An den Bühnen Halle wagt Sandra Hüller das außergewöhnliche Theater-Experiment „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ des iranischen Autors Nassim Soleimanpour, in dem sie ein ihr bis dato unbekanntes Skript spielt – ohne Proben, ohne Vorbereitung. Und das Publikum wird zum Komplizen.
„Einen schönen guten Abend!“ Direkt schallt es zurück: „Das ist aber nicht Frau Hüller“. Nein, das ist Mille Maria Dalsgaard, die künstlerische Leiterin des neuen theater halle, die die Spielregeln für diesen Abend erklärt. Dann betritt Sandra Hüller die Bühne, Dalsgaard überreicht ihr einen verschlossenen Umschlag und verabschiedet sich. Die Schauspielerin setzt sich an einen kleinen Holztisch, öffnet den Umschlag. „Okay“, sie richtet ihre Brille und beginnt das Skript vorzulesen. In den nächsten 80 Minuten werden wir zu einer verschworenen Gemeinschaft. Werden uns auf ein Experiment einlassen, dessen genauer Inhalt – das ist die Verabredung – nicht nach außen kommuniziert wird.
Globale Erfolgsgeschichte
„Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ des iranischen Autors Nassim Soleimanpour wurde 2011 uraufgeführt. Seitdem unternahm das Stück eine Erfolgsreise: in über 50 Ländern gespielt, in über 15 Sprachen übersetzt, mehr als 3.000 Aufführungen und mehr als 3.000 Menschen – Schauspieler:innen wie Nicht-Schauspieler:innen –, die dieses Stück bisher zur Aufführung gebracht haben (aktuell steht es auch in Nürnberg auf dem Spielplan, unter anderem mit Schauspieldirektorin Lene Grösch). Die Besonderheit dieses Stücks: jede:r Spieler:in wird es nur ein einziges Mal spielen – spielen können. Denn, zweite Besonderheit: der Text, der Inhalt dieser Lecture Performance ist der Spielerin, dem Spieler vorher nicht bekannt. Er oder sie geht blank auf die Bühne, öffnet einen Umschlag, in dem sich der Text befindet und liest bzw. spielt ihn – prima vista.
Ohne Proben, ohne Inszenierung, ohne die ganzen vorgeschalteten Abläufe, die durchlaufen werden, bevor ein Stück normalerweise Premiere hat. Kein Bühnenbild, nur ein paar wenige festgelegte Requisiten und den besagten Umschlag, in dem sich der Text von Nassim Soleimanpour befindet, den der oder die Spieler:in zum ersten und einzigen Mal liest und performt. Denn hat ein:e Spieler:in einmal das Experiment gewagt, ist das Stück für den- oder diejenige verbrannt. Deswegen gilt: Nicht spoilern! Wenn man weiß, was passiert, darf man es nicht mehr spielen. Auch Foto- und Filmaufnahmen sind strikt untersagt. Das Stück lebt (auch) von seiner geheimnisvollen Aura, die es umweht.
Bekannt ist so viel: Das Stück ist eine Mischung aus Fabel und philosophischem, gesellschaftlichen Gedankenexperiment. Es geht um Macht, Manipulation, um Fragen der Verantwortung und des Vertrauens und macht das Publikum zum Teil des Geschehens. Auch ist bekannt, dass die, der jeweilige Spieler:in als Medium, als Stimme des Autors fungiert, der nicht anwesend sein kann.
Der Text als Sprachrohr des Autors
Diese Stellvertreterrolle übernimmt Hier und Heute in Halle die Schauspielerin Sandra Hüller. Und genau diese Idee der Stellvertretung wird zu einem gewissen Fallstrick des Abends. Warum?
Die Grundidee des Autors war, als er das Stück 2010 schrieb, dass sein Text an seiner Stelle durch die Welt reisen und sein Sprachrohr werden sollte, in einer Situation, in der er den Iran nicht verlassen durfte. Weil Souleimanpour den verpflichtenden Wehrdienst verweigerte, wurde ihm der Pass entzogen. Eine Ausreise war unmöglich. Durch den Text hindurch spricht Souleimanpour zu uns, adressiert das Publikum, seine stellvertretende Sprecherin. Der Autor spricht aus dem Jahr 2010 zu uns und stellt Fragen, die ins Heute reichen. In dieser Dimension ist der Text selbstreferentiell und spiegelt den Anwesenden, unter welcher Prämisse das Stück entstanden ist. Ein Spiel mit der Abwesenheit.
Doch jetzt folgt das Aber… Und das ist wirklich schade zu sagen, es knarzt in der Setzung. Denn der Autor ist – anwesend. In Unkenntnis des Textes hatte Mille Maria Dalsgaard, (sie möchte sich der Herausforderung auch noch stellen – die Reihe wird nächste Spielzeit fortgesetzt), ausgeplaudert, dass Nassim Souleimanpour heute Abend tatsächlich anwesend ist. Wo dieser sonst darum bittet, einen Stuhl in der ersten Reihe für ihn freizulassen, sitzt er nun. Und das führt dazu, dass man sich im Laufe der Lecture Performance dabei ertappt, innerlich zu sagen: Aber er ist ja da, er sitzt ja da. Die Imagination ist dahin. Hätte man ihn am Schluss auf die Bühne geholt, der Ah-Effekt wäre immens gewesen.
Riskante Mutprobe ins Unbekannte
Und auch vor dem Hintergrund der aktuellen geopolitischen Ereignisse im Iran sollte man meinen, dass der Text eine besondere Brisanz bekommt. Doch führt – zumindest in dieser Aufführung – das Gehörte nicht dazu, dass es einem die brutale Gegenwart vor die Füße knallt. Stattdessen wirkt der Text in der Zeit stehengeblieben, als müsste er weitergeschrieben, um ein zusätzliches Kapitel ergänzt werden.
In „Weißes Kaninchen, rotes Kaninchen“ ist der/die Spielende vollkommen auf sich zurückgeworfen. Alles ist im Entstehen in der Sekunde des Aufführens, im Moment des In-Erscheinung-Tretens. Ohne Zweifel ist diese Situation eine außergewöhnliche Mutprobe. Die Konfrontation mit dem Unbekannten macht etwas mit den Spieler:innen, das ist auch Sandra Hüller anzumerken. Und vielleicht ist der Effekt auf die Spielenden ungleich stärker als auf die Zuschauenden. Dieses ad hoc performen müssen – die Fallhöhe erscheint immens. Vielleicht noch viel höher für eine so gefeierte Schauspielerin.
Doch das hallesche Publikum ist alert und macht sich gern zu ihrem Komplizen. Einzig der anfangs jede Aktion honorierende Applaus drückt zwar diese Allianz aus, reißt aber auch immer wieder den inhaltlichen Faden ab, sodass vor allem die Impro-Passage fahrig gerät. Danach setzt eine Tempodrosselung ein, mit der die Botschaft Soleimanpours an Raum gewinnt – allerdings bleibt man etwas ernüchtert über die fehlende Tiefgründigkeit zurück. Auf der Bühne begegnet man einer puren Sandra Hüller, die sich in diesem wahrgewordenen Schauspier:innenalptraum souverän ins Risiko fallen lässt.