Nachruf: Zum Tod von Siegfried Matthus

Von Detlef Brandenburg am 30.08.2021 • Bild: Uwe Hauth
Das Bild zeigt: Der Komponist Siegfried Matthus starb im Alter von 87 Jahren

In der weiland Deutschen Demokratischen Republik war Siegfried Matthus eine der prägenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musikszene. Ja, es war maßgeblich ihm zu verdanken, dass eine solche Szene überhaupt entstehen und Öffentlichkeitswirkung entfalten konnte. Dazu trug Matthus nicht nur als Komponist, sondern auch als Lobbyist, Funktionär und Strippenzieher bei. In dieser Doppelbegabung war er seinem westlichen Kollegen Peter Ruzicka nicht ganz unähnlich, nur wesentlich extrovertierter. So wurde Matthus zu einem der bekanntesten und meistgespielten Komponisten aus der DDR, dessen Werke auch international Anerkennung fanden. Der heutigen Gegenwart ist er auch als Gründer und langjähriger Leiter der Kammeroper Schloss Rheinsberg präsent. Über mehr als zwei Jahrzehnte hat er das Opernfestival geprägt.

Er stammte, geboren am 13. April 1934 in Mallenuppen (Ostpreußen), aus einfachen Verhältnissen. Die Eltern waren Bauern, die Mutter verdiente mit Schneidern etwas dazu, der Vater mit Violinspiel auf dörflichen Festen. Im Oktober 1944 floh die Familie vor der Roten Armee und fanden schließlich ein Unterkommen im Landkreis Ruppin. Der Vater lehrte Siegfried das Geigen- und Trompetenspiel. Später, an der Oberschule in Rheinsberg, übernahm der schon in der zwölften Klasse die Leitung des Schulchors, für den er auch komponierte. Von 1952 bis 1958 studierte Matthus an der Deutschen Hochschule für Musik in Ost-Berlin Chor- und Ensembleleitung, seit 1956 auch Komposition. Von 1958 bis 1960 war er Meisterschüler von Hanns Eisler und danach bis 1964 freischaffender Komponist.

Er war in jeder Hinsicht extrem umtriebig und fleißig. Sein Œvre umfasst 14 Opern, über 60 große Orchesterwerke, Kenner beziffern sein Schaffen auf über 600 Werke. 1983/84 entstand nach einer Erzählung von Rainer Maria Rilke seine heute wohl bekannteste Oper: „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“. In der Begründung, mit der ihm 1998 der Preis des Verbandes der deutschen Kritiker verliehen wurde, klingt der Grundzug dieses reichen Schaffens an: „Siegfried Matthus gelingt das Kunststück, verbreiteten Hörgewohnheiten entgegenzukommen, ohne deshalb ins Kompromiss- oder Klischeehafte zu verfallen“.

Dieses „Entgegenkommen“ prägte Matthus in mancher Hinsicht. Er wollte die Menschen mit seiner Musik erreichen und er brachte sich ein: in die Institutionen, die Gremien, die wichtigen Zirkel. Walter Felsenstein holte ihn 1964 an die Berliner Komische Oper, wo er zusammen mit Götz Friedrich und Harry Kupfer lange als Berater und Dramaturg für zeitgenössische Musik und als Komponist wirkte. 1972 übernahm er eine Meisterklasse an der Akademie der Künste der DDR. Mit der Reihe Kammermusik im Gespräch beförderte er von 1966 bis 1988 das Verständnis moderner klassischer Musik in der DDR. 1985 wurde er zum Professor ernannt, 1969 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Berlin (Ost), wo er ab 1972 eine Meisterklasse leitete und Sekretär der Sektion Musik war. 1976 wurde er zudem Mitglied der Akademie der Künste Berlin (West) sowie 1978 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.

Auch im vereinten Deutschland wusste er sich zu etablieren. 1990 gründete er im brandenburgischen Rheinsberg das Internationale Festival junger Opernsänger Kammeroper Schloss Rheinsberg, das er bis 2014 leitete. Im August 1991 startetet die Kammeroper vor der Kulisse des damals noch als Sanatorium genutzten Schlosses mit einer Aufführung seiner Rilke-Oper, 1999 konnte er mit der Uraufführung seines eigens für diesen Anlass geschriebenen „Kronprinz Friedrich“ das wiedererbaute Schlosstheater eröffnen. Unzählige Nachwuchssänger kommen jährlich zu den Vorsingen, Konzerten, Meisterkursen und Opernaufführungen – Matthus vermerkte stolz, dass es kaum eine renommierte Bühne weltweit gebe, an der nicht schon ehemalige Teilnehmer seiner Kammeroper aufgetreten seien. Ihm schwebte der Traum einer Wiederbelebung des einstigen „Musenhofes“ der Preußenprinzen Friedrich und Heinrich vor. Beobachter meinten in seinem Führungsstil aber auch Züge eines Sonnenkönigs zu erkennen. Wozu passte, dass er 2014 seinen Sohn Frank zum Nachfolger bestimmte. Als die Politik einige Jahre später den Intendantenposten mit Georg Quander besetzte, wandte sich Matthus im Zorn vom Festival ab.

Nun hat er seinen Frieden gefunden. Am 27. August ist Siegfried Matthus laut seiner Familie nach schwerer Krankheit entschlafen. Er wurde 87 Jahre alt.