eine Person liegt zusammengerollt auf einer sonst sehr dunklen Bühne

Virus der Erinnerung

nach Yishai Sarid: Monster

Theater:Schauspiel Köln, Premiere:30.10.2026Vorlage:MonsterAutor(in) der Vorlage:Yishai SaridRegie:Itay Tiran

Am Schauspiel Köln inszeniert Itay Tiran „Monster“ nach Yishai Sarids gleichnamigem Roman über deutsche Vernichtungslager und Erinnerungskultur. Steffen Siegmund widmet sich im ruhelosen Solo einer von Traumata zerstörten Erzähler-Figur.

In einem einnehmenden Sog ergießen sich Steffen Siegmunds Worte über das Publikum in einem inhaltlich fast überfordernden Tempo. Eine Überforderung, in der sich seine Figur selbst wiederfindet. Im Spotlight der Scheinwerfer sitzt er zu Beginn auf gleichförmigen, schwarzen, mit ebenso schwarzer Asche bestreuten Stufen, die die Bühne bilden (Bühne und Kostüm: Jessica Rockstroh). Dort berichtet er von Schüler:innen-Gruppen und Touristen, die er als „Experte für Vernichtungslager“ durch Belzec, Treblinka, Sobibor oder Auschwitz führt.

„Monster“ nach Yishai Sarids gleichnamigem Roman widmet sich dem „Monster Erinnerung“, das in der Beschäftigung mit den Todeslagern der Deutschen lauert. Der israelische Tourguide, den Siegmund spielt, hat in Holocauststudien promoviert, denn „von der Shoa kann man leben“, wenn man als Historiker in Israel bleiben möchte. Also stürzte er sich in der Ausbildung in die Geschichte. Jahr für Jahr führt er Menschen durch diese Stätten der Grausamkeit. Und nun ist er konfrontiert mit seinem eigenen Umgang und dem seines Publikums. Bis Traumata und Unverständnis für Kommerzialisierung, nationalen Pathos, emotionale und politische Instrumentalisierung sich über sachliche Distanz schieben. Sein eigenes inneres Monster gedeiht mehr und mehr.

Stoische Dringlichkeit

So schonungslos Sarids Text von Vernichtung und moralisiertem Gedenken erzählt, so bewegt sich auch Siegmund auf der Bühne. Im zerschlissenen, schwarzen Mantel kriecht er erst durch die Asche, navigiert durch diesen düsteren, von der Vergangenheit zerstörten Raum, der ihn schon lange eingenommen hat. Seinem anderthalbstündigen Monolog, den er mit stoischer Dringlichkeit vorträgt, setzt Regisseur Itay Tiran abrupte Zäsuren entgegen: Eingesprochene Ausschnitte aus Paul Celans „Todesfuge“ oder Franz Schuberts „Erlkönig“ hallen über die kleine Bühne des Kölner Schauspiels (Musik Dori Parnes).

eine Person läuft auf einer Theaterbühne eine Treppe hoch mit ausgestreckten Armen und einer schwarzen Jacke mit der Aufschrift „Experte für Vernichtungslager“

Steffen Siegmund. Foto: Anna Sorgalla

Rockstroh zeichnet Siegmunds Transformation vom eifrigen Historiker, der seine kleine Familie in Israel ernähren muss, hin zur glattgeschniegelten, rasierten Version des anerkannten Vernichtungslager-Experten. Seine äußere Identität wächst durch die Bestätigung seiner Arbeit oder den Stolz seiner Frau, während sein inneres Trauma ihn schon zerrissen hat.

Keine Versöhnung

Sarids Text zielt nicht auf Versöhnung und ebenso wenig tut es Tirans Inszenierung. Die Zuspitzung des Stücks entlädt sich im von Siegmund erinnerten Gespräch mit Schüler:innen. „Ich denke, zum Überlegen müssen wir auch ein bisschen Nazis sein“, sagt einer und Siegmund bricht vor den moral-schockierten Lehrer:innen in eine Tirade aus: Allein Macht, Kraft und Stärke regierten die Welt, Gewissen oder Anstand belasteten bloß die Seele. Sarids Figur und Siegmund auf der Bühne sind vom engagierten, professionellen Historiker zum Monster der eigenen Geschichte geworden.

Tiran taucht in seiner Inszenierung in zerstörerische Erinnerungskultur ein, die aktuelle Fragen aufgreift, wie wenn sich Siegmund von israelischen, in Flaggen gehüllten Schüler:innen erzählt, die über Araber flüsterten, mit denen man es genauso machen sollte. Das spiegelt das menschliche Verständnis eines „wir“ und „die“, das sich bis heute durch die Geschichte zieht. Das Inszenierungsteam öffnet die Bühne für Sarids kaum abreißende Text-Flut. Nur in wenigen Pausen stellt sich die Leere ein, die Zerstörung und Gewalt auslösen. Siegmund wirkt dabei wie ein Medium, das losgelöst von der eigenen Selbstwahrnehmung in der Geschichte untergeht. So bleibt als Eindruck von seiner einnehmenden, beeindruckenden Solo-Leistung eine vielleicht auch gewollte Distanz und Abgestumpftheit anstatt die Befreiung seiner Figur.