Foto: Stefanie Rhaue in „Twice Through the Heart“ am Theater Hof. © Harald Dietz
Text:Roland H. Dippel, am 22. Juni 2026
Florian Hackspiel inszeniert am Theater Hof einen Doppelabend: Er kombiniert die Oper „Marylin Forever“ von Gavin Bryars mit der Dramatischen Szene „Twice through the Heart“ von Mark-Anthony Turnage. Vor allem das zweite Stück des Abends weiß zu überzeugen.
Die Legende Marilyn Monroe wäre am 1. Juni 2026 hundert Jahre alt geworden – und ist noch immer eine Ikone des 20. Jahrhunderts. Inzwischen sind die Hommagen, intimen Offenbarungen und Augenzeugenberichte über sie Legion: Demzufolge können alle mitreden und mutmaßen über deren ungeklärten Todesanlass im Alter von nur 36 Jahren. Aber was besagen Etiketten wie „Leinwandgöttin“, „Sexsymbol“ oder „Star“ über die als Norma Jeane Baker geborene Schauspielerin wirklich?
Fast jedes neue Stück über Marilyn Monroe lockt mit branding News aus einem schnell erschöpften Leben hinter Rummel, Glamour und Exzessen. Deshalb gerät es immer zur gelinden Enttäuschung, wenn es bei den sattsam bekannten Fakten über eine verletzliche, zerbrechliche und durch Beschleunigung zu stark angegriffene Psyche bleibt. So erzeugt auch die 2015 in Kanada uraufgeführte 75-Minuten-Oper von Gavin Bryars einen schalen Beigeschmack.
Durch den Schmerz
Weitaus packender ist und gelingt das zweite, weitaus kompaktere und brennendere Stück des Abends. In 30 Minuten vertonte der genuine Musiktheater-Komponist Mark-Anthony Turnage für das Aldeburgh Festival 1997 die Sackgasse eines Frauenschicksals. Seine Monologoper „Twice Through the Heart“ ist vergleichbar stark wie Arnold Schönbergs „Erwartung“ oder Strauss‘ expressive Monolog-Schlaglichter in „Salome“ und „Elektra“. Eine namenlose Frau in der Zelle ihrer Untersuchungshaft – hinter Abhöranlagen, Monitor und einer Scheibe. Sie konnte sich bei der Verhandlung nicht artikulieren.
In Reibung an sich selbst brechen in Jackie Kays Text die Frustrationen und wenigen Glücksmomente eines Jahrzehnte währenden Ehemartyriums aus ihr heraus. Ihren Mann hat sie erstochen – jetzt geht es um strengen Strafvollzug oder mildernde Umstände. Turnages Orchester pulsiert, schneidet und treibt die Gedankenspiralen der Figur an, was die Hofer Symphoniker mit dem Dirigenten Peter Kattermann durch gläsern brillanten Furor akzentuieren. Annett Lausbergs Zelle steht unter flächig ungemütlichem Licht. Den Tisch und die wenigen Möbel nutzt Florian Hackspiel mit der Darstellerin zu fast rituell wirkenden Bewegungsfolgen. Psychische Schmerzwellen des Erinnerns an die eigene Tat und die über Jahrzehnte erduldeten Qualen überspülen die Frau, die sich krümmt und am Ende kollabiert.
Sensationelle Musik
Stephanie Rhaue wirkt alterslos. Sie erspielt mit sensiblen Blicken und kleinen Bewegungsakzenten, welche Entbehrungen und Leiden die Figur erträgt, wie sich diese aus Verletzung, Scham und zu lange erstickten Gefühlen herauswühlt und aufbäumt. Das Orchester liefert die subtilen Farben. Rhaue setzt über diesem mit einem klaren Mezzosopran, null Vibrato und inhaltlicher Prägnanz eine das Publikum überwältigende Leistung. Man verbietet sich das Mitleid und hat desto mehr Aufmerksamkeit dafür, wie Rhaue die Ambivalenz zwischen kreatürlicher Angst und Hoffnung auf Entlastung erspielt. Der Affektsprung von „Marilyn Forever“ auf „Twice Through the Heart“ ist gewaltig. Das liegt gewiss nicht an der sensiblen Distinktion der Marilyn-Darstellerin Annina Olivia Battaglia, sondern an der Komposition.

Andrii Chakov (Rehearsal Director), Annina Olivia Battaglia (Marilyn), Markus Gruber (Tritones), Michał Rudziński (Tritones) und Thilo Andersson (Tritones). Foto: Harald Dietz
Gavin Bryars forderte ein Jazztrio auf der Bühne neben einer kleinen Besetzung im Graben. Michael Falk hält das bestens zusammen. Die Partitur entwickelt sich mit distanzierenden Jazz-Andeutungen und satztechnischer Solidität. Die Librettistin Marilyn Bowering lässt Marilyn in einer poetischen Prosa sprechen, aus der man einige O-Töne der Diva erkennt. Der Text hält stabil an der Legendenbildung des 21. Jahrhunderts fest, denn er verrät nicht zu viel und veräußert gewiss keine aufwühlenden Neuerkenntnisse. Marilyns Outfit in Platinblond und Weiß wirkt auch hier charismatisch. Es verbannt alles andere ins graue Dunkel. Der Text bietet keine Begründung für seine wechselnden Perspektiven und Marilyn kann also ganz wunderbar ihr Inneres ausbreiten. Das klingt nach psychischen Mangelerscheinungen und schöpft trotzdem zielstrebig das müde werdende Sensationsappeal aus.
Selbstverständlich elegant
Annett Lausberg lässt in einem Studio mit roten Wänden, Schminktisch, Scheinwerfern und kleinem Podest spielen. Und Hackspiel lässt die Kunstfigur fast undurchdringlich werden. Man kann dieses Marilyn-Double nur bewundern. Von ihrem blühkräftigen hohen Sopran zeigt Battaglia in dieser Mittellagenpartie leider kaum etwas, hat aber eine konditionierte Geschmeidigkeit für das lange als Konversation getarnte Selbstgespräch. Andrii Chakov spielt mit markanter Präsenz einen Filmboss, Marilyns Ehemann Henry Miller. Einen jener toxischen Kerle, die von Marilyn alles verlangen und ihr nichts geben wollen. Das Potenzial neuer Enthüllungen ist aufgebraucht – die Herrengruppe „The Tritones“ mit Markus Gruber, Thilo Andersson und Michał Rudziński sekundiert.
Selbst wenn sich am Ende vier Vermummte der Titelfigur bedrohlich nähern, bleibt die Inszenierung so elegant wie die Partitur. Battaglia macht das Beste daraus. Gerade weil sie keine melodramatisch auftrumpfende Opferfigur darstellt und den psychischen Absturz Marilyns mit intensiver wie unaufdringlicher Selbstreflexion vollzieht. Das Theater Hof spielt in den letzten Jahren regelmäßig neues Musiktheater. Und so merkt man dem gesamten Ensemble an, dass neues Schaffen hier keinen Exklusivitätsstatus hat, sondern selbstverständlich ist. Vorbildlich – denn das Publikum zieht interessiert mit.