch wenn er ein ganz anderer Typ ist: Sein glaubwürdiges Strahlen aus Person und Stimme erinnert an den unvergessenen Adolfo Dallapozza.
Kontrastreich spielt und singt Martin Rieck, der andere Tenor des Abends, den Fürst Roderich als blasiertes Fliegengewicht, den die lyrisch-dramatische Comtesse mit nur einem Tonstrahl und ihrer beherzten Resolutheit wegpusten könnte. Aber das tut Bettina Grothkopf nicht, sie gibt lieber die selbstbestimmte Suffragette und zeigt in Dialog und Gesängen ab und an Krallen. Auch Magdalene Voigt stattet als Anti-Soubrette die Spitzenklöpplerin Nelly mit bodenständiger Energie aus. Frauen sind im „Obersteiger“ das starke Geschlecht – Männer das problematische.
In diese Konstellation passt, dass Leander de Marel als Bergdirektor Zwack und Silber-Casanova eher zaghaft unter den Proletarierinnen wildert und Bettina Corthy-Hildebrandt als seine Noch-Gattin Elfriede noch lange keine komische Alte ist: Sie agiert blitzschnell zwischen den Attituden eines Dragoners, einer Gouvernante und eines späten Backfischs.
Eines zeigt die Annaberger Neuproduktion: In der neuen Lust an der alten Operette hat „Der Obersteiger“ gute Chancen zum neuen Erfolg. Der Zynismus, die wetterwendische Handlung und die stellenweise Nestroy abgelauschten Pointen beweisen eine Kontinuität des musikalischen österreichischen Volkstheaters bis kurz vor 1900 auch in, nicht nur neben der Wiener Operette.
