„Die Walküre“. Foto: Enrico Nawrath
Musikalisches Sicherheitspaket
Das Risiko, das dabei eingepreist ist, wird gemindert durch ein musikalisches Sicherheitspaket. Dafür liefern das Haus selbst, das Orchester und sein Dirigent sowie ein handverlesenes, festspieladäquates Ensemble die Beiträge. Christian Thielemann ist nicht nur einer der unbestrittenen Referenz-Dirigenten für Wagner und seinen Ring-Vierteiler. Er kennt auch das besondere Haus wie kaum ein anderer und macht dessen Vorzüge musikalisch nicht nur zu Rhein-, sondern zu Ringgold. Vom Vorspiel bis zum Finale erfüllt er alle Erwartungen.
Dabei hat er ein instinktsicher ausgewähltes Ensemble auf seiner Seite. Der festspielerfahrene Klaus Florian Vogt ist als Loge, Siegmund und zweimal Siegfried der der zu Recht bejubelte Marathonmann der Produktion. So, wie Michael Volle mit jedem Ton seine Stellung als Weltklasse-Wotan beweist und Camilla Nylund als Brünnhilde überzeugt. Da sind aber auch Anna Kissjudit, Christa Mayer oder Gerhard Siegel und alle anderen. Sie können sich hören lassen und wenn man sie ließe, dann könnten sie sich auch mit ihrem Spiel sehen lassen.
Geschichte der Ring-Inszenierungen
Aber damit hat die bildergenerierende KI ein Problem. Schon die egalisierenden Fantasie-Kostüme von Pia Maria Mackert verzichten bewusst auf individuelle Charakterzeichnungen. Sie sollen das singende Personal in den KI-generierten Bildwelten verschwinden lassen, mit der die beiden bühnenfüllenden Gazevorhänge permanent geflutet werden. Das Ensemble muss sich also gegen eine Inszenierung behaupten, die gar keine ist.
Erst im zweiten Aufzug der „Götterdämmerung“ hat man den Eindruck, dass die Sänger (ganz wortwörtlich) ins rechte Licht gesetzt und sichtbar gemacht werden. Außerdem wird der Inszenierung da (etwa bei Siegfrieds Rheinfahrt und beim Trauermarsch) das Wort beziehungsweise das Bild entzogen, indem der Vorhang zugeht. Was man Regisseuren als Ausrede vorwerfen würde, verdient hier Lob. Dem Team um „Kurator“ (nicht Regisseur) Marcus Lobbes ist es beinahe gelungen, das unsichtbare Orchester Wagners durch nahezu unsichtbare, kaum unterscheidbare Sänger zu ergänzen.
„Siegfried“. Foto: Enrico Nawrath
Als Wagnerianerin geht die KI jedenfalls nicht aus dem optischen Dauerfeuer, mit dem sie eine herkömmliche Inszenierung ersetzt, durchs Ziel. Beabsichtigt war ein Gang durch die Geschichte der Ring-Inszenierungen seit 1876. Dies wird kombiniert mit ikonischen Erinnerungen ans Weltgeschehen, die in den Bayreuther Ringjahren zusätzliche Pausen-Gesprächsthemen gewesen sein könnten.
Skizzen und amorhe Formen
Was man zu sehen bekommt, ist eine pulsende Abfolge von Bildern, die sinnvollerweise mit Skizzen aus der Uraufführungsinszenierung beginnen. Dann aber wird mit einem Strom von Verwandlungen der Motive, Farben und Stimmungen, dem Mäandern zwischen konkreten und amorphen Formen nach eigenem Gusto fröhlich drauflos assoziiert. Da tauchen kurz die Wieland-Scheibe, der Cheréau Staudamm, Kupfers Laserstrahlen-Raum, Castorfs Motel oder Motive aus dem Schwarz-Ring sekundenlang in selbstverliebten Bild-Dekonstruktionen auf, die zwischen eigensinnig und sinnfrei hin und her wechseln. Das das mal zur Szene (wie etwa ein Wurm, eine Kröte, ein Vogel oder ein Ring) passt, entpuppt sich auf Dauer als Zufall (oder Ergebnis eines bewussten Eingriffs).
„Götterdämmerung“. Foto: Enrico Nawrath
Unabhängig von Musik und Handlung gibt es aber tatsächlich sehr viele, sehr schöne ästhetisch eigenständig bestehende Bilder. Wenn sich auch kein „richtiger“ Regisseur nach diesem Ring vor der KI fürchten muss, bei Malern und Grafikern kann man sich da nicht so sicher sein. Unabhängig davon hat die Binnenästhetik beim Umgang mit menschlichen Figuren und Gesichtern eine echte Schwachstelle. Wenn es über Skizzen hinaus geht, werden Gesichter oft mehr grenzwertig entstellt, als einen Bezug zu menschlichen Vorbildern zu evozieren. Bei den ikonischen Bildern schützt die Prominenz die Porträtierten. Man erkennt die meisten von den deutschen Kanzlern und amerikanischen Präsidenten bis zu den gut getroffenen Wagnerbrüdern Wieland und Wolfgang. Ob sich die diversen Platzierungen von Zeitgeistbelegen als sinnvoll erweisen, steht auf einem anderen Blatt. Auch geschmackliche Kollateralschäden sind bei dieser Regieersatz-Methode eingepreist.
Streitbares Gesamtkunstwerk
Geht man auf dieses Ring-Abenteuer ein, dann gibt es neben einem Gewöhnungseffekt immer mal die Hoffnung auf eine Lernkurve der KI. So wie bei der späten Er- beziehungsweise Beleuchtung des Personals. Am besten fährt man, wenn man zu vergessen versucht, was man normalerweise von einem Wagner-Gesamtkunstwerk erwartet. Bei dem, was man auf Premiumniveau zu hören bekommt, wird man jedenfalls daran erinnert, wie wichtig alle seine Bestandteile sind. Dazu gehört auch eine richtige, gerne auch streitbare Inszenierung.
