Mehr als ein Familienzwist

Tine Rahel Völcker: We are Family

Theater:Theater und Orchester Heidelberg, Premiere:01.03.2026Autor(in) der Vorlage:Euripides, Aischylos, SophoklesRegie: Jana VettenKomponist(in):Cornelius Borgolte

Das Theater und Orchester Heidelberg bringt „We are Family“ von Tine Rahel Völcker auf die Bühne. Regisseurin Jana Vetten nutzt dabei die antiken Verstrickungen, um unterschiedliche politische Repräsentationsformen nebeneinanderzustellen.

In „We are Family“ von Tine Rahel Völcker ist nicht der Song von Sister Sledge zu hören. Die Autorin benutzt hingegen in der Erzählung über eine bekannte Familie in ihrer Antikenüberschreibung Texte von Aischylos („Die Orestie“), Sophokles („Elektra“) und Euripides („Iphigenie auf Aulis“). Diese Überschreibung erzählt von den Kämpfen zwischen Matriarchat und Patriarchat. Ausgangspunkt ist die Gründung des Areopags in Athen als Urzelle einer demokratischen Gesellschaft – eine reine Männerangelegenheit.

Völcker erzählt diese Geschichte aus einer besonderen Perspektive. Aus der der Phryne, die Hetäre Agamemnons, die vergeblich Iphigenie zu retten versucht. Sie verehelicht sich mit Klytaimnestra, als der Feldherr zehn Jahre abwesend in Troja ist: Für zehn Jahre schaffen die Beiden eine gerechte Herrschaft. Daher erscheint es nur konsequent, dass Agamemnon nach seiner Rückkehr von seiner Frau ermordet wird.

Für die Demokratie?

So könnte alles gut enden, wenn da Elektra nicht wäre, die schließlich ihre Mutter umbringt, weil Orest nicht handeln will, und der Phryne als Mahl vorsetzt (da ist eigentlich die Geschichte von Atreus). Der heimkehrende Orest will alle Konflikte am runden Tisch lösen, aber Elektra will nicht reden, sondern handeln. Sie stellt sich gegen den Bruder – und gegen Phryne und deren feministische Wut. Sie paktiert mit dem Volk aus Mykenä gegen Orest, der sich als legitimer Nachfolger seines Vaters sieht.

Orest (von Leon Maria Spiegelberg als überzeugendes „Weichei“ angelegt) steht in diesem Kontext für eine demokratische Konfliktlösung im Diskurs, während die Elektra der Helene Krüger im Kampf auf populistische, faschistische Töne setzt: „Krieg ist Naturgesetz“, heißt es einmal von ihr. In diesem dritten Akt, den Völcker für die Heidelberger Aufführung neu geschrieben hat (die Uraufführung fand 2024 in Köln statt), steht das demokratische Prinzip auf der Kippe. Plötzlich endet auch die Leichtigkeit des Dialogs. Mit Schillers und Beethovens „Alle Menschen sind Brüder“ wird die Handlung pathetisch: Wie lässt sich Demokratie verteidigen?

Besondere Bühne

In der Heidelberger Aufführung brilliert mit dem Text das Bühnenbild von Camilla Hägebarth. Am Anfang, beim Prolog der Phryne, die Henriette Blumenau selbstbewusst auftrumpfend spielt, liegt in einem im Bühnenboden eingelassenen Loch ein großer Felsbrocken. Allmählich werden dann im Hintergrund Vorhänge hochgezogen. Und auch der Fels, der auf einer Drehscheibe montiert ist, kommt langsam mit dem Bühnenboden hoch. Schließlich hängt er über den Raum. Im dritten Akt dann ist er geteilt.

Auf der Bühne stehen links drei Regale. Rechts schauen sich zwei Spieler an, während über ihnen ein riesiger Felsbrocken bedrohlich schwebt.

Über allem schwebt ein riesiger Felsbrocken. Foto: Susanne Reichardt

Die Hälften liegen jeweils rechts und links an den Seiten vorne. Zudem wird die Bühne in einen Arbeitsraum eines Museums verwandelt. In Holzkisten werden Agamemnon (Friedrich Witte als gebrochener Charakter, der alle Last der Welt auf sich nimmt – und wiederum nicht), Menelaos (Steffen Gangloff) und Achill (Martin Wißner als blonder Schönling, der bei Konflikten kneift) als „Chor aus Marmor“ vorgeführt. Verschiedene Torsi und Relikte von antiken Körpern veranschaulichen, dass scheinbar museale Konflikte dargestellt werden – die sich mitnichten als vergangen herausstellen.

Politik im Konflikt

„We are family“ ist, wie es einmal im Text heißt, keine Familiengeschichte, sondern eine Untersuchung verschiedener politischer Repräsentationsformen. Auf deren Herausarbeitung legt die Regie von Jana Vetten großen Wert. Zunächst entwickelt sie mit großem Spaß Parodien männlicher Verhaltensformen, um, als es zum Streit zwischen den Frauen kommt, einen immer ernsteren Ton anzuschlagen. Sie macht deutlich, dass weder Zorn, wie Phryne ihn vorlebt, noch kraftloser Diskurs, wie Orest diesen praktiziert, noch der aktionistische Populismus der Elektra die Lösung sein können.

In ihrer Rollenarbeit mit der Klytaimnestra (Katharina Quast) wird das sehr deutlich. Da treffen sich zwei (K. und Phryne), die vom Leben geschunden eine andere Welt schaffen wollen. Dass gerade Iphigenie, die von Nele Christoph überzeugend den Umschlag vom eher verspielten Teenager zur patriotischen Heldin vorführt, zum Auslöser der Konflikte wird, gehört zu den Paradoxien politischer Geschichte. Sie wird zur Heldin, weil ihr Vater sie beeinflusst. Agamemnon flüstert ihr ein, sie könne mit ihrem Opfertod alle Frauen Griechenlands vor Übergriffen trojanischer Männer schützen. Irgendwie kommen solche Manipulationen einem bekannt vor.