Foto: Florian Graf und Matthis Heinrich in „Tom auf dem Lande“ am Staatstheater Meiningen. © Christina Iberl
Text:Roland H. Dippel, am 24. Mai 2026
Am Staatstheater Meiningen inszeniert Simon Werdelis „Tom auf dem Lande“. Das Stück von Michel Marc Bouchard konfrontiert sein Publikum mit den Auswirkungen von selbstgeißelnder Rücksichtnahme und sozialen Zwängen auf queere Identitäten.
Noch immer wirkt Michel Marc Bouchards Stück „Tom auf dem Lande“ als ein gewaltiger und vergewaltigender Text, obwohl die Uraufführung in Montréal 2011 und die deutsche Erstaufführung in Münster 2016 durch vom Meininger bald in ein Coburger Interim wechselnden Schauspieldirektor Frank Behnke schon über ein Jahrzehnt zurückliegen. Denn es geht um weitaus mehr als um die noch immer virulente Queerfeindlichkeit in ländlichen Regionen. Es geht um die Wahrheit in Familien und engen Beziehungen, die Unterdrückung von Identitäten aus sozialer Kontrolle und selbstvergewaltigender Rücksichtnahme. Aber auch um Halbgewissheiten über das, was nur falsch oder gefiltert nach außen dringen darf und doch längst klar ist.
Der Werbedesigner Tom kommt nach dem Tod seines Partners Guillaume zu dessen Mutter Agathe und Bruder Francis. Auf dem Land muss Tom erleben, dass weder von seiner Beziehung zu Guillaume noch von dessen sexueller Orientierung etwas in der Familie, geschweige denn in der Öffentlichkeit bekannt ist. Dichtung und Wahrheit durchdringen sich mit Perfidie und Grausamkeit. Der seinem toten Bruder an Attraktivität ähnliche Francis hat mit einer von ihm erfundenen, also nicht realen Freundin Guillaumes ein lange funktionierendes Täuschungsnetz über dessen Schwulsein gelegt, für das er Tom zu instrumentalisieren versucht.
Bouchard vernichtet jede seiner drei Hauptfiguren. Die Mutter lehnt das Gefüge des normgerechten Außenbildes und des gefährdeten Landwirtschaftsbetriebs aufrechterhaltenden Francis ab und akzeptiert den toten Guillaume so, wie er war. Auch Frank Heiberts Übersetzung macht deutlich, dass in Bouchards Text neben diesem Hauptthema ein ganzer Kosmos von kulturellen Kontexten mitschwingt.
Beklemmend und befreiend
Wie inszeniert Simon Werdelis mit der Erfahrung der eigenen Verkörperung von Wedekinds benutzter, missbrauchter, durchtriebener, gemeuchelter Lulu vor drei Jahren in Dresden diese Handlung? Auf alle Fälle schwingungsreich und sogar geheimnisvoll. Werdelis setzt in den Kammerspielen einen beklemmend nahen und insgeheim werbenden Schlagabtausch der beiden Männerfiguren. Man merkt in der ersten Sekunde, dass auch hinter dem sympathischen Grundleuchten von Mutter Agathe Abgründe lauern. Zu den drei Hauptfiguren kommt Louise Debatin als Sara, die kurzfristig und in einem kläglich endenden Rollenspiel Francis‘ Fiktivbild von Guillaumes Freundin mimt. Das verlangt ihren drei Kolleg:innen ein beträchtliches Ringen um Wandlung und Entwicklung ab. Matthis Heinrich gibt einen Tom, der bei der Familie seines bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen Partners einen drastischen Perspektivenwechsel auf das Sein durchlebt.

Francis (Florian Graf) würgt Tom (Matthis Heinrich). Foto: Christina Iberl
Erst lässt Werdelis die klassischen Klischeescharniere von Hetero-Derbheit und Homo-Sensibilität wie geschmiert funktionieren. Der emotional poröse Tom ist modebewusst, innig erfüllt von magischen und erotischen Erinnerungen an seine tote Liebe. Francis dagegen ist in Latzhosen der gewaltbereite Grobian mit schwieligen Händen und Stallgeruch. Schnell wendet sich das Blatt: Florian Graf wird als Francis zur Sympathiefigur. Man kann sich die durch psychologische Virtuosität starke Inszenierung mit mehr Wissen um die subtilen Verstrickungen und ihre moralischen Systeme – hier das Funktionieren, dort der maßvolle Ausbruch – gut ein zweites Mal anschauen.
Sexuelle Offenheit
Max Schwidlinskis Vision vom Landleben lässt im soghaft dunklen Bühnenraum schaudern. Kalte Wände und Böden, Plastiksäcke mit Saatgut und undefinierbarem Inhalt, ein Ventilator XXL und Rückzugsnischen auf Plastiksäcken, wenn der nichtschwule Francis sich vom schwulen Tom zärtlich berühren lässt. Eine Verstörung gleich in den ersten zehn Minuten. Da sehnt sich Tom mit derart erotischer Eindringlichkeit nach körperlicher Nähe mit dem toten Freund, wie das vor einem ganzheitlichen Publikum zum Beispiel in der jungen Frauenliteratur der späten 1980er Jahre mit derartiger Offenheit geschah (wohlgemerkt ohne pornographisches Provokationsgebaren!).
Da geht es neben Sinnlichkeit und Emanzipation auch um den tabulosen Moment von Ekstase und Mysterium, welcher mit genuin theatralen Mitteln viel mehr zu queerer Gleichstellung in der kulturellen Wahrnehmung beiträgt als theoretische Traktate und katechetische Bekenntnisse. An anderen Stellen ist die Meininger Produktion brutal und tieftraurig, weil weder die nicht gezeigte Natur noch die Menschen in Ordnung sind. Wenn Christine Zart den Sohn Francis von sich stößt, obwohl der doch bei ihr geblieben ist, hat das in der Weichheit auch unwiderrufliche Härte. Sperrs „Jagdszenen aus Niederbayern“ treffen auf du Mauriers „Rebecca“. Und Bouchard geht noch viel weiter.
Werdelis‘ Distanz zu einer homogen realistischen Spieldurchführung holt das Publikum nicht ab und lässt es an entscheidenden Stellen bei der Erkenntnis-, Haltungs- und Meinungsbildung allein. Paradoxien, Widersprüche und Brutalität entstehen von außen, aber mehr noch von innen und über Bouchard hinaus. Klamme Ovationen für einen wichtigen Theaterabend.